> > > Glinka, Mikhail: Ivan Susanin
Montag, 6. Dezember 2021

Glinka, Mikhail - Ivan Susanin

Aus der Mode gekommen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Glinkas 'Ivan Susanin' bringt Brilliant in einer Wiederauflage einer Produktion aus Sofia. Das Ergebnis weiß über weite Strecken zu überzeugen.

Die Opern von Michail Glinka, 'Ruslan i Ljudmila' wie auch 'Ivan Susanin' (eigentlich 'Sziszn sza zarja', Ein Leben für den Zaren) gehören nicht zu den Lieblingen der heutigen Zeit. So historisch wichtig sie für die Schaffung einer russischen Nationaloper waren, so problematisch scheint heute ihr Status als Zwischenstufe zwischen ‚internationaler Klangsprache‘ der ersten Hälfte 19. Jahrhunderts und einem genuin russischen musikalischen Duktus. 'Sziszn sza zarja' ('Ivan Susanin' war nur der Arbeitstitel gewesen) entstand 1834-6; die vieraktige Oper mit Epilog brachte dem zweiunddreißigjährigen Komponisten den Durchbruch. Und so ist es ein wenig überraschend, dass in den vergangenen zwanzig Jahren keine Neueinspielung der Oper vorgelegt wurde (die jüngste Produktion ist eine DVD aus dem Bolschoi-Theater mit Jewegenij Nesterenko von 1992). Die nun bei Brilliant wieder aufgelegte Einspielung unter Ivan Marinov aus dem Jahre war zwischenzeitlich bei Capriccio lieferbar gewesen, erschien aber ursprünglich bei dem Label Balkanton. Eine russische Oper aus Bulgarien also, aus der Nationaloper Sofia, aber mit Musikern, die sich dem damaligen sowjetischen Geist noch zutiefst verbunden fühlten (auch Emil Tchakarovs Einspielung der Oper von 1989, die bei Sony erschien, entstand in Sofia).

Über das Werk erfahren wir im Booklet so gut wie nichts – außer einer kurzen Inhaltsangabe auf Englisch und einem Tracklisting (nur mit deutschen Textinformationen) ist es so gut wie inexistent. Die Balkanton-Reihe (noch ein paar weitere Werke wurden seinerzeit von Capriccio übernommen, darunter 'Chowanschtschina', Rimsky-Korsakows 'Snegurotschka' und 'Solotoj petuschok', andere erschienen bei Sony) zeigt ausnahmslos hohe Qualität, wenn auch nur selten Ausnahmeleistungen zu erwarten sind.

Im Vergleich zu der renommierten Pariser EMI-Einspielung von 'Sziszn sza zarja' unter Igor Markevitch von 1957 (noch in Mono) ist die Aufnahme aus Sofia nicht nur deutlich vollständiger (sie dauert gut 40 Minuten länger), sondern auch vom Gesamtgestus her entspannter – oder auch spannungsloser. Wo Markevitch die Partitur energiegeladen vorantreibt, den Orchesterklang formt und strukturiert, bleibt Marinov eher zahm und nicht übermäßig sorgsam im Detail (nicht dass man das merkte, kennte man Markevitch nicht).

Zentrale Bedeutung in der Oper hat der Chor, und hier zeigt der Chor der Nationaloper Sofia, dass er (wie seinerzeit auch die Chöre in Belgrad oder Warschau) das russische Idiom seinerzeit bestens beherrschte (nicht überraschend hat auch Markevitch auf den Chor der Oper Belgrad zurückgegriffen), auch wenn gleich in der ersten Szene das Fugato nicht völlig prägnant gerät. Doch wo es an Prägnanz mangelt, da ist tiefes Verständnis für die zu singende Sprache zu spüren.

Nur vier Solisten benötigt Glinka für seine episch-dramatische Oper: Susanin (Bass), seine Tochter Antonida (Sopran), Bogdan Sobinin, Antonidas Bräutigam (Tenor) und Vanja, eine Waise (Alt). Für die Titelrolle wird ein Sänger aufgeboten, der wegen der Namensähnlichkeit zu einem anderen häufig nicht genügend Anerkennung hat gewinnen können: Nicola Ghiuselev (Jürgen Kesting etwa ignoriert ihn). Der 1936 geborene gebürtige Bulgare errang erste Anerkennung schon in den 1960er-Jahren, als er in den großen Decca-Produktionen von 'La Gioconda' und 'Les Huguenots' sowie in Cluytens’ Stereo-'Les contes d’Hoffmann' für EMI mitwirkte. Neben Boris Martinovic, Dimiter Petkov und Nicolai Ghiaurov wirkte er 1986/7 unter anderem in Tchakarovs Einspielungen von 'Boris Godunov' und Borodins 'Knjas Igor' mit. Seine typisch slawische Stimme ist charaktervoll und ausdrucksstark, nicht ganz unähnlich der Stimme Boris Christoffs (eines berühmten Exponenten des Susanin), bestens geeignet für die komplexe Rolle des Ivan Susanin. Nicht ganz so glücklich besetzt ist der Bogdan Sobinin mit Roumen Doikov, einem Ensemblemitglied der Nationaloper Sofia, von dem man aber international seither nichts mehr gehört hat. Seiner Stimme mangelt es an der Noblesse eines Wieslaw Ochman oder eines Nicolai Gedda (letzterer buchstabiert allerdings, bei aller Stimmschönheit, die Rolle unter Markevitch), gerade in der Höhe ist er unstet, doch passt seine Stimme insgesamt gut zu jener der Sängerin der Antonida, Elena Stoyanova. Luxuriös kann Markevitch hier mit Teresa Stich-Randall aufwarten, Stoyanova ist der Rolle fast ebenso gut gewachsen (ihre fehlt es an der Zerbrechlichkeit in der Stimme der Amerikanerin), dafür hat sie den Vorteil des slawischen Einschlags in der Stimme, der zur Antonida bestens passt. Hristina Angelakova ist eine zu Herzen gehende Vanja, nur singt sie leider immer wieder einen Hauch zu tief, was ihre Leistung aber kaum beeinträchtigt.

Insgesamt hat Ivan Marinov (1928–2003), seit den frühen 1960er-Jahren eine bedeutenden Dirigentenpersönlichkeit in Bulgarien, eine (auch klangtechnisch) überzeugende, wenn auch nicht insgesamt überragende Interpretation vorgelegt, aus der die Leistung Nicola Ghiuselevs deutlich hervorragt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Glinka, Mikhail: Ivan Susanin

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
02.09.2011
Medium:
EAN:

CD
5028421942209


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Juristenhobby: Der Sohn eines Thomaskantors auf ländlichen und städtischen Wegen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Königliche Hofmusikerin: Élisabeth Jacquet de la Guerre hinterließ ein allzu schmales Oeuvre für Tasteninstrument. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unsentimental: Maurizio Paciariello spielt die drei Klaviersonaten aus dem Jahr 1936 von Paul Hindemith. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Verbeugung vor den Damen: Ein vergessenes Werk von Ethel Smyth und ein Geschenk zum hundertsten Geburtstag. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Ohne Ergänzungen: Schubert-Sinfonien vollständig und unvollendet – und (fast) ohne Fremdeingriffe. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Bach mit Herz und Seele: Claire Huangci empfiehlt sich mit ihrem neuen Album für weitere Bach-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich