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Sonntag, 29. Januar 2023

Schumann, Robert - Die 4 Symphonien

Schumann in Farbe


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gustav Kuhns Zyklus der Schumann-Sinfonien besticht vor allem durch eine subtile Herausarbeitung klangfarblicher Mischungen.

Es ist bezeichnend, dass einer der klangfarbenreichsten Zyklen der Sinfonien von Robert Schumann bei einem Label erscheint, das nicht zuletzt durch die farbenfrohe Gestaltung seiner Produkte auffällt. Col Legno veröffentlichte jüngst eine Doppel-CD mit Schumanns Sinfonien, gespielt vom Haydn Orchester von Bozen und Trient unter der Leitung von Gustav Kuhn. Nach den von der Musikkritik einhellig gelobten Gesamteinspielungen der Sinfonien von Beethoven und Brahms nahm sich Kuhn nun der Beiträge Schumanns an. Aufgenommen wurden sie sämtlich letztes Jahr im Auditorium Haydn in Bozen.

Klangfarben

Auf der ersten Seite des Beihefts findet sich eine Bemerkung der Herausgeber. Man liest: ‚Schumann hören! Das war die maßgebende Intention bei der vorliegenden Einspielung seiner vier Symphonien.‘ Die Aussage ist einerseits trivial; was bleibt einem bei einem Tonträger schon anderes übrig als zu hören? Andererseits: Was man hier zu hören bekommt, bietet in der Tat hinsichtlich des Klangs, genauer: der Klangfarben interessante und eindrückliche Hörerfahrungen. Gustav Kuhn hat sich ein Orchester zusammengestellt, das in etwa den Proportionen von Orchestern zur Zeit Schumanns (etwa denen des Gewandhausorchesters Leipzig) entspricht. Anders als so mancher aus dem Lager Alter Musik, der eine solche Orientierung ebenfalls in Aussicht stellte und dann doch das Streicherübergewicht moderner Sinfonieorchester übernahm, stellt Kuhn dem fein ausgehörten und mit solidem Bassfundament ausgestatteten Streicherkorpus einen herrlich leuchtenden Bläserapparat entgegen. Das lässt gerade die Sinfonien Schumanns, die auf eine stets changierende Mischung von Bläsern und Streichern hin instrumentiert sind, in sowohl satten Farben als auch subtilen Farbüberblendungen erstrahlen.

Erfreulich ist zudem, dass vor allem die Blechbläser des Haydn Orchesters von Bozen und Trient in den Gesamtklang zwar integriert werden, aber doch Akzente setzen können. Im Gegensatz zu mancher Naturtrompete, die bei anderen Interpreten lauthals hervorbletzt, staffelt Kuhn die Stimmen und Instrumentalfarben sehr gekonnt – und stets im Dienste der Musik und ihrer Ausdruckswerte. So dürfen etwa die Trompeten in der langsamen Einleitung des Kopfsatzes von Schumanns Zweiter Sinfonie C-Dur op. 61 die genau dem natürlichen Taktgewicht entgegengestellten Crescendi voll auskosten. Auch die Hörner und Posaunen leisten hier Vorbildliches.

Anknüpfungspunkte

Spannend ist Gustav Kuhns Schumann-Zyklus nicht zuletzt deswegen, weil der Dirigent in seinen Lesarten der vier Sinfonien durchaus an verschiedenen Punkten der Aufführungstradition anknüpft. Während seine sehr fein ziselierte, duftige und helle Präsentation der Ersten Sinfonie B-Dur op. 38 (‚Frühlingssinfonie‘) ein wenig an jene von Harnoncourt erinnert, nimmt er mit der sehr langsam und dunkel-dräuend genommenen Einleitung zur Vierten Sinfonie d-Moll op. 120 Fäden der Aufführungstradition wieder auf, die einstmals mit Bernstein, Böhm, Krips oder Furtwängler fallengelassen wurden; einzig Barenboim führt in Gegenwart eine solcherart vollmundig-kraftvolle Schumann-Lesart fort.

Gustav Kuhns durchaus unterschiedliche Zugänge zu Schumanns Sinfonien wirken indes keineswegs beliebig. Stets basieren sie auf sorgsamer Präsentation der dichten orchestralen Textur und der Modellierung musikalischer Charaktere mittels farbigem Klang, spannungsvoller Phrasierung und meisterlicher Gewichtung der Stimmen. Freilich könnten manche Ausdruckswerte noch prägnanter zugespitzt werden: Dem Perpetuum-mobile-Satz (dem zweiten) der Zweiten Sinfonie eignet hier nicht jenes Maß an Überdrehtheit, das ihm andere Interpreten zukommen ließen, und auch das Finale könnte in seinem manischen Charakter etwas zugespitzt werden. Doch dies sind kleine Wermutstropfen angesichts einer ‚Rheinischen‘, die von Anfang bis Schluss schlichtweg erstklassig gelungen ist und einer d-Moll-Sinfonie, deren Seitenthema im Finale endlich einmal wieder Sanglichkeit atmet.

Gustav Kuhns Schumanns-Zyklus, der sich in seinen Tempodispositionen eher an der Aufführungstradition denn Schumanns Metronomisierungen orientiert zeigt, mag insgesamt nicht ganz so originell sein wie der von Harnoncourt und orchestral nicht ganz so perfekt wie jener des Schwedischen Kammerorchesters unter Thomas Dausgaard. Doch im Gegensatz zu letzterem, den zuweilen eine Kühle der Hypergenauigkeit umweht, ist die Gesamtaufnahme der Schumann-Sinfonien mit dem Haydn Orchester von Bozen und Trient von einer Geschlossenheit und Wärme der Farbgebung bestimmt, die diesen Zyklus zu einem der besten der letztens erschienen machen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Die 4 Symphonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
2
16.09.2011
Medium:
EAN:

CD
9120031340751


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col legno

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Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

col legno - new colors of music

 


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