> > > Ensemble Aventure Octandre: Werke von Varèse, Luzuriaga, Bruttger u.a.
Sonntag, 17. November 2019

Ensemble Aventure Octandre - Werke von Varèse, Luzuriaga, Bruttger u.a.

Klare Linien


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Octandre-Projekt des Ensembles Aventure in Wiedervorlage.

Das Werk von Edgar Varèse (1883-1965) ist schmal, doch einflussreich. 'Octandre' heißt eines seiner Kompositionen, dessen ausgefallene Instrumentenkombination (Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott, Horn, Trompete, Posaune und Kontrabass) eine eigene Besetzungstradition – eben die ‚Octandre-Besetzung‘ – begründete. Die erste Hälfte der 1990er-Jahre brachte einen ganzen Schwung von Werken, die sich ausdrücklich in diese Tradition einschreiben: Im Rahmen des ‚Octandre-Projekts‘ des Ensembles Aventure wurden Kompositionsaufträge an einige zeitgenössische Komponisten erteilt, die die von Varèse gelegte Spur auf je eigene Weise weiterverfolgten. Die Ergebnisse wurden vor mittlerweile gut eineinhalb Jahrzehnten auf einer CD des Labels Ars Musici dokumentiert, die jetzt wieder neu aufgelegt worden ist.

Die Darbietungen der zu hörenden sieben Werke (inklusive des Varèseschen Ur- und Vorbildes) sind genau und sorgfältig ausgearbeitet. Die Instrumente sind klanglich gleichwertig balanciert, ihr Neben- und Ineinander in der musikalischen Struktur wird präzise und deutlich dargestellt. Diese Charakteristika korrespondieren mit dem übergreifenden interpretatorischen Zugriff, der exakt, im ganzen durchaus nüchtern zu nennen ist. Das ist einerseits ein Vorteil; gerade Varèses 'Octandre' selbst, das, konzise gearbeitet, im Vergleich zu seinen werkchronologisch gar nicht so weit entfernten bruitistischen Stücken richtiggehend ‚klassisch‘ wirkt, kommt die klare Linien zeichnende Wiedergabe des Ensembles Aventure entgegen.

Steife Tänze

Andererseits vermisst man etwas jene Qualitäten des Musizierens, von denen (notgedrungen) nichts in den Partituren steht: Klangfreude, Spiellaune, interpretatorische Spontaneität. Besonders deutlich wird dies in den Stücken zweier der hier eingespielten lateinamerikanischen Komponisten – beides übrigens Namen, die zu Unrecht hierzulande weitgehend unbekannt und auf dem Plattenmarkt bisher entschieden unterrepräsentiert sind: Graciela Paraskevaídis’ 'sendas' und Coriún Aharoniáns 'Gente', die in ihren Kompositionen auf sehr reflektierte Weise Züge der populären Musik ihrer Heimatländer Argentinien und Uruguay mit europäischen Traditionen zusammenführen.

Paraskevaídis bedient sich vor allem eines (vielleicht als Remineszenz an Schlager oder Tanzmusik intendierten) synkopierten Rhythmus’, der schlicht, aber effektvoll verarbeitet wird – auf vorliegender Aufnahme jedoch allzu steif, fast etwas pedantisch daherkommt: Der ‚tänzerische Gestus‘, von dem der Beihefttext weiß, teilt sich dem Hörer nicht so recht mit. Aharoniáns Stück, in dem zur Octandre-Besetzung Schlagwerk hinzutritt, kombiniert in seriell anmutender Weise verschiedene, teils bis zur Unkenntlichkeit reduzierte Versatzstücke populärer Musik, schafft so eine faszinierend lakonische, stark verdichtete Struktur. Die darin herumgeisternden melodisch und harmonisch farbigen Fragmente gelingen stimmungsvoll, wenngleich auch hier eine spannungsvollere, lebendigere Darstellung wünschenswert gewesen wäre.

Vielleicht ist die trockene Spielweise des Ensembles Aventure den langsamen, gleichsam in Zeitlupe ablaufenden Werken von Diego Luzuriaga, Mariano Etkin oder Thomas Bruttger (neben Rolf Riehm der einzige hier eingespielte Europäer) angemessener: Der Hörer fühlt sich dazu angehalten, sich in die langgezogenen, nur geringen Veränderungen unterworfenen Klangflächen hineinzuhören, richtiggehend mit den Ohren hineinzubohren. Lässt man sich auf die hier zu hörende Darstellung ein, können diese Werke durchaus so etwas wie einen hypnotischen Sog nach innen entwickeln.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ensemble Aventure Octandre: Werke von Varèse, Luzuriaga, Bruttger u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS MUSICI
1
16.09.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
885150322116
232211


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"Das 1986 gegründete Ensemble Aventure zählt heute zu den wichtigsten und gefragtesten Formationen für zeitgenössische Musik und leistet durch jährliche Kompositionsaufträge, zahlreiche Uraufführungen und Repertoirebildung einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung in diesem Bereich. Die vorliegende Aufnahme geht aus von Edgar Varèses Octandre-Besetzung (achtstimmige Instrumentalbesetzung). Auf Anregung des Ensembles Aventure widmeten sich mehrere jüngere Komponisten diesem Besetzungsmodell und so entstanden - im Geiste Varèses - die Werke für diese quasi Konzept-CD."


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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