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Sonntag, 17. November 2019

Liszt, Franz - Années de Pèlerinage

Pilgerjahre


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Pianistin Seun-Yeun Huh legt eine Gesamteinspielung der drei 'Années de Pèlerinage' von Franz Liszt vor. Ihr gelingen bisweilen tadellose Interpretationen. Doch an einigen Stellen wirkt ihr Vortrag ein wenig zu kontrolliert.

Dem Liszt-Jahr 2011 sind mindestens vier Gesamteinspielungen des Klavierzyklus 'Années de Pèlerinage' zu verdanken. Mit Louis Lortie (Chandos), Julian Gorus (Hännsler Classics), Ragna Schirmer (Berlin Classics) und Seung-Yeun Huh (Ars Musici) stellen ganz unterschiedliche Pianisten ihre Interpretation des Werks vor. Das Freiburger Label Ars Musici trägt seinen Teil mit einer nicht ganz taufrischen, aber hörenswerten Aufnahme der Koreanerin Seun-Yeun Huh bei. Die Einspielung entstand 2005 in Ko-Produktion mit DeutschlandRadio.

Die 'Années de Pèlerinage' (Wanderjahre eines Pilgers) sind selbst im Klavierrepertoire der Romantik ein Schwergewicht, insbesondere was die Länge und den technischen Anspruch anbelangt. Die Arbeiten an der Komposition erstreckten sich über viele Jahre und brachten ein Paradebeispiel des romantischen Klaviervirtuosentums mit all seinen Facetten hervor, vom wilden, teilweise halsbrecherischen bis zum verliebt-schwelgerischen Gestus. Die Geschichte der 'Années de Pèlerinage' ist entsprechend der Wanderjahre in drei Kapitel untergliedert ('Première Année: Suisse', 'Deuxiéme Année: Italie, 'Troisième Année'), in denen jeweils mehrere Stationen musikalisch beschrieben werden. Die Bilder der einzelnen Stationen beziehen sich auf Ereignisse oder Gegebenheiten in der Natur, z. B. 'Orage' im 'Première Année: Suisse', oder der Kultur, z. B. Vertonungen von Dichtungen Petrarcas oder Dantes in 'Deuxiéme Année: Italie'. Die einzelnen Bilder folgen aufeinander, ohne eine direkte Beziehung erkennen zu lassen (was es bei dem über zweieinhalb Stunden dauernden Zyklus dieser Doppel-CD erschwert, die Aufmerksamkeit beizubehalten). Nicht von ungefähr werden im Konzertbetrieb gewöhnlich nur einzelne Jahre aufgeführt. Bekannt sind vor allem die neun Stücke des 'Première Année'. Der Interpret des gesamten Zyklus ist zu vergleichen mit dem Erzähler eines Bilderbuchs, das, um vorgelesen werden zu können, ein meisterhaft technisches Können gleichermaßen voraussetzt wie das Vermögen, absolut in den romantischen Erzählgestus eintauchen zu können.

Die technische Bewältigung des Klavierparts gelingt Seung-Yeun Huh ohne Makel – einfach gesagt, was genau das Gegenteil ist und gerade deswegen nicht selbstverständlich bei dem hochvirtuosen Werk. Die Interpretation zeichnet sich durch Klarheit aus, ausgehend von der technischen Perfektion und Akkuratesse des Pianisten. Wohingegen gerade diese bei derart emotional aufgeladenen Stücken sonst gerne auf der Strecke bleibt, wird sie hier zum Erlebnis: Die Transparenz ist selbst in donnernden Passagen weitgehend gegeben, ohne dass dabei Emotionen eingespart werden, und ermöglicht, einhergehend mit wohltuenden Strukturierung der Phrasen und Teile, einen ganz klaren Blick auf das Werk. Akustische Oasen sind besonders jene Passagen, die an das Klavierwerk Debussys oder Ravels erinnern, z. B. im ersten Stück des 'Deuxième Année'. Der perlend-leichte, völlig ungezwungene Klang bildet einen träumerischen Kontrast zum volltönig-brausenden Liszt. Die Energie, die zum Vortrag des letzteren aufgewendet wird, könnte jedoch feuriger sein. Kraft wird eingesetzt, um Anmut und Respekt zum Klang zu bringen, z. B. in 'Chapelle de Guillaume Tell' im 'Première Année'; es kommt aber nie zum Ausbruch. Auch wenn sich darüber herrlich streiten lässt, ob man bei Liszt in die Vollen gehen darf, kann, soll oder sogar muss, spricht doch mehr als das Gefühl für eine Interpretation mit Hang zur Übertreibung. Etwa muss dem Unterschied Rechnung zwischen einem Schwergewicht der Klaviermusik aus der Romantik und einem aus der späten Klassik getragen werden. Kraft im Ausdruck sind hier und dort verschieden: Während ein knallendes Fortissimo am Höhepunkt einer energievollen Passage den Rahmen einer Beethoven-Sonate sprengt, verlangt das Ohr in der Romantik nach solchen Klangausbrüchen. Wenn nicht bei Liszt, wo dann? Seung-Yeun Huh lässt einen solchen Gestus an manchen Stellen kurz aufblitzen, etwa in 'Orage' oder am Ende der Dante-Sonate. Ganz vorteilhaft erweist sich die Beherrschtheit bei extremen Stellen für einen anderen, für die Romantik ebenfalls charakteristischen Tonfall: Die Vertonungen der Liebes-Sonette von Petrarca erhalten keine schmalzige Note, sondern die Melodielinien kommen klar und kantabel zum Vortrag. In der 'Canzonetta' im 'Deuxième Année' überzeugt sogar ein trockener Klang. Als Erzählerin der 'Années de Pèlerinage' überzeugt Seung-Yeun Huh durch exakte Prosodie und Phrasierung, setzt also die Akzente an der richtigen Stelle, aber an einigen Stellen doch etwas zu zahm.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Sophia Gustorff Kritik von Sophia Gustorff,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: Années de Pèlerinage

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS MUSICI
2
16.09.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
885150324066
232406


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"„Années de Pèlerinage“, die größte Sammlung von Klavierstücken des „Tastengiganten“ Franz Liszt, komplett eingespielt von einer zierlichen Frau, der man die Kraft zu diesem knapp dreistündigen Klavierzyklus kaum zutrauen möchte. Aber welch einen Gestaltungswillen, welche Ausdruckskraft und gleichzeitig technische Brillanz diese talentierte Koreanerin in die Musik Liszts legt, davon mag sich der Hörer dieser Aufnahme selbst überzeugen. Die Interpretin trifft genau den Ton der Reisetagebücher, die Liszt bewusst als „Pilgerreise“ deklarierte und die in ihrem letzten „Jahrgang“ in religiöse, z. T. elegische Meditationen münden."


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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