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Sonntag, 23. September 2018

Mladi - Werke von Reicha, Martinu & Janacek

Kleine Kostbarkeiten der Bläserkammermusik


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Berlin Philharmonic Wind Quartet präsentiert ausgewählte Highlights der Bläserkammermusik in künstlerischer Vollendung. Die kompositorische Ausdrucksvielfalt und die Freude an der Virtuosität sind von der ersten bis zur letzten Note spürbar.

Auch wenn die drei hier vorgestellten Komponisten ausschließlich tschechischer Herkunft sind, wirkt das klangliche Ergebnis weder einseitig noch eintönig. Zusätzlich zur stilistischen Vielfalt der Werke schimmern auch die unterschiedlichen Einflüsse und Prägungen durch andere Regionen immer wieder hindurch. Das Berlin Philharmonic Wind Quartet eröffnet die bei BIS Records erschienene Aufnahme mit dem Bläserquintett op. 88 Nr. 2 Es-Dur von Anton Reicha, das in mehrfacher Hinsicht einen prominenten Status innehat. Anton Reicha, der zur Zeit Beethovens gelebt und komponiert hat, gehört heute nicht zu den meistgespielten klassischen Komponisten, doch für die Gattung des Bläserquintetts wurden seine Werke zum Maßstab für weitere Komponistengenerationen, so dass er heute auch als ‚Vater des Bläserquintetts‘ bezeichnet wird. Auch wenn Reicha zeitlich gesehen in die Epoche der Klassik einzuordnen ist, bewegen sich seine Kompositionen oft an der Grenze zwischen Klassik und Romantik bzw. Klassik und Barock, was auch in dem hier präsentierten Bläserquintett spürbar ist. So gelingt es ihm, in nur einem einzigen Werk die typischen Formen der verschiedenen Epochen – Sonatenhauptsatzform, Menuett, Romanze und Fuge – miteinander zu verbinden und gleichzeitig neue Wege zu gehen.

Dramaturgisch geschickt angeordnet

Was die Anordnung der Stücke betrifft, so könnte der erste Eindruck trügerisch sein. Da die Einspielung mit dem ältesten der drei Komponisten beginnt – noch dazu mit jenem, der als ‚Vater des Bläserquintetts‘ die Geschichte der Gattung begründet hat –, liegt die Vermutung einer chronologischen Fortsetzung nahe. Stattdessen springen die Musiker des Berlin Philharmonic Wind Quartet gleich 100 Jahre weiter und versetzen den Zuhörer damit direkt in die übernächste Epoche. Im Vergleich zu der klassischen Charakteristik, die trotz aller romantischen Anklänge im Auftaktquintett von Reicha zu jedem Zeitpunkt spürbar ist, wirken die deutlich moderneren Klänge des Sextetts von Bohuslav Martinů wie eine völlig andere Welt, die mit einem als 'Blues' bezeichneten vierten Satz sowohl stilistisch als auch geografisch die alten Pfade verlässt. Die abrupte Gegenüberstellung solcher Gegensätze lädt den Zuhörer dazu ein, nicht zu vergleichen, sondern sich unvoreingenommen auf die so unterschiedlichen Klangbilder einzulassen.

Auch der weitere Verlauf der CD folgt dem Prinzip der Kontraste – ebenso aber auch jenem von Spannung und Entspannung. Nach dem spannungsgeladenen und harmonisch ausgefallenen Sextett von Martinů folgt als Ausgleich ein weiterer Beitrag von Reicha. Die drei Einzelsätze für Englischhorn und Bläserquartett beweisen, dass diese Musik längst nicht nur den leichtfüßigen und unbeschwerten Charakter typischer Divertimenti vermitteln, sondern auch tragische und theatralische Töne anschlagen kann, was der Solist Andreas Wittmann durch seine kantable und feinfühlige Interpretation überzeugend zum Ausdruck bringt.

Brillante solistische und kammermusikalische Darbietung

Was diese Einspielung zu einem restlos gelungenen Klangerlebnis macht, ist neben der originellen Auswahl und Anordnung der Stücke in erster Linie die herausragende künstlerische Leistung aller beteiligten Musiker, zu denen neben den Ensemblemitgliedern Michael Hasel (Flöte), Andreas Wittmann (Oboe), Walter Seyfarth (Klarinette), Fergus McWilliam (Horn) und Henning Trog (Fagott) auch Marion Reinhard (Fagott), Manfred Preis (Bassklarinette) und Hendrik Heilmann (Klavier) gehören. Sowohl als Solisten als auch im Zusammenspiel gelingt es ihnen, die einzelnen Werke bis ins kleinste musikalische Detail auszuloten und spannend zu gestalten. Besonders bemerkenswert sind u.a. die Solostellen von jenen Instrumenten wie Horn und Fagott, die in ihrer Klangcharakteristik nicht vorrangig für Virtuosität bekannt sind, die Fergus McWilliam und Henning Trog aber hier mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit und Leichtigkeit präsentieren und auf diese Weise immens zum verspielten, unbeschwerten Charakter des Stückes beitragen.

Der 'Marsch der Blaukehlchen' als besonderes Highlight

Nicht nur Zuhörer, die an der Gattung des Bläserquintetts interessiert sind, sondern auch jene mit einer Vorliebe für Programmmusik werden in dieser Einspielung Ansprechendes finden. Ein besonderes Highlight, wenn es auch nur sehr kurz ist, bildet der 'Marsch der Blaukehlchen' von Leoš Janáček, der im Anschluss an die drei Einzelsätze von Reicha erklingt und im Hinblick auf seine Charakteristik die Funktion des klassischen ‚comic relief‘-Phänomens übernimmt. So sehr die Melancholie des d-Moll-Adagios dem Zuhörer noch in den Ohren nachklingt, so abrupt versetzt ihn die Musik von Janáček in eine gegensätzliche Stimmung. Schon die Besetzung von Piccoloflöte und Klavier ist alles andere als gewöhnlich, könnte aber in Bezug auf den Titel und die kompositorische Umsetzung kaum besser gewählt sein. Die Wirkung des Marsches beruht nicht nur auf dem charakteristischen hellen Klang der Instrumente – insbesondere dem der von Michael Hasel brillant gespielten Piccoloflöte –, sondern ebenso auf der lautmalerischen Verwendung bestimmter musikalischer Elemente, zu denen abwechselnde Trillerketten, sprunghafte Melodik und die Bevorzugung einer stakkatierten Spielweise gehören. Die fröhlich und ausgelassen umherfliegenden Vögelchen werden klanglich geradezu hör- und sichtbar gemacht, wobei der an Militärisches erinnernde Titel des Marsches einen leicht ironischen Beigeschmack erhält. Das Stück scheint Janáček selbst so gut gefallen zu haben, dass er es in umgearbeiteter, aber deutlich wiedererkennbarer Fassung als dritten Satz in seine Suite 'Mládí' eingebaut hat, die den fulminanten Abschluss der vorliegenden Aufnahme bildet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mladi: Werke von Reicha, Martinu & Janacek

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
17.08.2011
EAN:

7318590018026


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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