> > > Brun, Fritz: Sinfonien Nr. 6 & 7
Montag, 18. Oktober 2021

Brun, Fritz - Sinfonien Nr. 6 & 7

Zweieiige Zwillinge


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Adriano setzt mit dem Moscow Symphony Orchestra seinen Brun-Zyklus fort. Folge 3 enthält mit der sechsten und siebten Sinfonie zwei Werke, die trotz vieler Parallelen doch unterschiedlich geartet sind. Interessante Musik!

Zwingende Gründe tun sich nicht auf, fragt man sich, warum das Schaffen des Schweizer Komponisten Fritz Brun (1878-1959) so vollständig in der Versenkung verschwunden ist. Allein ganze zehn Sinfonien hat er geschrieben, darüber hinaus verschiedene Konzerte, Chorwerke, Kammermusik und Lieder. Ratlos stimmt, dass Bruns Kompositionen durchaus gespielt und auch wohlwollend aufgenommen wurden. Die Beobachtung, dass Brun in seinen Sinfonien an den tradierten Modellen festhält, könnte zu der Annahme verleiten, hier habe man es mit einem ‚Ewiggestrigen‘ zu tun, der die Musikgeschichte nicht weiter gebracht habe und deshalb zu Recht vergessen worden sei. Sicher war Brun kein Schönberg, aber hinter der vordergründigen Traditionalität bietet der Komponist formal ungewöhnlich angelegte Sätze in einer durchaus eigenständigen Tonsprache. Weltweit scheint sich derzeit nur einer ernstlich für Fritz Bruns Schaffen einzusetzen: der in der Schweiz geborene Dirigent Adriano, der hier nun die dritte Folge seines Sinfonien-Zyklus beim Label Guild mit dem Moscow Symphony Orchestra vorlegt; eine weitere Platte ist bei Sterling erschienen.

Zwillinge?

Die beiden hier zu Gehör gelangenden Sinfonien stehen im Korpus nicht nur nebeneinander, sondern weisen auch auffällige Parallelen auf, die von Zwillingswerken sprechen lässt. Allerdings zeigt sich, dass daneben dann doch auch viele Unterschiede zu entdecken sind. Es handelt sich um die Sechste Sinfonie C-Dur und die Siebte Sinfonie D-Dur, entstanden in den 1930er Jahren. Beide Sinfonien lösen die traditionelle Erwartung der Tonartbezeichnung nicht ein: Weder ‚reines‘ C-Dur, noch strahlendes, königliches D-Dur gibt es zu hören – in beiden Werke herrscht ein eher düsterer, vom grüblerischen bis hin zum geradezu aggressiv-handgreiflichen (man höre nur die beiden Scherzi) reichender Tonfall vor; im Gegensatz zur Verweigerungshaltung in der Fünften findet Brun hier jedoch in beiden Fällen zu einem glücklichen Ende, im Falle der Sechsten allerdings reichlich spät und unerwartet. Der dritte Satz hat in beiden Sinfonien den Charakter eines Intermezzos, eines Innehaltens vor dem Finale, das den jeweils längsten Satz bildet. Zu Beginn steht in beiden Sinfonien ein Satz vom Charakter eines Präludiums (in der Sechsten auch so betitelt, in der Siebten eigenartigerweise 'Nachklang' genannt); allein die fremdartig anmutenden Harmonien im Kopfsatz der Sechsten Sinfonie zeigen, wie avanciert diese Musik geklungen haben muss. Während die Klangwelt der Sechsten jedoch eher bedrohlich wirkt, ist die Grundhaltung der Siebten positiver. Wo das Scherzo in der Sechsten geradezu dämonisch wirkt, ist es in der Siebten ein im Grunde humorvoller und spielfreudiger Satz, wenn auch bockig seinem Rhythmus entgegenwirkend. Dass im Finale ein gutes Ende erreicht wird, ist in der Siebten von Beginn an klar; Bruckner stand wohl Pate, wenn ein feierlicher Bläserchoral mehrfache Steigerungen erfährt. Es sind also zweieiige, keine eineiigen Zwillinge.

Nahtlos angeknüpft

Adriano knüpft mit der vorliegenden Einspielung nahtlos an den positiven Eindruck der zweiten Folge an; auch hier gefällt einmal mehr der unglaublich impulsive und vor Energie strotzende Zugriff, der den unbefangenen Hörer eigentlich unweigerlich in den Bann dieser beiden hochinteressanten Sinfonien ziehen muss. Dass Brun den Mut zu einigen wirklich scharfen, geradezu schreienden Dissonanzen hatte, wird in dieser ungeschminkten, ungeglätteten Wiedergabe unmittelbar hör- und spürbar. Die enormen Schwierigkeiten der Partituren lassen sich erahnen, wenn man sich die ein oder andere rasante Streicherfigur (vielleicht nur der Theorie nach) präziser im Zusammenspiel und reiner in der Intonation vorstellen könnte. Das ist jedoch marginal im Vergleich zu dem, was faktisch geleistet wird, und dass die Musiker ihrem Dirigenten so willig folgen und sich mit ganzem Herzen für die Sache einsetzen, dass es vom ersten bis zum letzten Takt zu hören ist, verdient höchste Anerkennung. Der Klang der beiden Aufnahmen (2008 bzw. 2010 in Moskau entstanden) ist – wie in den früheren Folgen – wieder einmal sehr direkt und präsent. Diese maximale Durchhörbarkeit zu Lasten größerer Tiefe und Räumlichkeit sowie eines weiter gespannten dynamischen Rahmens ist angesichts der stellenweise recht komplexen Partituren aber wohl gerechtfertigt. Lobenswert ist der sehr ausführliche Kommentar aus der Feder Adrianos, dessen Einführung in die beiden Werke etwas vom Gehalt und von der Aussage der Musik vermitteln möchte und sich nicht auf bloßes Taktezählen oder Darlegen von Tonartenrelationen kapriziert. Es ist jedoch bedauerlich, dass selbst in solch ausführlichen CD-Booklets kein Platz für Notenbeispiele zu sein scheint; selbst bei Labels, die es früher einmal praktiziert haben, ist das leider aus der Mode gekommen. So sollen in beiden Sinfonien Themen bzw. Motive in verschiedenen Transformationen das Material aller Sätze prägen. Hier könnte ein ergänzendes Notenbeispiel Wunder im hörenden Verständnis wirken.

Fazit

Meiner Meinung nach liegt hier die bislang überzeugendste Brun-Einspielung Adrianos vor. Das mag nicht zuletzt an den beiden Werken liegen, die einen Platz im Repertoire verdient hätten; wie es sein kann, dass solch interessante und hochwertige Musik schlicht ignoriert wird, lässt sich nicht ansatzweise erklären. Man kann nur hoffen, dass der hier entstehende Zyklus endlich etwas in Bewegung setzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brun, Fritz: Sinfonien Nr. 6 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
26.09.2011
Medium:
EAN:

CD
795754737226


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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Von Christian Vitalis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

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