> > > Tschaikowsky, Peter: Sinfonien Nr. 5
Montag, 24. Februar 2020

Tschaikowsky, Peter - Sinfonien Nr. 5

Tschaikowsky in Hochglanz


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Honecks Deutung von Tschaikowskys Fünfter Sinfonie erreicht erst im Finale das Spannungsniveau, das man sich in den ersten drei Sätzen wünschte. Hier wird Tschaikowsky über weite Strecken auf Hochglanz poliert.

Manfred Honecks Position als Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra, das er seit 2008 leitet, hat diskographisch bereits reichen Ertrag gebracht. Neben einer ansprechenden Strauss-Einspielung gilt vor allem der begonnene Mahler-Zyklus als ein nicht nur klangtechnisch exzellent gelungener, sondern auch interpretatorisch überzeugender. Insbesondere der Einstand mit der Ersten Sinfonie gelang in der Tat sehr inspiriert. Nun legt das Label Exton einen weiteren Mitschnitt aus der akustisch formidablen Heinz Hall in Pittsburgh vor: Tschaikowskys Fünfte Sinfonie e-Moll op. 64 – ein Schlachtross des sinfonischen Kanons, hunderte Male aufgenommen, und das heißt eben in diesem Fall auch: Es gibt von Tschaikowskys Fünfter eine ganze Reihe exzellenter Aufnahmen. An ihnen hat sich die vorliegende Einspielung zu messen, will sie mehr sein als die Dokumentation eines in Pittsburgh stattgehabten Konzertabends im Mai 2006.

Auf Hochglanz poliert

Das Orchester aus Pittsburgh zeigt sich von erlesener Qualität, vor allem was das Technische angeht. Klanglich ist das Ergebnis, auch im Vergleich zu anderen Exton-Aufnahmen, etwas ‚flach‘. Die Holzbläser schillern nicht so, wie sie es zweifellos könnten, das Blech klingt hell und strahlend, fügt sich aber recht widerstandslos in den Gesamtklang, insbesondere in der Anfangsphase; vor allem Momente dramatischer Zuspitzung, in denen die Blechbläser mit kernigeren Klängen aufwarten können, wirken hier recht handzahm. Erst im letzten Satz setzen sie mit markiger und teils scharf zugespitzter Artikulation wuchtige Akzente. Und auch die Streicher entfalten ihren Glanz nicht gänzlich. Dass in einigen Bereichen noch Luft nach oben gewesen wäre, gilt auch für die Dynamik. Ein dreifaches Piano (etwa beim ersterbenden Schluss des Kopfsatzes) bekommt man nicht zu hören, und auch das dreifache Forte wirkt kaum kräftiger als ein Fortissimo. Was für die dynamischen Extreme gilt, prägt auch die Feinzeichnung von Lautstärkenverläufen: Während Interpreten wie Mariss Jansons die Spannungsverläufe jeder Phrase mit lebhafter Modellierung der Dynamik fiebrig nachzeichnen (wie es von Tschaikowsky, beispielsweise die Einleitung zum ersten Satz betreffend, auch notiert wurde), da setzen die Musiker aus Pittsburgh eher auf ein mit breitem Pinsel gemaltes Wandgemälde.

Zurückhaltung

Das Cover dieser (mit etwas mehr als einer dreiviertel Stunde allzu kurzen) Einspielung zeigt ein Hochglanzfoto des Dirigenten. Und damit passt es bestens zu Manfred Honecks Tschaikowsky-Lesart. Denn das Ergebnis seines interpretatorischen Zugangs ist ein auf Hochglanz poliertes Orchesterstück, dessen expressives Potential nicht bis ins Letzte ausgeschöpft wird. Diese Zurückhaltung ist für Honeck Programm. Im Booklet finden sich Auskünfte des Dirigenten über seinen interpretatorischen Zugriff; er betont, dass es ihm in seiner Deutung um klangliche und dramaturgisch schlüssig entwickelte Detailarbeit geht, nicht um die interpretatorische Zuspitzung dessen, was die Musik von sich aus ohnehin ausspreche.

Feinarbeit im Detail

Klangliche Feinarbeit ist an einigen Stellen in der Tat geleistet worden. Zwar hört man hin und wieder einzelne nette Kleinigkeiten, etwa sorgfältig heraus präparierte Nebenstimmen oder Klangeinfärbungen. Doch im großen Ganzen fehlt es dieser Einspielung von Tschaikowskys e-Moll-Sinfonie an dramatischem Impetus. Erst im Finale erreicht Honeck die Dichte, die man sich in den ersten drei Sätzen bereits gewünscht hätte. Freilich ist Manfred Honeck ein Dirigent, der durchaus weiß, wie man diese Musik stringent zu entwickeln hat. (Nicht umsonst gelingt das Finale am überzeugendsten.) So wird auf Steigerungen zielgerichtet hin musiziert – Modifikationen des Tempos, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert haben, inklusive. Aber es kommt eben kaum jene fiebrige Unruhe auf, die etwa ein Dirigent wie Stokowski diesem Stück eingeschrieben hat, indem er den Puls beinahe in jedem Takt dem Aggregatszustand der Musik anpasste bzw. umgekehrt das Spannungsniveau durch flexible Tempi suggestiv unterstrich. Höhepunkte wirken daher bei Honeck kaum je, als befinde sich die Musik am Rande des Abgrunds. Stets hält sie genug emotionalen Sicherheitsabstand. – Genau jener Abstand, der eine schöne, über weite Strecken mitunter gut gelungene Interpretation von einer packenden, mitreißenden unterscheidet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter: Sinfonien Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
22.07.2013
Medium:
EAN:

CD
4526977004439


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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