> > > Korngold, Erich Wolfgang: Die tote Stadt
Samstag, 15. August 2020

Korngold, Erich Wolfgang - Die tote Stadt

Phantasiestück in Korngolds Manier


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Korngolds Décadence-Oper 'Die tote Stadt': solide interpretiert, ansprechend produziert.

Bevor er als Filmkomponist in Hollywood Karriere machte, war Erich Wolfgang Korngold einer der erfolgreichsten Opernkomponisten der frühen Weimarer Republik. Seine 1920 in Hamburg und Köln in einer Doppelpremiere uraufgeführte Oper 'Die tote Stadt' scheint die Motive der Décadence noch einmal bündeln zu wollen. ‚Die tote Frau, die tote Stadt flossen zu geheimnisvollem Gleichnis‘, Totenkult und Gegenwartsverlust im Brügge des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Paul trauert um seine verstorbene Frau Marie und sucht die Tänzerin Mariette nach ihrem Ebenbild zu formen – wem der Plot bekannt vorkommt, der kennt Hitchcocks ‚Vertigo‘ (1958).

Das Libretto ist sehr auf die visuelle Wirkung angelegt, schon die Akte heißen ‚Bilder‘. Die titelgebende ‚tote Stadt‘ bildet mit ihren Kanälen und mittelalterlichen Gassen das morbide Setting, das insbesondere beim Auftritt von Mariettas Theatertruppe in den Vordergrund rückt. Da jedoch, wie bei jeder CD-Einspielung, das Visuelle naturgemäß wegfällt, bricht hier der Spannungsbogen ein, zumal es der Parodie von Meyerbeers 'Robert le diable' an Zugkraft fehlt.

Inneres Erleben

Julius Korngold, bedeutender Musikkritiker im Wien jener Jahre, verfasste das Libretto nach dem Drama ‚Le Mirage‘ (1897) von Georges Rodenbach in enger Zusammenarbeit mit seinem Sohn. Die Vorlage erfuhr eine entscheidende Veränderung: Weite Teile der Handlung, darunter der zentrale Mord an Marietta, spielen sich in Pauls Phantasie ab, sind inneres Erleben, das nach außen projiziert wird. Das ist kein kleines dramaturgisches Problem, weil das Lieto fine das zuvor vorgestellte Geschehen relativiert. Paul hat Marietta nicht mit der reliquiengleichen Haarlocke der Toten erdrosselt; vielmehr kehrt sie noch einmal zurück, weil sie ihren Regenschirm vergessen hat, und Paul entsagt der gegenwartstötenden Trauer um seine Marie: ‚Ein Traum hat mir den Traum zerstört.‘ Die Wendung ins Realistische am Ende der Oper mag schon auf eine Tendenz vorausweisen, die in den Folgejahren mit der sogenannten ‚Zeitoper‘ und ihrer Vorliebe für realistische Gegenwartsstoffe auch die Opernbühne erfassen wird. Die Phantasmagorie ist auf der Opernbühne freilich gut aufgehoben, die Musik zeigt ja seit jeher eine Affinität zu Vorgängen des Unbewussten.

‚Glück, das mir verblieb‘

Die Musik des jungen Korngold – Jahrgang 1897! – ist von einer erstaunlichen handwerklichen Reife und von juvenilem Schwung. Die berühmteste Nummer seiner Erfolgsoper ist Mariettas rubato-gesättiges Lied in der fünften Szene des ersten Akts: 'Glück, das mir verblieb', aus dem Adorno den ‚Elan von strahlendem und waghalsigem Edelkitsch‘ heraushörte. Tatiana Pavlovskaya gestaltet es mit einem sinnlich-geschmeidigen Sopran, der mit lichter Höhe für sich einnimmt, gegen Ende aber zum Überdruck neigt. Abbruch macht leider die schlechte Artikulation der Russin; der von ihr gesungene Text bleibt durchgängig unverständlich. Klaus Florian Vogt, der bereits mehrmals den Lohengrin sowie die Hauptfigur von Korngolds Oper gesungen hat, legt einen lyrischen Zugriff an den Tag, beweglich ist sein Tenor, seine Diktion ausgezeichnet. Sein Timbre ist jedoch nicht selten flach, ja dünn, und der Gestaltung fehlt es an Wandlungsfähigkeit und Abgründigkeit (ein ‚Außer sich‘ nimmt man ihm nicht ab).

Strukturiertes Schwelgen

Die beiden wichtigen Nebenrollen überzeugen indes ohne Einschränkung: Michael Nagy in der Rolle von Pauls Freund Frank mit seinem sattelfest-geerdeten Bariton, und die souveräne Hedwig Fassbender mit strömendem Melos als Haushälterin Brigitta. Das Label Oehms Classics setzt die Kooperation mit der Frankfurter Oper fort, wo 'Die tote Stadt' im November 2009 vom Hessischen Rundfunk live aufgenommen wurde; sehr gelungen ist die Balance zwischen den Sängern und dem gewaltigen, reich kolorierten Orchesterapparat. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester agiert unter der Leitung von Sebastian Weigle auf hohem Niveau, zugleich schwelgend und strukturiert; auch Chor und Kinderchor sind in guter Verfassung. Das Booklet lässt mit profundem, zweisprachigem Einführungstext, knapper Inhaltsangabe und Libretto keine Wünsche offen, dazu gibt es viele Fotos von der Inszenierung und den Künstlern, dies alles in einer hohen Druckqualität und in ansprechendem Layout.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Korngold, Erich Wolfgang: Die tote Stadt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
16.09.2011
Medium:
EAN:

CD
4260034869486


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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