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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Lehár, Franz - Frasquita

Harmlose Operettenerotik


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Lehárs 'Frasquita' schließt das Label cpo wieder einmal verdienstvoll eine diskographische Lücke.

In der diskographischen Vergangenheit der Gattung ‚Operette‘ gibt es zahlreiche Beispiele für gelungene und misslungene Versuche, dieses Genre auf Tonträger zu bannen, wobei die Fehlversuche für das Ansehen der Werke oftmals schwerer wiegen als die Glücksfälle. Das trifft leider auch auf die vorliegende Einspielung vom Festival in Bad Ischl 2010 zu. Allerdings entpuppt sich der schlechte Beigeschmack der Aufnahme letztlich als zunehmend suspekt, denn diese Aufnahme hat eigentlich alles, was man braucht: gute junge Solisten, ein engagiert musizierendes Orchester und einen klugen musikalischen Leiter.

Vielleicht liegt es ja am Werk, das ohnehin selten bis nie auf Bühnen oder auf Platten anzutreffen ist. Franz Lehárs 'Frasquita' hat es gerade einmal vollständig auf Tonträger geschafft, und zwar 1943 beim Wiener Rundfunk mit Jarmila Ksirova in der Titelpartie. Danach musste weit über ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die komplette 'Frasquita' wieder im Aufnahmestudio beachtet wurde. Die wenigen existierenden Ausschnitte in Rundfunkarchiven und der berühmte Tenorschlager 'Hab ein blaues Himmelbett' sind für die Ehrenrettung eines Bühnenwerks nicht ausreichend. Die lobenswerte Neuaufnahme beim engagierten Label cpo, steht Lehárs spanischer Operette allerdings auch eher skeptisch gegenüber. Es ist kein Wunder, denn das Werk gehört sicherlich nicht zu Lehárs besten Partituren und das Libretto ist zu Recht ins vergessene Abseits geraten. Die Geschichte von der ungestümen, erotisch anziehenden Zigeunerin, vor deren Liebe ‚man sich in Acht‘ nehmen sollte, und die einen jungen Mann zur rasenden Eifersucht treibt, erinnert stark an Bizets 'Carmen' und ebenso an Lehárs letztes Werk 'Giuditta' – wobei Lehár in 'Giuditta' dramaturgisch und musikalisch die notwendigen Konsequenzen zieht, um die Geschichte glaubhaft zu machen. 'Frasquita' ist die harmlose Variante der späteren 'Giuditta', da kann auch der pikante Nackttanz im zweiten Akt nicht darüber hinwegtäuschen.

Gute Zutaten sind nicht genug

Der Dirigent Vinzenz Praxmarer nimmt sich umsichtig und mutig der 'Frasquita'-Partitur an und fördert die größtmögliche Schönheit und Eleganz von Lehárs Komposition zu Tage. Die Tempi sind vornehmlich flott und lösen sich in einer straff geführten Leichtigkeit auf, wobei Praxmarer zum richtigen Zeitpunkt lyrische Melodiebögen spannt, für die er sich effektvoll Zeit lassen kann. Das Franz Lehár-Orchester ist bei dieser Einspielung glänzend aufgelegt und folgt dem jungen Dirigent auf Schritt und Tritt.

Die Solisten sind allesamt gut bei Stimme, verfügen zweifellos über gesangliche Qualitäten, die den Hörer neugierig auf weitere Partien machen. Vincent Schirrmacher bewältigt mit seinem schlanken und dennoch kräftigen Tenor die Partie des Armand mit dem nötigen Glanz und beeindruckt mit seiner ordentlichen Artikulation, die vor allem deshalb so positiv ins Gewicht fällt, weil seine Partnerin über eben jene nicht verfügt. Die Frasquita von Romana Noack klingt verführerisch mit weichem Timbre und tonschönem Sopran, man versteht aber kein Wort, was sie singt. Das ist eben eine gewaltige Hürde beim Operetten-Singen, Text und Musik in Einklang zu bringen. Leider ist dieses Manko bei vielen Sängerinnen und Sängern zu beobachten, die verstärkt Operette singen – und man fragt sich, warum niemand den jungen Künstlern als Korrektiv zur Seite steht. Wenn Romana Noack über eine natürliche, sinntragende und klare Diktion verfügen würde, gäbe es an ihrer Frasquita nichts auszusetzen.

Das Buffo-Paar ist bei Robert Maszl und Laura Scherwitzl in den besten Händen. Hier spürt man einen Tropfen wahren Operettenbluts, beide beherrschen die heikle Mischung aus textlicher Prägnanz, spürbarer Leichtigkeit und stimmlicher Schönheit. Stilistisch sind die beiden ihren Kollegen weit voraus. In der Partie des Aristide gibt Rupert Bergmann routiniert den komischen Alten.

Der größte Schwachpunkt der Einspielung liegt – wie so oft – in den schlecht gesprochenen und somit ebenso unlustigen wie schwer erträglichen Dialogen. Die Palette reicht vom tenoral eingefärbten Sprachgesäusel bis zu Timingproblemen. Es ist klar, dass die Dialoge zum Verständnis der Handlung beitragen und eigentlich zum Gesamtwerk untrennbar dazugehören. Wenn die Dialogregie aber derart danebenliegt, sollte man sich überlegen, die Dialoge entweder von Schauspielern sprechen zu lassen oder zähneknirschend erzählende Zwischentexte einzufügen. In der vorliegenden Einspielung kann man mit der Fernbedienung nur über die Dialogpassagen hinwegspringen. Abschließend sei noch bemerkt, wie eindrücklich es ist, dass die Operettenaufnahmen bei cpo stets mit einem wertvollen Booklet versehen sind, für die der Operettenspezialist Stefan Frey seine Artikel schreibt. Da wäre es schön, das hochwertige Beiheft wäre nicht mit unzähligen Rechtschreib- und Satzfehlern behaftet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehár, Franz: Frasquita

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.07.2011
Medium:
EAN:

CD
0761203759224


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Lehár, Franz
 - Frasquita - Vorspiel
 - Frasquita 1.Akt - Introduktion Nr.1 Gib mit dem Fächer ein Zeichen mir
 - Frasquita 1.Akt - Nr.2 Zigeunerchor und Frasquitas Auftritt
 - Frasquita 1.Akt - Szene Hier könnt ihr nicht bleiben
 - Frasquita 1.Akt - Nr.2a Abgang der Zigeuner
 - Frasquita 1.Akt - Szene Papa, Papa, sag mir
 - Frasquita 1.Akt - Nr.3 Sag mir, sag mir
 - Frasquita 1.Akt - Szene Holla! Grüß dich Gott, Onkel!
 - Frasquita 1.Akt - Nr.4 Wenn ganz sacht, über Nacht
 - Frasquita 1.Akt - Szene He, du wilder Teufel
 - Frasquita 1.Akt - Nr.5 Fragst mich, was Liebe ist?
 - Frasquita 1.Akt - Szene Heda, mein schönes Kind
 - Frasquita 1.Akt - Nr.6 Valse Espagnole
 - Frasquita 1.Akt - Szene Ich tanz' nicht mehr
 - Frasquita 1.Akt - Nr.7 Mädel, Mädel, suchst Du einen Mann?
 - Frasquita 1.Akt - Szene Onkel! Hippolyt!
 - Frasquita 1.Akt - Nr.8 Finale I
 - Frasquita 2.Akt - Nr.9 Geh mit mir in die Alhambra
 - Frasquita 2.Akt - Szene Sehen Sie sich um, lieber Freund
 - Frasquita 2.Akt - Nr.10 Wüsst' ich, wer morgen mein Liebster ist
 - Frasquita 2.Akt - Szene Schau, schau, das hätt ich dem Weib gar nicht zugetraut
 - Frasquita 2.Akt - Nr.11 Weißt Du nicht, was ein Herz voller Sehnsucht begehrt?


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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