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Samstag, 21. Mai 2022

Campra, Andre - La Carnaval de Venise

Höchst unterhaltsames Zwitterwesen


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


André Campras Opéra-Ballet 'Le Carnaval de Venise' wurde von Hervé Niquet neu eingespielt. Das Ergebnis ist faszinierend.

In den knapp 50 Jahren zwischen Lullys Tod und Rameaus erstem Opernerfolg beherrschte ein Mann aus Südfrankreich das Musiktheater der französischen Hauptstadt, dessen Name für lange Zeit in Vergessenheit geriet: André Campra (1660-1744) kam aus der tiefsten Provinz und war ein Musikerneuerer, der die Gattung der Opéra-Ballet auf den Weg brachte und in Versailles große Triumphe feierte. Die Opéra-Ballet ist – wie ihr Name schon sagt – ein Zwitterwesen aus Ballett und Oper, deren Inhalt nicht wie in der Tragédie en musique mythologischen Ursprungs sein musste, sondern auch komische Elemente besitzen konnte. Ihre einzelnen Akte hängen thematisch meist nur lose zusammen, so dass sie einzeln aufgeführt werden können. Arien in französischer und italienischer Sprache wechseln mit langen Tanzeinlagen. Als erstes Werk dieser Art gilt Campras 'L'Europe galante' von 1697.

Die Karriere des Komponisten verlief nicht immer geradlinig, denn durch seinen cholerischen Charakter und Alkoholismus verprellte Campra wiederholt seine Auftraggeber. Während er in seiner Jugend auf Grund niederer kirchlicher Weihen, die er 1678 erhalten hatte, von Auftragswerken der Kirche lebte, geriet er bald mit den katholischen Kunstvorstellungen wegen seiner ebenfalls in dieser Zeit entstandenen Theatermusiken in Konflikt. Dennoch blieb die Kirche sein Sponsor, so dass er mit Hilfe eines freundlich gestimmten Abts an die Singschule von Notre Dame de Paris versetzt werden konnte, wo er schnell die Gunst des Thronfolgers gewann. Campra profitierte davon, dass seine musikalischen Einfälle die Neuerungen der italienischen Musik aufgriffen und diese mit der traditionellen französischen Musik verbanden. So traf er genau den Nerv der Zeit, der nach aufwendigen, prunkvollen Bühnenwerken mit virtuosen Melodien und raffinierten Orchestrierungen verlangte.

1699 begann er die Arbeit an einem seiner erfolgreichsten Werke, der Opéra-Ballet 'Le Carnaval de Venise', die unter anderem zu seinem endgültigen Rauswurf aus der Kirche führte. Der Inhalt des Werks kreist um die beiden damals populären und aus dem Theater verbannten Figuren der Commédie-Italienne Isabelle und ihren Liebhaber Léandre, die im Venedig zur Zeit des Karnevals eine Intrige ihrer Widersacher Léonore und Rodolphe überstehen müssen. Im dritten Akt gibt es eine Oper in der Oper, bei der eine Orpheus-Version aufgeführt wird. Das Finale ist ein rauschendes Karnevalsfest, in dem verschiedene Volksgruppen die Liebe feiern. So eklektisch und einfach diese Handlung sein mag: Sie hatte auch politische Untertöne, da sie bewusst keine Verherrlichung absolutistischer Macht war, sondern das Leben des niederen Volks ins Zentrum rückte.

Die jüngste Neueinspielung dieses Werks stammt von Hervé Niquet und seinem Ensemble Orchestre du Concert Spirituel, absoluten Spezialisten für das barocke französische Repertoire. Die Aufnahme entstand im Januar 2011im Salle Colonne von Paris. Als Solisten singen Simoné Haller (Isabelle), Marina De Liso (Léonore), Andrew Foster-Williams (Rodolphe), Alain Buet (Léandre), Mathias Vidal (Orfeo sowie verschiedene Nebenrollen), Sara Tynan (Euridice). Blandine Staskiewicz (Minerve) und Luigi De Donato (Pluto). Der Chor des Concert Spirituel wird von den Sängern des Centre de musique baroque de Versailles unterstützt.

Von der ersten Minute dieser Einspielung an fesselt die Musik Campras und entführt in ein turbulentes Spektakel französischer Fantasie. In der Ouvertüre breitet Niquet eine prächtig funkelnde, farbenfrohe Klanglandschaft aus, die die Grundstimmung für alle folgenden Musiknummern ist. Schwungvoll phrasierte Schnelltänze wechseln mit majestätisch schreitenden Passagen. Besonders die raffiniert instrumentierten Basso continuo-Begleitungen der rezitativischen Abschnitte werden von Niquet und seinen Musikern zauberhaft delikat ausmusiziert. So erklingen unter anderem drei verschiedene Theorben, zwei Cembali, drei Fagotte, ein Kontrabass und eine Gambe. In den Tanzsätzen spielt Isabelle Cornélis beherzt und mitreißend auf verschiedenen Pauken und Trommeln.

Im Prolog gestaltet der Chor mit kraftvoller Energie seine drei Auftritte, wobei besonders der Wechselgesang mit Blandine Staskiewicz (Minerva) in der Air 'Celebrez un Roy plein de gloire' gelungen ist. Nach dem Prolog darf als Erste die intrigante und eifersüchtige Léonore von ihrer unerfüllten Liebe singen, wodurch Campra und sein Librettist viel Spannung erzeugen, um die nachfolgenden typischen Verwirrungen aufregend zu gestalten. Marina De Lisos leichtgängige Stimme hat eine passende dramatische Einfärbung, um die dunklen Charakterseiten von Léonore überzeugend darzustellen. Die Rolle der Isabelle fordert hingegen eine strahlend leuchtende Darstellungsweise, die Simoné Haller mit ihrem wunderbar weich klingenden, reifen, rundum ausgeglichenen Timbre eindrucksvoll erfüllt. Andrew Foster-Williams singt die Partie des Rodolphe mit wuchtiger Tiefe, wodurch der von ihm dargestellte Charakter etwas subtil Aggressives bekommt. Der von allen umschwärmte Léandre wird von Alain Buet mit lyrischem Schmelz gesungen. Sein bester Auftritt dürfte das mit ihm besetzte Trio 'Luci belle, dormite' sein, bei dem die beiden Flötisten Philippe Allain-Dupré und Jacques-Antoine Bresch mit ihrem einfühlsamen Spiel die drei Gesangssolisten zu herrlich weit gespannten Kantilenen anregen. Insgesamt erreicht Niquet ein ausgeglichenes Klangverhältnis zwischen Gesangssolisten und Instrumentalisten, indem er das Orchester mit großer Holzbläsergruppe und vielen Streichern besetzt hat, denn so wirken die durchweg etwas dramatischen, schweren Stimmen der Solisten nicht zu stark für diese Art Musik. Ebenmäßiger geführte helle Stimmen würden in diesem musikalischen Wirbelsturm nur untergehen.

Abgerundet wird diese gelungene Neueinspielung von einem – wie immer beim Label Glossa – ästhetisch ansprechenden, liebevoll gestalteten Booklet mit informativen Texten zum Komponisten, dem Werk und den Interpreten. Das Libretto ist neben der französischen Originalversion in Englisch abgedruckt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Campra, Andre: La Carnaval de Venise

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
2
01.09.2011
Medium:
EAN:

CD
8424562016224


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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