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Sonntag, 29. Mai 2022

Wagner, Richard - Der Ring der Nibelungen

Der Lübecker 'Ring'


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Lübecker 'Ring' ist eine kleine Sensation. Die gefeierte Produktion ist nun auf sieben DVDs zu bestaunen - und relativiert so manches an größeren Häusern.

Nein, verstecken muss sich dieser 'Ring' ganz sicher nicht. Auch wenn Lübeck auf der Landkarte der deutschen Opernhäusern wohl gemeinhin eher als ‚Provinz‘ bezeichnet werden wird. Doch schon längst ist ‚Provinz‘ keine abfällige Bemerkung mehr für das Musiktheater. Das deutsche Stadttheater ist nicht umsonst erst vor wenigen Jahren von der Zeitschrift ‚Opernwelt’ für seine Qualität ausgezeichnet worden.

Der Lübecker 'Ring', entstanden seit 2007, war und ist ein Erfolg bei Publikum und Kritik und hat dem Theater zu Recht viel Aufmerksamkeit beschert. Während im nicht weit entfernten Hamburg der viel beschäftigte Claus Guth mit seiner 'Ring'-Sichtwiese eher enttäuschte, pilgerte die Wagnergemeinde nach Lübeck. Was da in der Thomas Mann-Stadt Lübeck begeisterte, ist nun im 16:9 Format in einer Box mit sieben DVDs erschienen. Zugrunde liegen Aufführungen, die im September 2010 an mehreren Abenden live festgehalten wurden. Das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen, keine Frage. Zumal, wenn man etwa vergleichsweise den Standard des Wagnergesangs in Bayreuth dazu ins Verhältnis setzt (und das nicht erst seit diesem Jahr).

Entstaubt von Tradition und Moderne

Anthony Pilavachi ist für seine Inszenierung viel eingefallen. Er siedelt die Tetralogie in einem zeitlosen Heute an, lässt die Götter im 'Rheingold' gelangweilt menscheln, und die Menschen später die Spuren des Mythologischen in ihrer Gegenwart entdecken. Es geht Pilavachi um die Reflexion von Mythologien und wie sie Geschichtsbilder erzeugen. Rezeption wird zur Gegenwart, die Rezipienten sind ihr ausgeliefert. Im Grunde ist der 'Ring' ein Kammerspiel, das zeigt Pilavachi deutlich. Klar sind die Charaktere gezeichnet, genau ist die Personenführung, die nur gelegentlich an den Fähigkeiten der Interpreten scheitert. Immer wieder folgt Pilavachi der musikalischen Geste, übersetzt ohne zu doppeln in ein intensives, dramatisches Spiel, das von Beginn an eine bürgerliche Endzeitstimmung kennt. Es entsteht ein Schauspiel zwischen Operngeste und Realismus. Die Bilder, die Momme Röhrbein dazu fand und schuf, sind kräftig, eindeutig, beziehen sich stets assoziativ auf unser kulturelles Gedächtnis und sind doch gegenwartsnah verankert. Über weite Strecken ist das auch Unterhaltung im besten Sinne, Ironie kennend und die Magie der Bühne nutzend. Das Personal in Pilavachis 'Ring' weiß von Anbeginn an um das Ende, es ist eine Saga des Scheiterns und des Untergangs der handelnden Figuren und wird auf einer höheren Ebene ein Abgesang auf jene Ideologien des Bürgertums, die im 19. Jahrhundert erstarkten und deren Nachwirkungen viel weiter ins 20. Jahrhundert hinein zu merken waren, als das manchem lieb ist. Dass Pilavachi dies in einer (eigenen) Regiesprache gelingt, die sich nicht an die Post-68er-Tradition sozialer und politischer Geschichtsabrechnung abarbeitet, dass diese Eigenständigkeit in der Folge der die meisten 'Ring'-Inszenierungen der letzten Jahrzehnte prägenden Inszenierungen von Herz, Chereau, Kupfer u. a. gelingt, ist ihm kaum hoch genug anzurechnen. Pilavachis Ideen und Bilder werden intensiver, je weiter die Tetralogie voranschreitet, sie verdichten sich, werden leitmotivisch wieder aufgegriffen und führen an den Anfang zurück, jedoch an einen Anfang, der nun historisch geworden ist. Dieses Schau-Theater, mit seinen vielen Aspekten, ist trotzdem immer so nahe an Wagners Buch, wie möglich, selbst dann, wenn es dieses ironisch kommentiert.

Hervorragendes Niveau

Musikalisch liegt die Basis für das Gelingen in der umsichtigen, die Kräfte nie überstrapazierenden musikalischen Leitung des Lübecker GMD Roman Brogli-Sacher. Er spannt mit seinem Orchester (in der an kleineren Theatern üblichen Orchesterreduktion von G. E. Lessing) einen sicheren, stabilen und das Drama stets stützenden Bogen über die vier Abende. Souverän sind die leitmotivischen Verknüpfungen inszeniert, sorgsam die Sänger mit mitatmenden Phrasierungen begleitet. Der Sound des Orchesters glänzt dunkel, neigt aber zu einer Weichheit, dem immer wieder ein nötiges Marcato fehlt. Brogli-Sacher setzt da klare Höhepunkte, wo es möglich ist. An einigen Stellen, wie etwa dem 'Walküren'-Vorspiel würde man sich jedoch die Dynamikextreme stärker ausgekostet wünschen, immer wieder mal das Blech deutlicher hervor treten hören. Dennoch stimmt die Summe, das Konzept und die Umsetzung dieser 15 Stunden intensiven Musizierens.

Das Sängerensemble kann auf dem derzeitigen internationalen Standard durchaus mithalten. Angeführt von Stefan Heidemanns in Spiel und Gesang präsentem Wotan/Wanderer, kraftvoll und flexibel führt er seinen Bariton, wirkt stets sicher und gestaltet imposant. Die große Überraschung ist, trotz ihres verunglückten 'Hojotoho'-Auftritts in der 'Walküre', die Brünnhilde. Die Amerikanerin Rebecca Teem hat bei deutlicher Artikulation eine jugendlich-dramatische Stimme, wie man sie nicht alle Tage hört. Scheinbar mühelos gelingen ihr jubelnde Ausbrüche ('Siegfried'), stimmfarbliche Feinheiten (‚Todesverkündigung‘) oder vokale Emphase (‚Schlussgesang‘). Ihr groß dimensionierter Sopran leuchtet, reißt mit und wirft die Frage auf, wieso sie die großen Häuser noch nicht wahrnehmbar erreicht hat. Die Heldentenöre sind mit dem etwas introvertierten, jugendlichen Andrew Sitheran (Siegmund) und den beiden erfahrenen Siegfrieden Jürgen Müller ('Siegfried') und Richard Decker ('Götterdämmerung') auf einem absolut hochrangigen Niveau besetzt. Hier gilt es nicht zu mäkeln, sondern zu relativieren. Alle drei können jederzeit mit dem mithalten, was derzeit an größeren Häusern des Landes präsentiert wird. John Pickerings Loge ist eine subtile Studie, wendig-elegant umgesetzt. Antonio Yangs Alberich trumpft mächtig auf, mit großer Linie und treffenden Spitzen. Der tenorgeifernde Mime Patrick Busserts ('Rheingold') und der hinterlistige, larmoyante Mime Stuart Pattersons ('Siegfried') sind hervorragend. Veronika Waldner ist eine intensive, interpretatorisch treffsichere Fricka, Gary Janowski trumpft als Hagen mächtig auf, Ulrike Schneiders mit dunkler Dämonie versehene Erda ungemein verständlich, Andrea Stadel singt einen wunderschön silberhellen Waldvogel… Man kann nicht alle Beteiligten nennen, doch das Ensemble liefert kaum Enttäuschungen.

Kleine Schönheitsfehler

Leider gibt es bei dieser DVD-Veröffentlichung auch etwas zu bemängeln, doch das ist weniger künstlerischer Natur: Die Kameraführung ist bei dieser detaillierten Personenführung leider nicht immer beim Geschehen. Die Mikrophonierung ist nicht immer günstig (etwa bei Loges Auftritt) und fängt ungewohnt viele Bühnengeräusche ein, vom Goldfolienknistern des 'Rheingolds' bis hin zu Geräuschen, die man zwar hört, aber nicht zuordnen kann, da die Kamera gerade woanders verweilt. Ärgerlich ist das Booklet, das so klein gedruckt ist, dass eine Lupe beim Lesen hilfreich ist. Die Menüführung erlaubt die Werke leider nur aktweise anzusteuern, das könnte man sich auch anders vorstellen. Positiv hingegen: Ein Making-of-Film gewährt Einblicke in die Produktion. Der Ton kommt in 5.1 und 2.0 Stereo, Untertitel sind vorhanden und der Preis für die sieben DVDs ist fair.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Der Ring der Nibelungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
7
06.07.2011
Medium:
EAN:

DVD
4012476569291


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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