> > > Korstick, Michael: Werke von Ludwig van Beethoven Vol. 9
Donnerstag, 20. Juni 2019

Korstick, Michael - Werke von Ludwig van Beethoven Vol. 9

Zwiespältiges Ergebnis


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Korsticks vielgerühmter Beethoven-Zyklus geht in die voraussichtlich vorletzte Runde - mit zwiespältigem Ergebnis.

Michael Korstick eilen die Superlative voraus. Seit er vor sechs Jahren begann, für Oehms Classics die bedeutenden Klavierwerke Beethovens aufzunehmen, wird der Kölner Pianist von deutschen Kritikerscharen geradezu hofiert. Immer wieder werden sein scharfer Intellekt und sein pianistisches Vermögen gerühmt. Immer wieder seine penible Recherche, seine unbestechliche Gründlichkeit, sein inbrünstiger Ernst bewundert, mit der sich Korstick den Beethovenschen Sonaten nähert. Jüngst bezeichnete ihn Attila Csampai als ‚derzeit radikalsten Beethoven-Pianisten auf dem Planeten‘.

Doch wie gut ist Korsticks Beethoven wirklich? Der neunte und voraussichtlich vorletzte Teil seines Beethoven-Zyklus zeigt den Pianisten als kompetenten, doch nicht überragenden Beethoven-Interpreten. Was Korstick fehlt, wird gleich in der Beethoven-Sonate op. 78 deutlich. Im ersten Satz des Fis-Dur-Werks lässt er Innerlichkeit und sinnliche Wärme vermissen. Im zweiten Satz sind es Humor und spielerische Leichtigkeit, die kaum vorhanden sind. Allgegenwärtig dagegen sind Korsticks akribische Notentreue, sein analytischer Scharfsinn, seine zupackende, nicht selten harsche Kompromisslosigkeit bei dynamischen Kontrasten, sein rationaler Weitblick im formalen Aufbau. Auf volles Temporisiko geht der Pianist in den schnellen Außensätzen der 'Les Adieux'-Sonate op. 81a. Einerseits wirkt Korstick so einer gewissen technischen Routine entgegen, andererseits tendieren die Sätze dadurch zu nervöser Überspanntheit. Am Ende regiert hektische Hast statt überschwängliche Freude dieses Werk. Möchte Korstick das freudige Wiedersehen des Finales als Bekundung hohler Floskeln entlarven? Oder folgt der Pianist eher einem inneren Drang, in schnellen Sätzen die Tempi zu überreizen?

So manches Mal hält Korstick die Zügel allzu starr in der Hand. Im ersten Satz der A-Dur-Sonate verhindert er durch streng kontrollierte Phrasierung über weiteste Strecken ein freies Atmen. Aggressive Sforzati und aufpeitschende Crescendi sorgen für eine (unangemessen) bedrohliche Atmosphäre. Dagegen kommt der lärmende Marsch mit seiner gezackten Motorik Korsticks Naturell spürbar entgegen. Ein interpretatorischer Tiefpunkt der vorliegenden Beethoven-CD ist sicherlich der zweite Satz aus op. 90. Abgezirkelte Artikulation und pedantische Pedalisierung stehen einem souverän schwingenden, tragfähigen Cantabile entgegen. Es ist, als würde Korstick hier eine fremde musikalische Sprache sprechen. Und dies scheint, neben dem Humor, eine weitere Grundeigenschaft zu sein, die Korstick in seinem Ausdrucksrepertoire fehlt: die Fähigkeit zu lyrisch strömender, tief empfundener sonniger Gesanglichkeit.

Was Korstick dagegen viel eher liegt, ist der dunkel schattierte, erstaunlich tiefschürfende langsame Satz aus der ‚kleinen‘ G-Dur-Sonate op. 79 – dem einzigen Opus, das auf dieser CD rundum zu überzeugen vermag. Korsticks konsequent kratzbürstiger, bemerkenswert unfreundlich gehaltener Kopfsatz kann als erfrischende Alternative gelten zu allen geschäftigen Nettigkeiten, die anderen Beethoven-Interpreten zu diesen Takten eingefallen sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Felix Stephan,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Korstick, Michael: Werke von Ludwig van Beethoven Vol. 9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
19.08.2011
Medium:
EAN:

SACD
4260034866621


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Hinreißendes Manöver: Das Theater Gießen hat mit der Wiederbelebung von Emmerich Kálmáns Operetten-Erstling 'Ein Herbstmanöver' einen Volltreffer gelandet, der beim Label Oehms auf nur einer CD akustisch konserviert wurde. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Ein fulminantes 'Füchslein': Diese Frankfurter Einspielung der Oper 'Das schlaue Füchslein' ist ein Muss für alle, die Janacek lieben und Ohren für das Besondere haben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Russische Moderne: Das Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von Dmitrij Kitajenko zeigt auch auf dieser Einspielung seine tiefe Vertrautheit mit der russischen Musik. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Felix Stephan:

  • Zur Kritik... Bewundernswert attraktiv: Tolles Konzept, gelungenes Layout, immense Informationsdichte, enorme Bandbreite: Trotz ein paar kleineren Schwächen im Detail ist Amons "Lexikon der musikalischen Form" zu empfehlen. Weiter...
    (Felix Stephan, )
  • Zur Kritik... Gepflegte Langeweile: Brav, vorhersehbar und teilweise unausgereift - so wirkt dieser Schubert-Live-Mitschnitt des Amerikaners Jonathan Biss aus der Londoner Wigmore Hall. Weiter...
    (Felix Stephan, )
  • Zur Kritik... Nüchtern und behäbig: Marek Janowski gebärdet sich in Bruckners Sechster Sinfonie als Orchesterpädagoge. Das Orchestre de la Suisse Romande wirkt nur unterdurchschnittlich inspiriert. Weiter...
    (Felix Stephan, )
blättern

Alle Kritiken von Felix Stephan...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Einflussreich und vergessen: Ein wichtiges Oratorium des frühen 19. Jahrhunderts erklingt hier leider nur in einer mittelmäßigen Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Weite und Ruhe: Der junge isländische Tenor Benedikt Kristjánsson kombiniert auf seiner ersten Solo-CD isländische Volkslieder mit Liedern von Franz Schubert. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Doppelte Optik: Das Finnish Radio Symphony Orchestra und sein Chefdirigent Hannu Lintu legen mit dieser Aufnahme der Ersten Sinfonie eine reflektierte, unterkühlte Mahler-Lesart vor. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich