> > > O Guiding Night -The Spanish Mystics: Werke von O'Regan, Williams und Byrchmore
Mittwoch, 15. Juli 2020

O Guiding Night -The Spanish Mystics - Werke von O'Regan, Williams und Byrchmore

Von Mystik inspiriert


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ambitionierte geistliche Vokalmusik der Gegenwart: Kompositionen von Byrchmore, Williams und O'Regan in einer starken Interpretation von The Sixteen und Harry Christophers.

Kaum eine Vokalmusikszene ist so fruchtbar wie die englische: In dichter Folge treten Vokalisten hervor, etablieren sich neben arrivierten Vorbildern neue Ensembles. Dieses vibrierende Umfeld bleibt auch nicht ohne fruchtbare Impulse für neue Kompositionen. Immer wieder beauftragen die prägenden Ensembles wie die King’s Singers oder das Hilliard Ensemble Komponisten, die dann oft erfrischende Repertoireimpulse liefern, die nicht nach einmaliger Aufführung oder Einspielung dem Vergessen anheimfallen. Auch Harry Christophers’ famose Formation The Sixteen gehört unbedingt in diese Reihe: Wenn auch die neun Werke der vorliegenden Platte ‚O guiding night‘ nicht exklusiv für das profilierte Ensemble geschrieben wurden, erfahren sie doch durch diese hochkompetente und stilistisch wandlungsfähige Formation eine erstklassige Einspielung.

Überwiegend hochklassige Arbeiten

Vertreten sind je drei Kompositionen von Ruth Byrchmore (geb. 1966), Roderick Williams (geb. 1965) und Tarik O’Regan (geb. 1978). Das einende Band sind die textlichen Grundlagen: Die Werke sind inspiriert von der mystischen Welt Teresa von Ávilas und des heiligen Johannes vom Kreuz. Als wesentliche Protagonisten des spanischen Mystizismus im 16. Jahrhundert bieten deren oft sehr persönliche, andachtsvolle, hochemotionale Texte manchen Anknüpfungspunkt für den Menschen der Gegenwart – zweifellos inspirierende Vorlagen.

Tarik O’Regan ist bereits vor einigen Jahren als handwerklich und expressiv begabter Komponist anspruchsvoller Chormusik hervorgetreten. Diesem Anspruch werden auch die aktuellen Werke gerecht. Charakteristisch sind etwa im eröffnenden 'fleeting, God' behutsam aus einem Liegeton entfaltete vokale Rufe und knappe Linien, die sich immer wieder fast funktional-harmonisch verdichten, um dann doch durch solitäre Sopranlinien abgelöst zu werden. Allmählich wird der vokale Untergrund mit dieser engelgleichen Kantilene verwoben, bevor die Strukturen sich wieder lockern und sich zum Ende außerordentlich konzentrieren. Doch auch der von prachtvoll-komplexer Akkordik durchmessene große Klangraum wird von O’Regan beherrscht, oft gegliedert und dynamisiert von kleiner, motorischer Motivik. Das schafft eine gleichsam hintergründige Komplexität, die harmonische wie rhythmische Qualitäten in ein dichtes Gewebe einwebt.

Die Arbeiten aus der Feder von Ruth Byrchmore fallen im Vergleich dazu nicht ab: Sie schreibt in 'The dark night' einen raumgreifenden, orgelumtosten Satz, dessen dichte Faktur von zerklüfteten Höhen gezeichnet ist. Umso eindrucksvoller geraten die immer wieder kontrastierenden zarten Passagen, voller Poesie und mit zarter Geste eingefügt. Darüber hinaus ist Byrchmores Ansatz strukturell ambitioniert, werden auch harsche kontrapunktische Momente gesetzt. Zunächst weniger eindrucksvoll verläuft die Begegnung mit den Werken Roderick Williams’: Sein Vokalpart im titelgebenden 'O guiding night' ist vergleichsweise kompakt gesetzt, die Klavierbegleitung kommt ohne wirklich originelle Momente aus. Auch bei der Formung der vokalen Linien und in harmonischer Hinsicht sind Klangeffekte zu hören, die eher an simplere Arbeiten John Rutters gemahnen oder gar in akuter Kirchentagsnähe zu verorten sind. Einen qualitativen Sprung macht Williams aber im letzten Stück der Platte, 'O Adonai' betitelt: Hier fällt vor allem die ätherisch reine Partie des Sopran-Solos ins Gewicht, die in ihrer Klarheit von den teils wahrhaft rauen Harmonien der Unterstimmen herausgefordert wird. Im weiteren Fortgang bildet sich die Komposition immer deutlicher als Gebet eines Zelebranten heraus, das von einem gemeindlichen Text in Mixturklängen begleitet wird – ein bemerkenswert expressives, zugleich klangschönes Stück.

Souverän und kundig

Harry Christophers hat mit The Sixteen das Repertoire der Renaissance großflächig durchmessen und nicht zuletzt dadurch eine deutliche Nähe auch zu den Inhalten der aktuell eingesungenen Sätze kultiviert. Stilistische Ausflüge hat es dennoch ebenso regelmäßig gegeben, wie sich die Formation auch mit dem Repertoire der Gegenwart beschäftigt hat. Die achtzehn Vokalisten zeigen sich wie erwartet als potentes Ensemble, mit einem kompakten, dennoch variablen Stimmklang, in außerordentlich homogenen, sehr stimmcharakteristisch gefärbten Registern: Leuchtend klare Soprane, schlanke und deutlich konturierte Altisten, viril-schlagkräftige Tenöre und wirklich dunkle, entschieden zeichnende Bässe sind zu hören.

Vor allem dynamisch loten die Komponisten ein sehr breites Spektrum aus und fordern eine perfekte Kontrolle der Ausführenden – die wirklich beglückend gelingt. Etliche heikle Kantilenen, oft in extremen Lagen, werden in schöner Lyrik gedeutet, immer wieder treten qualitätsvolle Soli aus dem Ensemble hervor. Christophers disponiert die klanglichen Möglichkeiten der Formation klug und mit sicherem Affektgespür. Erwähnung verdient die sensationelle Intonation, die auch in vertracktester Anlage stabil und selbstverständlich wirkt. Alle Vokalisten artikulieren zudem sehr differenziert, sind gleichermaßen an kleinteiligster Bewegung wie an der Gestaltung großer Bögen in konzentrierter Expressivität beteiligt. Interessant ist, das die Interpretationen umso inspirierter scheinen, je stärker die Kompositionen sind: In den ersten beiden Williams-Stücken sind die enormen Möglichkeiten von The Sixteen weniger gefordert – und schon klingt das Ensemble auch kaum mehr außergewöhnlich.

Technisch ist der Klang trotz einer schönen räumlichen Größe konzentriert, vielschichtig und plastisch differenziert, wirkt er nur gelegentlich in den Höhen des Ensemblesoprans eine Spur zu hart. Qualitativ fällt von allen Parametern einzig das Booklet ein wenig ab: Der einführende Text hängt allzu deskriptiv an den Lippen der Komponisten und bewegt sich in wolkigen verbalen Mystizismen sehr an der Oberfläche. Eine systematisch ordnende Hand hätte hier sicher gut getan.

Natürlich: Die drei jungen Briten wissen, für welche vokale Szene sie diese Musik schreiben, welch kristallines Klangpotenzial für ihre Werke zur Verfügung steht. Und so ist die Musik über weite Strecken technisch fordernd, ästhetisch durchaus nicht einseitig und reflektiert eine intensive Interaktion mit den zu Grunde liegenden Texten. Sie zeigt das glaubwürdige Bemühen, einem individuellen Moment der künstlerischen Inspiration Töne zu geben – dabei dem Hörer durchaus zugewandt, ohne ästhetische und expressive Klarheit preiszugeben. Insofern ist die Platte auch das gelungene Zeugnis einer lebendigen, modernen geistlichen Vokalmusik, wie es sie auf diesem Niveau durchaus nicht in vielen Kontexten zu hören gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    O Guiding Night -The Spanish Mystics: Werke von O'Regan, Williams und Byrchmore

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Anzahl Medien:
Coro
1
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EAN:

CD
828021609022


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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