> > > Schubert, Franz: Sinfonien Nr. 9 "Die Große"
Samstag, 5. Dezember 2020

Schubert, Franz - Sinfonien Nr. 9 "Die Große"

Aufgeräumt und entschlackt


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Philippe Herreweghe bietet hier auf modernem Instrumantarium einen nach den Regeln der historischen Aufführungspraxis entschlackten und aufgeräumten Schubert. Der schlanke Orchesterklang lässt das Werk in neuem Licht erscheinen.

Wenn Philippe Herreweghe sich nach seinem respektablen Beethoven-Zyklus nun an Schubert wagt, darf man auf das Ergebnis gespannt sein. Zum einen, weil Herreweghe in Sachen Schubert im Plattenmarkt ein unbeschriebenes Blatt ist, und zum anderen, weil sich bereits einige Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis mit Schubert auseinander gesetzt haben und es an Konkurrenz demnach nicht fehlt – Konkurrenz, von der Herreweghe sich abzusetzen verstehen müsste. Der Belgier steht sinnbildlich für den Kompromiss, modernes Instrumentarium mit den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis zu vereinen. So auch mit der Flämischen Philharmonie, mit der zusammen sich Herreweghe als erste Tat in Sachen Schubert der Sinfonie D 944, der sogenanten ‚Großen’, angenommen hat. Die 2010 entstandene Einspielung ist beim Label Pentatone, das konsequent auf Mehrkanal-SACDs setzt, erschienen. Die Platte ist als hybride SACD natürlich auch von einem gängigen CD-Spieler lesbar und bietet auch in Stereo eine überzeugende Klangqualität, die durch natürlichen und transparenten Orchesterklang besticht. Im Mehrkanalmodus wird der Klangkörper noch plastischer abgebildet; der Hall vermittelt einen guten Eindruck der Konzerthalle, ohne das Klangbild negativ zu beeinflussen.

Altbekannte Verwirrungen

Im Booklet, das ausschließlich eine Werkeinführung enthält (die Künstlerbiographien stehen im Internet zur Verfügung), wird auf die Unstimmigkeiten in der Nummerierung der Sinfonie, die als Nr. 9 ebenso geführt wird als Nr. 8 oder gar als Nr. 7, eingegangen. Abgesehen davon, dass diese leidige Geschichte nicht nur Schubert-Experten eigentlich bekannt sein sollte, liest es sich ungerechtfertigterweise so, als sei Schubert die absolute Ausnahme (zudem mit dem leichten Seitenhieb, der Komponist sei eben zu Lebzeiten und auch danach nicht entsprechend gewürdigt worden); tatsächlich gibt es andere Komponisten, bei denen die Zählung noch konfuser und unübersichtlicher ist.

Erwartungen werden erfüllt

Der von Philippe Herreweghe erarbeitete Schubert erfüllt genau die Erwartungen, die man an ihn stellen darf. Wesentliches Merkmal ist der auch hier schlanke (manchmal leider auch als blutarm kritisierte) Orchesterklang. Der Kopfsatz gewinnt zudem ungemein durch das zügige, nie aber übereilt wirkende Tempo: Bereits die allerersten Takte mit dem Hornsolo werfen die oft schon hier beginnende und sich im weiteren Satzverlauf fortsetzende, allzu oft zelebrierte Behäbigkeit über Bord. Durch die geringe Streicherstärke können die Bläsersoli bestens zur Geltung kommen; innerhalb der Streichergruppe fallen einige nun geradeztu solistisch (und entsprechend leichtfüßig) wirkende Passagen der Bässe auf. Das Blech steuert die – im Sinne der historisch informierten Interpretation geschärften – markant-kernigen Akzente bei, die der Musik Struktur verleihen. Das alles wirkt in der Gesamtschau organisch und auf natürliche Weise überzeugend; nie hat man den Eindruck, dass das Werk gegen den Strich gebürstet oder in eine Ecke gezwungen würde, in die es nicht hineingehört. Nun wird direkt hörbar, dass Schubert auch in diesem Werk noch immer eher den Klassikern Mozart und Beethoven nahe stand als auf die Spätromantiker Brahms oder Bruckner zu verweisen; allerdings benötigt auch der flotte Herreweghe für die im wahrsten Sinn des Wortes ‚große’ Sinfonie immer noch fast eine ganze Stunde. Die ‚himmlischen Längen’, die einst Robert Schumann konstatierte, sind also durchaus vorhanden, wenn auch nicht in Form der Langeweile des zähflüssigen Orchesterbreis manch älterer Aufnahme.

Ein Fragezeichen

Ein Fragezeichen bei der ansonsten in sich vollkommen stimmigen und vom belgischen Orchester technisch makellos gespielten Interpretation bleibt aber: Macht man sich zum Sklaven seiner Prinzipien, wenn über eine Stelle wie den Höhepunkt im langsamen Satz geradezu lakonisch hinwegmusiziert wird? Die in eine bestürzende Generalpause mündenden immer bedrohlicher (dissonanter) anschwellenden Akkorde verfehlen ihre Wirkung nicht; die Generalpause ist für meinen Geschamck aber viel zu kurz und die dann einsetzenden Pizzicati viel zu wenig zaghaft. Das ist sicher nur ein Detail, gleichzeitig aber auch emotionaler Höhepunkt und Zentrum der ganzen Sinfonie. Alles im allem liegt hier eine rundum entschlackte und sehr aufgeräumte Intrepretation der Schubert-Sinfonie vor, die gewiss viele Freunde finden wird, wohl aber auch Ablehnung bei denjenigen ernten wird, die von alten Hörerwartungen und -gewohnheiten nicht lassen wollen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Sinfonien Nr. 9 "Die Große"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
17.06.2011
Medium:
EAN:

SACD
827949037269


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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