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Samstag, 15. August 2020

Schütz, Heinrich - Musicalische Exequien

Große Trauermusik


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sehr harmonische Deutung der Musikalischen Exequien Heinrich Schütz' - das Ensemble Vox Luminis überzeugt mit einer enorm ausgewogenen Interpretation.

Der Rang der Musik Heinrich Schütz’ steht zumindest in der deutschen Überlieferung seit langer Zeit außer Frage. Vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten wird Schütz aber auch über diesen Traditionszusammenhang hinaus diskographisch immer stärker als eminenter, grenzüberschreitender, musikhistorisch erstrangiger Komponist wahrgenommen – als ein Künstler wahrhaft europäischen Formats, jedoch deutscher Herkunft und Prägung. Ensembles vieler Sprachen und Musiktraditionen entdecken Schütz als unübersehbare Größe, als Mittler zwischen aufkommender italienischer Barockästhetik und mittel- oder auch nordeuropäischem Musikleben. Dabei fungieren nicht nur seine Werke auf lateinische Texte als Türöffner: Gerade die zentralen Kompositionen mit deutschen Texten sind es, die Schütz’ Rang klingend dokumentieren. Und so stehen im Zentrum der aktuellen Produktion des belgischen Ensembles Vox Luminis die 'Musikalischen Exequien' SWV 279. Eingeleitet wird die große Trauermusik durch eine Reihe inhaltlich passender Motetten – etwa die beiden Versionen des Lobgesangs des greisen Simeon SWV 432 und 433 oder das unvergleichlich intensive, dem Andenken an den verehrten Komponistenkollegen Johann Hermann Schein gewidmete 'Das ist je gewißlich wahr' SWV 277.

Wunderbar harmonische Deutung

Die zwölf Vokalisten des Ensembles sind sämtlich versierte Stilisten, die ein enorm elegantes Klangbild kultivieren, zart grundiert von Orgel und Bassviola. Das gesangliche Ideal ist an einer schmalen, nie kargen, immer aber geschmackvoll gestalteten Linearität orientiert. Alle Register sind plastisch ausgebaut, das Verhältnis von solistischen und Tuttipassagen ist wunderbar harmonisch balanciert. Die bei Schütz so unabdingbare sprachliche Klarheit ist durch eine sehr deutliche und doch natürliche, dabei idiomatisch einwandfreie Artikulation gesichert. Da wird nichts nachlässig gesprochen, aber eben auch nicht übertrieben deutlich oder gar karikierend präsentiert, wie es noch mancher angelsächsischen Produktion der vorletzten Dekade eignete. Vox Luminis – das ist für eine glückende Schütz-Interpretation nicht hoch genug einzuschätzen – ist zur schlichten Geste, zur Vermählung von Sprache und Musik befähigt, und das in bruchloser Kontinuität von Soli und Ensemble. Die Intonation ist hervorragend, als im Vokalen so oft problematische Kategorie gleichsam abwesend. Artikuliert wird melismatisch elegant, präzis und gut strukturiert, doch ohne vordergründige Ecken und Kanten.

Das Klangbild ist harmonisch, mit einem sehr angenehmen Raumanteil realisiert, wirkt in jeder Hinsicht natürlich. Staffelung und Registerprofil sind plastisch ausgebaut, der instrumentale Bassanteil ist kontrolliert und ausgewogen in den vokalen Klang integriert. Beim Booklet mit seinen dreisprachigen Texten und informativen Essays fällt die üppige Präsentation positiv ins Gewicht: Der Sarkophag des Fürsten Heinrich Posthumus Reuß dominiert die reiche bildliche Gestaltung der Produktion und macht auch visuell klar, welche Komplexität diesem von Schütz vertonten ausladenden Trauerritual zueigen war. Zugleich illustrieren die Bilder die heute mitunter verstörende, intensive Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod, die dem Barock so vertraut war.

Lionel Meunier verfolgt einen sehr angemessenen Ansatz: Schütz’ Musik gerät fein und klanglich elegant. Zudem ist der auch als Bassist im Ensemble mitwirkende Meunier mit seiner Deutung ganz klar auf der Spur jener intensiven Bindung von Sprache und Musik, die bei Schütz einzig wirklich interpretatorischen Ertrag bringen kann. Das Ensemble Vox Luminis liefert eine rundum überzeugende, vollgültige Interpretation der nicht gerade selten eingespielten Musikalischen Exequien Heinrich Schütz’ ab, die sich deutlich im Repertoire behaupten kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schütz, Heinrich: Musicalische Exequien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
01.06.2011
Medium:
EAN:

CD
5400439003118


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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