> > > Thuille, Ludwig: Urschlamm-Idyll und Heiligenschein
Samstag, 29. Januar 2022

Thuille, Ludwig - Urschlamm-Idyll und Heiligenschein

Trouvaillen von Thuille


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Lieder Ludwig Thuilles, des

Ludwig Thuille (1861–1907), Zeitgenosse und Freund von Richard Strauss, ist einer jener von der Musikgeschichte nahezu übersehenen Komponisten. Dabei war er um 1900 eine der maßgeblichen Musikerpersönlichkeiten der Münchner Moderne. Mit seinen Kompositionen und seiner Lehrtätigkeit an der Königlichen Musikschule in München prägte er den Stil der Münchner Moderne entscheidend mit. 1903 wurde er ebenda gar Nachfolger Joseph Rheinbergers auf der Professur für Komposition. Neben anderen, etwa Max von Schillings, Hans Pfitzner oder natürlich Richard Strauss, gilt er als wichtiger Exponent der Münchner Schule.

Gut ein Dutzend CDs mit Einspielungen von Thuilles Werken sind derzeit auf dem deutschen Markt zu erhalten, das meiste davon beinhalten Kammermusik, doch auch eine hörenswerte Aufnahme seiner frühen F-Dur-Symphonie und seines Klavierkonzertes sind beim Label CPO erschienen. Die nun bei Thorofon eingespielte Liedauswahl mit 25 Titeln zeigt Thuille als typischen Exponenten der Spätromantik, an Brahms anknüpfend und dem Liedschaffen Hugo Wolfs stilistisch durchaus verwandt. Die Texte der Lieder stammen vor allem von Zeitgenossen, darunter auch Otto Julius Bierbaum, der als Vertreter der literarischen Moderne um 1900 auch Librettist anderer Werke Thuilles war, darunter die beiden Opern 'Lobetanz' (1898) und 'Gugeline' (1901), die einer Wiederentdeckung harren und – das sei vorweg genommen – musikalisch interessanter sind als die hier eingespielten Lieder.

Defizite

Der Höreindruck dieser gut zwei Dutzend Lieder, die allesamt Ersteinspielungen sind, lässt das Besondere vermissen, das sie als Entdeckung über die Liedproduktion der Jahre um 1900 heben würde. Das ist nicht abfällig gemeint; doch Thuilles akademische, nur selten überraschende Harmonik und seine für die Zeit traditionelle Textbehandlung machen die Lieder wenig einprägsam. Thuille komponiert sozusagen eng am Text entlang, illustriert Stimmungen mit spätromantischer Attitüde und klar angelegten Steigerungstrukturen. Handwerklich ist das freilich gut gemacht, doch unterscheidet es sich kaum von Vergleichbarem seiner Zeitgenossen.

Vielleicht liegt das auch etwas an den Interpretationen. Die amerikanische Sopranistin Rebecca Broberg ist – bis auf ein Lied – die Interpretin der CD. Man kennt sie vor allem aus einigen Aufnahmen der Opern Siegfried Wagners. Sie ist aber auch mit Liedern Zemlinskys und Wolfs auf CD vertreten. Ihre große Stärke ist die Textverständlichkeit und die plastische Darbietung der Gesangstexte. Die Stimme entwickelt in der unteren und mittleren Lage eine angenehme Wärme, hat in den höheren Lagen jedoch immer wieder eine unangenehme Schärfe mit Intonationstrübungen. Vor allem wenn sie es dramatisch werden lässt (wie beispielsweise in den 'Drei Frauenliedern' op.5), trübt das, verbunden mit Vibrato und Nachdrücken, den Hörgenuss. Auch bleibt die Stimme über 70 Minuten hinweg in der Farbgebung wenig abwechslungsreich. Eine lyrischere Stimme für die Aufnahme wäre hier sicherlich keine falsche Entscheidung gewesen, denn die ‚Wagner-Attitüde‘, die viele der Lieder in dieser Aufnahme bekommen, ist hier ebenso falsch, wie sie es bei Liedern Wolfs, Pfitzners oder Zemlinskys wäre.

Das interessanteste der Lieder Thuilles ist jenes, das der CD ihren Titel gibt: 'Urschleim-Idyll: Ein Ichtyosaurus wälzte' auf einen Text Thedor Vischers. Philipp Meierhöfer singt diese Liebesgeschichte eines Dinosauriers mit düsterem Bass und herrlich ironischen Falsett-Kadenzen. Hier gelingt es auch Thuille, der Ironie der Textvorlage mit den abschließenden, ausholenden Vokalisen gestalterisch etwas entgegen zu setzen.

Hans-Martin Gäbler begleitet die Lieder mit variablem Anschlag, sensibel die Klangfarben ausleuchtend und mit vorsichtiger Dynamik. Besonders in op.7, dem Zyklus 'Von Lieb und Leid' weiß er hier zu überzeugen. Nie spielt er sich unangemessen in den Vordergrund oder übertönt die Sängerin. Manchmal könnte man sich die Begleitung von der Anlage her sicherlich auch etwas dialogischer und mehr Impulse gebend denken, doch die konsequente Zurückhaltung und das Auf-die-Sängerin-Reagieren kann durchaus auch als Konzept verstanden werden. – Insgesamt zwar eine interessante Entdeckung bislang unbekannter Lieder eines heute wenig beachteten Komponisten, doch dauerhafte Repertoirechancen werden diese Trouvaillen wohl kaum haben. Da gibt es – vor allem im Opernbereich – Stärkeres von Ludwig Thuille zu entdecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Thuille, Ludwig: Urschlamm-Idyll und Heiligenschein

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
08.06.2011
Medium:
EAN:

CD
4003913125781


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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