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Dienstag, 28. September 2021

Grand Ballet - Music by Marin Marais

Sich spielend verneigen


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Grand Ballet

Er kam 1656 in Paris als Sohn eines Schusters zur Welt. Den berühmtesten Violisten seiner Zeit, Saint-Colombe, bei dem er Unterricht nahm, überholte er technisch in nur sechs Monaten. Mit 19 Jahren war er Mitglied der königlichen Oper, bald darauf einer der königlichen Kammermusiker. Die Rede ist von Marin Marais, der nach wie vor völlig zu Unrecht im Schatten seiner Kollegen steht. Lully förderte ihn, so dass er bald auch zu Komponieren anfing und bis zu seinem Lebensende fünf Bücher mit Gambensuiten herausgab, insgesamt 569 Stücke.

Musikalisches Tai-Chi
Paolo Pandolfo ist mit vorliegender CD nicht weniger als eine tönende Hommage auf den Schuster und sein Instrument gelungen. Gemeinsam mit vier anderen Musikern, darunter Mitzi Meyerson am Cembalo, hat er sich auf diejenige Schaffensperiode Marais’ konzentriert, die noch ganz dem Tanz in seiner gesellschaftskonstituierenden Form gewidmet war – wenngleich der erste (und ungemein begabte) Tänzer des Staates, Ludwig XIV., seinen Abschied vom Ballett bereits elf Jahre zuvor genommen hatte. ‚Grand Ballet’, der Titel der CD, ist dem Schlusssatz der Suite in a-moll des Dritten Buches entlehnt. Das Grand Ballet war das prunkvolle Finale eines Hofballs, zu dessen Klängen die Höflinge die jüngst erlernten Figuren präsentierten. Doch so rauschend wie in dieser Chaconne, bei der alle fünf Musiker vollen Einsatz zeigen müssen, geht es in Marais’ Suiten nicht immer zu. Im Gegenteil: es ist eine große Stärke dieser Einspielung, dass sie sich nicht minder ernsthaft der leisen Stückchen annimmt, wie der großen Bravourpiècen. Die Sarabanden dieser Aufnahme wirken wie Tai-Chi-Übungen: ruhig und dennoch aufs Äußerste konzentriert.

Barockes, hervorragend interpretiert
Pandolfos immense Bogentechnik durchdringt als Merkmal die ganze Einspielung. Natürlich hebt das sorgsam ausgewählte Basso continuo, das ein Klangspektrum von Laute solo bis zur Kleingruppe einnimmt, seine Virtuosität hervor, aber es ist der fast gesangliche Atem in diesen Interpretationen, der hellhörig macht. Pandolfo beruft sich auf ein Gedankenspiel, demzufolge Klang und Gestus untrennbar verbunden sind, da jedem Klang eine Geste (der bogenführenden Hand) vorausgeht, während jede tänzerische Bewegung ihrerseits aus Klang heraus motiviert ist. Entsprechend hohes Augenmerk schenkt er dem gestischen Gehalt dieser stilisierten Tänze – und schlägt in Bann damit. Den absoluten Höhepunkt stellen die auf der zweiten CD zu findenden, knapp zwanzigminütigen Couplets des Folies aus dem Zweiten Buch, denen hier eine solistische Improvisation Pandolfos vorangeht wie als Einstimmung auf eine große Choreographie.
Die ansprechende Gestaltung des Booklets trägt auch zur hohen Gesamtbeurteilung bei, wenngleich der Text eher assoziativ denn informativ ist. Wer also erleben will, dass Barockmusik in den Beinen kribbeln kann, der sollte sich diese wunderbare Einspielung nicht entgehen lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Carsten Hinrichs,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Grand Ballet: Music by Marin Marais

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Glossa
1
01.05.2002
69:45
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
8424562204065
GCD 920406

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Marais, Marin


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Interpret(en):Pandolfo, Paolo (Viola da gamba)
Balestracci, Guido (Viola da gamba)
Boysen, Thomas C. (Theorbo, Baroque Guitar)
Costoyas, Dolores (Baroque Guitar, Theorbo)
Meyerson, Mitzi (Harpsichord)


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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