> > > Berlioz, Hector: Roméo et Juliette
Dienstag, 29. November 2022

Berlioz, Hector - Roméo et Juliette

Ein Meisterwerk in Meisterhand


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


,Ich fasste den Entschluss, ein Meisterwerk zu schreiben‘ so Hector Berlioz in seinen Memoiren. Das entstandene Meisterwerk ist die ,Symphony Dramatique Roméo et Juliette‘, die jetzt in einem beglückenden Livemitschnitt des London Symphony Orchestra unter der wohl größten Instanz der Berliozinterpretation, Sir Colin Davis, vorliegt. Das neugegründete Hauslabel LSO hat bereits eine Reihe hochgelobter Interpretationen von Berlioz‘ Opern unter Davis herausgebracht, die oftmals nur mit seinen eigenen Aufnahmen aus den 70ern konkurrieren können. Die Aufmachung und das Beiheft sind dabei trotz eines niedrigen Preises nicht mager ausgefallen. Jetzt folgt die unerhörte Symphonie für Chor, drei Solisten und Orchester von 1839 über das unsterblichste Liebespaar, das wir kennen.
Unerhört und selten gehört war sie von Anfang an, erregte Befremden wegen ihrer Form, die in kein Schema von Oper, Symphonie, Oratorium oder Kantate zu pressen ist. Nicht selten wurden alle vokalen Teile weggelassen. Eine dreisätzige Symphonie blieb übrig, die ihres dramaturgischen Rahmens beraubt war; gewissermaßen Reflexion ohne Anlass. Das ganze Werk ist keine Programmmusik, sondern ein klingendes Nachdenken über Liebe und Zuneigung, über erste unschuldige Leidenschaft. Der Rahmen (die Geschichte der widerstreitenden Familien) ist das nötige, manchmal brachiale Umfeld, um der wahren Liebe zu einer Rechtfertigung zu verhelfen. Nur in so einer Gesellschaft sind Romeo und Julia vorstellbar; eine in ihrer Naivität wahrhaftige Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Sprachlos steht Berlioz vor solch einer Liebe, der er keine einzige gesungene Note, nur den Klang des Orchesters schenkt.

Einfühlende, extrem spannungsgeladene Interpretation von Gefühlswelten
Es ist faszinierend durch die neue Aufnahme von Colin Davis begreifen zu dürfen, welche innere Zuneigung und Herzenswärme der Komponist sein Liebespaar empfand. Er komponierte weniger reale Szenen der Liebenden, als ihre Gefühlswelten. Colin Davis stellt sich vollkommen in den Dienst dieser Haltung. Man höre die unglaubliche Spannung, die er in der ,scene d‘amour‘ über 20 Minuten zu halten im Stande ist. Das Orchester folgt ihm ohne jemals zu wackeln oder von dieser Spannung ermüdet zu werden. Julias Leichenzug klingt hier nicht düster und unheilvoll, nicht die leidenden oder trauernden Masken der Capulet (für die Berlioz keine Sympathie hegte) geben den Ton an, sondern die Anmut der vermeintlich toten Julia. Ihr pochendes, erregtes Herz erklingt zuletzt und macht aus dem Leichenzug das Gegenteil, einen Zug des Lebens, der für Julia ein neues glücklicheres Dasein an der Seite Romeos bedeuten sollte. Die Einheit der Sätze vollzieht sich im unschuldig-silbrigen Klang der Balkonszene, die sowohl auf die zauberhafte Beschwörung der elfengleichen Königin Mab, als auch auf den Leichenzug ausgestrahlt hat. All dies haben Davis und seine Musiker genial verstanden und umgesetzt, jede Note wirkt beseelt und lebendig, nichts ist nebensächlich geraten. Bewundernswert!
Der Chor deklamiert stets bemerkenswert einheitlich, neigt aber manchmal zu kleinen Intonationsschwächen. Einen gleichwertigen Beitrag zu einer sehr guten Gesamtleistung erbringen auch die Solisten, die viel aus ihren kleinen Partien herausholen. Daniela Barcellona (Mezzo-Sopran) zelebriert in ihrem kurzen Lied ,D’anciennes haines endormies‘ mit dunkler, voller Stimme die Liebe der Jugendlichen. Kenneth Tarver (Tenor) ist ein quirliger Erzähler des Märchens von Königin Mab. Orlin Anastassov (Bass) mimt den kraftstrotzenden Ankläger des unglaublichen Wahns beider Familien, die über den Leichen ihrer Kinder zusammengekommen sind. Sicher ist hier das Werk am meisten große Oper und Anastassov unterstreicht diesen Eindruck durch leicht forciertes Singen. Davis sucht nicht die ,Grande Opera‘ zu leugnen. Der schmetternde Schluss ist das gewissentötende Geplärr zweier Familien, die immer noch nichts gelernt haben. Die Versöhnung, sagt uns Davis‘ Interpretation, ist eine Farce eine schallende Peinlichkeit über den leblosen Körpern der reinen Liebe.
Viel Lob mithin, doch einen winzigen Nachteil hat die CD trotz allem. Zwar ist der Livemitschnitt extrem arm an Nebengeräuschen und durch Nachbearbeitung konnte eine gute Balance zwischen Solisten, Chor und Orchester hergestellt werden, allerdings ließ sich die Akustik des Barbican-Centers nicht von trocken nach weiträumig auffächern. Manchmal klingt die Aufnahme somit ein wenig gedeckelt, was dem Wert einer großen Interpretation allerdings keinen bedeutenden Abbruch tut.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Berlioz, Hector: Roméo et Juliette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
01.07.2002
1:32:11
2000
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0822231100324
LSO 0003

Cover vergössern

Berlioz, Hector


Cover vergössern

Dirigent(en):Davis, Sir Colin
Orchester/Ensemble:London Symphony Orchestra
Interpret(en):Barcellona, Daniela (Mezzo-Soprano)
Tarver, Kenneth (Tenor)
Anastassov, Orlin (Friar Lawrence)
London Symphony Chorus,


Cover vergössern

LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag LSO Live:

  • Zur Kritik... Wege nach Innen: Simon Rattle und die 2. Sinfonie von Rachmaninow in der ungekürzten Fassung. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Klassische Kopplung: Der Operndirigent Pappano als vorzüglicher Vaughan-Williams-Dirigent. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Auf dem richtigen Sitzplatz: Die vorliegende Produktion ist ein weiteres überzeugendes Plädoyer für die Akustik der Londoner Barbican Hall. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von LSO Live...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Thomas Vitzthum:

  • Zur Kritik... Schönste Wiener Kammermusik: Schwungvoll wienerische Kammermusik, gespielt von einem herausragenden Ensemble mit Wiener Wurzeln. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Nicht aus der Mode gekommen: So empfiehlt sich diese Aufnahme für Entdecker im Violinrepertoire, aber auch für Freunde knapper, inspirierter Neoklassik. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Undramatisch bekehrt : Frieder Bernius hat eine farbige, aber sehr undramatische Aufnahme des Paulus vorgelegt. Nichtsänger werden sie dennoch mögen. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Thomas Vitzthum...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Hörgenuss französischer Cello-Konzerte: Daniel Müller-Schott und Alexandre Bloch am Pult des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bieten französische Meisterwerke höchst expressiv als Ganzes und mitreißend in jedem Detail. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Camilla Nylund at her best: Diese 'Tote Stadt' schickt gewiss keine der älteren Aufnahmen aus dem Rennen, ist aber allein schon wegen Camilla Nylund eine lohnenswerte Ergänzung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Unterhaltungsmusik à la Great Britain : Die siebte Folge der British-Light-Music Serie von Naxos präsentiert die kompositorische Vielfalt von Robert Docker. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sergej Tanejew: Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello E-Dur op.20 - Adagio piu tosto largo - Allegro agitato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich