> > > Böhm, Claudius: Mahler in Leipzig
Montag, 20. Mai 2019

Böhm, Claudius - Mahler in Leipzig

Lücken in Mahlers Biographie


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anlässlich des Mahler-Doppeljubiläums der Jahre 2010/11 wurde die Tätigkeit Gustav Mahlers in Leipzig aufgearbeitet und nun in einem opulenten, zweisprachigen Buch zusammengefasst.

Einer der besterforschten Komponisten ist Gustav Mahler. Das hat auch, aber längst nicht nur mit der Rezeption von Mahlers Werk zu tun, das nicht nur eine Renaissance erlebt hat (nämlich außer in den 1920er Jahren auch nach 1960 und neuerdings sicherlich auch noch einmal durch das doppelte Jubiläum 2010/2011, bei dem seines 150. Geburtstags und seines 100. Todestags gedacht wurde). Dass Mahlers Leben und Wirken besser dokumentiert ist als das mancher anderer Komponisten, ist auch auf eine besonders treue, ergebene und von seinem Werk gefesselte ‚Fangemeinde‘ zurückzuführen. Mahler-Kenner und -Spezialisten haben wohl ebenso dafür gesorgt, dass im Laufe der Jahrzehnte die Forschungsliteratur über und die Aufnahmen von Mahlers Kompositionen bis ins schier Unermessliche angewachsen sind.

Doch immer noch gibt es Desiderata und Forschungsgebiete zu Gustav Mahlers Werk, die der Erhellung harren, obgleich dies natürlich angesichts der Fülle an Sekundärliteratur nur einzelne weiße Flecken betrifft. So fehlte aber bislang noch eine umfassende Publikation zu Mahlers Leipziger Zeit, die, so kurz sie mit 22 Monaten Verweildauer in den Jahren 1886 bis 1888 ausfällt, doch von nicht geringer Bedeutung im Lebenslauf des Komponisten ist. Denn von Leipzig aus öffneten sich Mahler die Anstellungen an großen Opernhäusern von Budapest, Hamburg und schließlich Wien.

Leipzig war eine Musikmetropole, in der Mahler mit einem ungeheuren Arbeitspensum konfrontiert wurde. Immer wieder auch kam er nach Leipzig zurück, um dort eigene Werke zur Aufführung zu bringen. Der Leipziger Riedel-Verein sang bei der Uraufführung von Mahlers Achter Sinfonie am 12.9.1910 in München mit, weswegen Mahler zwei Proben in Leipzig leitete. Leipziger Musikverlage brachten verschiedene seiner Sinfonien im Druck heraus. Mit seiner Vollendung von Webers Opernfragment 'Die drei Pintos', die in die Leipziger Zeit fällt, konnte Mahler erstmals eine breite Anerkennung für sein kompositorisches Schaffen erreichen. Zugleich arbeitete er an den ‚Wunderhorn‘-Liedern und seiner Ersten Sinfonie. Dass er Leipzig aber dennoch so bald den Rücken kehrte, hat zu teils wilden anekdotischen Spekulationen geführt, die, wie Sonja Riedel zeigt, kaum haltbar sind. Vielmehr hatte Mahler auch durch seine Erfolge in Leipzig das Selbstbewusstsein gewonnen, das ihm eine vermeintliche Karriere als Zweiter Kapellmeister hinter Arthur Nikisch auf die Dauer unerträglich gemacht hätte. Seine zeitlich befristete Übernahme der Leitung des Orchesters wegen der Erkrankung Nikischs hatte ihm dies klar vor Augen geführt. Mahler wollte höher hinaus, und das war ihm in Leipzig nicht möglich. Sein immenser Anspruch nicht nur an seine eigene Arbeit, sondern auch an die der Orchestermusiker und Sänger führte zu immer neuen Auseinandersetzungen. Auch mit der Presse stand er nicht auf bestem Fuß. (Man kennt dies von seinen übrigen Anstellungen.) Sein Leipzig-Aufenthalt war nur von kurzer Dauer. Wohl aus diesem Grund ist er bislang eher vernachlässigt worden, musste aus den oben genannten Gründen allerdings dringend eingehender erforscht und ausgewertet werden.

"Mahler und Leipzig"

Zum Internationalen Gustav Mahler Festival, das im Mai 2011 anlässlich des 100. Todestags in Leipzig stattfand, ist ein Sammelband erschienen, der Mahlers Leipziger Jahre aufarbeitet. Das opulente Buch, das knapp 360 Seiten umfasst und fast quadratisches Format hat, ist komplett zweisprachig in Deutsch und Englisch verfasst. Das ist in jeder Form anerkennenswert, ist damit die Grundlage dafür geschaffen, dass die Forschungserkenntnisse auch tatsächlich einem breiten – und vor allem internationalen! – Leserkreis zur Verfügung stehen. Das Layout, für das das Bureau Spector verantwortlich zeichnet, hat den deutschen und englischen Text in Spalten nebeneinander und farblich in schwarzer und blauer Farbe voneinander abgesetzt. Die Erscheinungsform der Seiten mit oben angeordneten Fußnoten und innen mittig zu findenden Seitenzahlen und Kopfzeilen ist ebenso ansprechend wie die schlichte, serifenlose Type und ermöglicht zugleich die ungezwungene Fortsetzung dieses Layouts auch auf Seiten mit mehreren Abbildungen. Obwohl die Seitenränder extrem klein gehalten sind, wirkt die Aufmachung großzügig und übersichtlich. Man hält also ein Buch in der Hand, das schon visuell zur Beschäftigung mit ihm anregt.

Mahler in Leipzig

Das Inhaltsverzeichnis bietet große Namen wie Riccardo Chailly, der als Gewandhaus-Kapellmeister das Grußwort geliefert hat, Constantin Floros, ausgewiesener Mahler-Spezialist, mit einem Aufsatz über ‚Mahlers Weg zur Sinfonie‘ und den Nestor der Mahler-Forschung Henry-Louis de La Grange, von dem ein Essay über ‚Mahlers Musik‘ aus dem Jahr 2004 erstmals in deutscher Sprache präsentiert wird. Mehrere Aufsätze (die den Hauptteil des Bandes ausmachen) stammen von Sonja Riedel, die im Jahr 2005 ihre Magisterarbeit über Mahlers Leipziger Zeit verfasst hatte (‚Mahler in Leipzig: Die erste Saison‘, ‚Mahler in Leipzig: Der Komponist‘, ‚Mahler in Leipzig: Die Privatperson‘, ‚Mahler in Leipzig: Freundschaften und Begegnungen‘, ‚Mahler in Leipzig: Abschied und Wiederkehr‘). Der Herausgeber Claudius Böhm, Leiter der Abteilung Dokumentation & Archiv des Gewandhauses, steuerte das Vorwort und eine Zeittafel zu Mahlers Lebensdaten bei. Die anderen allesamt recht jungen Autoren haben sich auf die eine oder andere Weise mit der Musik- und Stadtgeschichte Leipzigs beschäftigt und sind so prädestiniert für die Themen, deren Bearbeitung sie übernommen hatten: Verena Großkreuz über ‚Mahler und Des Knaben Wunderhorn‘, Steffen Held zur jüdischen Bevölkerung Leipzigs (‚Mahler und die Leipziger Judenheit‘), Hagen Kunze über andere Größen der Leipziger Musikgeschichte (‚Grünberg, Nikisch, Mahler: Drei Wiener in Leipzig‘) und Thomas Schinköth unter dem Titel ‚An seinem Weg die Synagoge?‘ eine Spurensuche zur ‚Musik in der Leipziger Gemeinde-Synagoge zur Zeit Mahlers‘. Unterbrochen werden die Aufsätze von Bilderfolgen zu unterschiedlichen Themenkreisen: ‚Porträts von Mahler‘, ‚Historische Ansichten: Mahler in Leipzig 1886-1888‘, ‚Historische Dokumente: Konzert- und Theaterzettel, Autographe, Noten‘, ‚Porträts: Personen um Mahler‘, ‚Historische Ansichten: Mahler zu Gast in Leipzig 1896-1910‘ sowie ‚Karikaturen, Schattenrisse, Zeichnungen: Mahler als Dirigent‘. Verschiedene Register mit einem Aufführungs- und Werkverzeichnis zu Mahler in Leipzig, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister beschließen den Band.

Die Leipziger und Mahler

Was haben nun die Beiträge dieses Buches an Neuigkeiten zu bieten? Besonders die akribische, umfangreiche wie umfassende, alle verfügbaren Quellen ausschöpfende Arbeit von Sonja Riedel liefert erstmals ein sehr genaues Bild von Mahlers Leipziger Wirken und den Umständen seiner Arbeit. Verschiedene Daten aus Mahlers Biographie müssen korrigiert werden, auch wenn es sich nicht um die ganz großen Ereignisse handelt. Andere Kenntnisse über Mahler werden durch die ausführlichen Recherchen gestützt und abgesichert oder teilweise in ein anderes Licht gestellt. Mahlers Umgebung und die wechselseitige Beeinflussung klären manche bislang nur zu Vermutungen hinreichende Thesen. In den Abbildungsteilen werden einige Darstellungen zum ersten Mal gezeigt.

Dies ist ein ambitioniertes und gut recherchiertes, ansprechend gestaltetes Buch über Gustav Mahlers Leipziger Zeit, das gleichermaßen ins Detail geht wie es Mahlers Wirken in den Zusammenhang der Stadt- und Kulturgeschichte der Zeit stellt. Es bestand keineswegs eine innige Beziehung zwischen Gustav Mahler und den Leipzigern. Dass sie ihm dennoch, obwohl er diese Stadt nicht einmal zwei Jahre mit seiner Anwesenheit und seinem Wirken bereicherte, ein großes Fest im Mai 2011 bereitet und mit diesem sehens- und lesenswerten Band ein Denkmal gesetzt haben, ehrt beide gleichermaßen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Böhm, Claudius: Mahler in Leipzig

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
22.08.2008
EAN:
8033300004630

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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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