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Dienstag, 7. Juli 2020

Unidas - Alas poore Men - Werke von Dowland, Corkine, Hume u.a.

Schwerelose Melancholie


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Unidas widmet sich tief melancholischen englischen Lautenliedern - mit Erfolg. Zuweilen könnte der Zugriff etwas abwechslungsreicher sein, insgesamt aber kann die Interpretation im Vokalen wie Instrumentalen für sich einnehmen.

Englische Lautenlieder sind ein spezieller Fall. Es gibt kaum etwas Vergleichbares in anderen Ländern. Selbst das französische, lautenbegleitete Air hat einen völlig anderen Duktus als die englischen Ayres. Es war eine kurze, aber sehr produktive Blüte, die diese Gattung gegen Ende des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts erlebte. Verbunden werden Lautenlieder vor allem mit Komponisten wie John Dowland, Thomas Morley oder Tobias Hume.

Das österreichische Ensemble Unidas hat für die vorliegende Einspielung ein dichtes Programm zusammengestellt, das ein Charakteristikum der englischen Lautenliedtradition herausarbeiten möchte: die alles durchdringende Melancholie. Melancholie war zu Dowlands Zeiten – wie Eva Reiter in dem sehr gelungenen Booklet-Text richtig bemerkt – keineswegs nur eine Gemütsregung, sondern ein medizinisch wie religiös erörtertes Phänomen, mehr Krankheit und Teufelswerk denn eine vorübergehende Stimmung. In England im ausgehenden 16. Jahrhundert setzte man sich in Poesie und Musik besonders intensiv, geradezu fanatisch mit der Melancholie auseinander. Oft ging es um Todessehnsucht, Hoffnungslosigkeit und Liebesqual. Die Poesie drückt fast unüberwindbaren Pessimismus und Verlorenheit aus, nur an wenigen Stellen aufgebrochen durch ein Aufflackern von Hoffnung auf Ruhe und Erlösung (die nicht selten durch den Tod erreicht wird). Diese tiefdüstere Stimmung in den Texten spiegelt sich auch in der Musik wider. Die Laute als zurückhaltendes, stilles Instrument und die dunkle Klangfarbe der Gambe unterstreichen den einsam-trüben Eindruck, den diese Lieder beim Hörer hinterlassen.

Die Sopranistin Theresa Dlouhy setzt ein glasklares, kühles Timbre ein, um die Musik zu interpretieren. Vor allem in der Höhe wird ihre Stimme durchsichtig, schwebend, fast knabenhaft und hebt sich kontrastierend vom leisen, dunklen Klang der Laute und der Gambe ab. Sie bemüht sich um eine sehr klare Aussprache und eine natürlich wirkende Deklamation, wovon die ausdrucksstarke Poesie profitiert. Bedenkt man, dass Lautenlieder oft in kleinem Rahmen, auch in hausmusikalischem Kontext gepflegt wurden, ist das luftig-natürliche Timbre der fast vibratolosen Stimme für das Repertoire hervorragend geeignet. Das Fehlen jeglicher Dramatik führt jedoch zu einem etwas statischen, sterilen Klang. Vor allem, wenn man das komplette Programm anhört, wünscht man sich auflockernde Abwechslung und etwas modulationsreicheren Gesang. Eine etwas zupackendere und überspitzte Textinterpretation an dazu geeigneten Stellen hätte die emotionale Intensität noch erhöht. Darüber hinaus ist anzumerken, dass die großräumige Akustik mit vergleichsweise viel Nachhall wohl die ein oder andere Feinheit ihrer Interpretation geschluckt hat.

Ein Beispiel für Dlouhys interpretatorische Arbeit ist 'Me, me and none but me', ein Lied von ergreifend schöner Einfachheit. Sie legt ein zügiges Tempo vor, das den Charakter des Liedes verändert. Dadurch wird das drängende Verlangen betont, die innere Ungeduld. Andere Interpretationen geben dem Text den Charakter eines nicht ausgesprochenen, fast hoffnungslosen Wunsches, und es bleibt Geschmackssache, was man hier als passender empfindet. Die Gambistin Eva Reiter entfaltet ihre virtuosen Fähigkeiten in den Solostücken für Gambe. Hier erhöht die gewählte Akustik den Effekt des typischen, kühlen Gambentimbres. Ihr Spiel, in sich ruhend und trotzdem farbig und konturiert, bildet Höhepunkte der Aufnahme.

Vom Lautenisten Christopher Dickie, der als Gast das Ensemble erweiterte, hätte man gerne mehr gehört. Er ist solistisch mit nur zwei Stücken vertreten. Sein Spiel ist exakt, unprätentiös und frei von exaltierten Verzierungen; Dickie nimmt sich viel Zeit und kostet die Pausen aus, so dass immer wieder Momente des Innehaltens entstehen. Der ebenfalls gastierende Bass Ulfried Staber passt sich in den beiden Ayres für zwei Stimmen hervorragend dem geradlinigen Klang des Soprans an. Seine warme, volle – und ebenfalls vibratoarme – Stimme mischt sich in Ayres wie 'Come chearfull Day' hervorragend mit dem Klang der Instrumente und sie bilden gemeinsam einen wundervollen, in sich stimmigen und vielgliedrigen Klangkörper.

Im Ganzen eine gelungene Aufnahme, exakt und solide, wenn auch hier und da etwas kontrastarm. Klanglich, aber auch an äußeren Details wie dem sprachlich und inhaltlich sehr schönen Booklet (selten: einschließlich Quellenangaben der verwendeten Noten) merkt man, dass die CD das Ergebnis von gewissenhafter Arbeit war.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Unidas - Alas poore Men: Werke von Dowland, Corkine, Hume u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
20.05.2011
Medium:
EAN:

CD
9003643989115


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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