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Mittwoch, 23. Oktober 2019

Pergolesi, Giovanni Battista - Stabat Mater

Schaut die Mutter voller Schmerzen


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Ersteinspielung von Pergolesis 'Stabat Mater' in der deutschen Textfassung von Christoph Martin Wieland.

Ersteinspielungen wohnt Feierlichkeit inne. Sie verkehren den Eindruck eines schmalen Kanons und eines Überangebots an Konzerten und Tonträgern in die tröstliche Vorstellung eines unabsehbaren kulturellen Reichtums dem gegenüber das schmale Kanonkarussell des Betriebs sich dreht. Ist das aber so tröstlich? Gewiss, so wie das Chaos eines Goldrausches Trost wird für den Fündigen. Das Barockensemble L’arpa festante hat nun unter der Leitung von Alexander Erberle die Ersteinspielung von Giovanni Battista Pergolesis 'Stabat mater' vorgelegt – das wird man kaum glauben. Zugleich wurden auf jener CD Ersteinspielungen von Carl Philipp Emanuel Bachs kurzer Kammerkantate 'Der Frühling' Wq237 und von Carl Heinrich Grauns 'Gl’amori di Leandro ed Hero' vorgelegt: Das glaubt man schon eher. Es stimmt aber beides.

Gelungene Entdeckung, gelungene Übersetzung

Bezüglich Pergolesi liegt des Pudels Kern im Pfeffer der Textfassung begraben. Was hier erstmals eingespielt wurde, ist nämlich die deutsche Übersetzung von keinem geringerem als Christoph Martin Wieland, von dem auch der Text zu Bachs 'Frühling' stammt. Wielands Übersetzung ist nicht nur deshalb interessant, weil sich bereits am Titel der Veröffentlichung in der Februar-Ausgabe des ‚Teutschen Merkurs‘ 1781, ‚Der alte Kirchengesang Stabat Mater zur bekannten Komposition des Pergolesi von Christoph Martin Wieland in gleichartigen Reimen übertragen‘, die Karriere abzeichnet, die diese Komposition als Kardinalstück der romantischen Kunstreligion erfahren wird. Auch der Text selbst, elegant fließend und virtuos gereimt, hat es in sich, wenn Wieland etwa das einzelne Wort ‚desolatum‘ mit ‚Trostberaubt, von Gott verlassen‘ übersetzt. Das vierte der Sieben Letzten Worte (‚Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‘) schleicht sich hier nicht nur unversehens ein und wird auf Marias Perspektive übertragen. Es verwandelt das impulsive Psalmenzitat Jesu in einen gültigen Erzählerkommentar. Aus dieser Übersetzung laufen die interessantesten Fäden in großer Zahl; nicht zuletzt der Umstand, dass Wieland im ‚Merkur‘ die Arbeit an der Übersetzung und den Tod seiner Tochter Regina Dorothea zusammendatiert.

Verschiedentlich etwas wenig vom Text

Das Ensemble L’arpa festante, das unter der Leitung von Eberle das Werk in deutscher Fassung auch zu Wielands 275. Geburtstags am 5.September 2008 erstmals aufführte, nimmt sich dem Stabat Mater sanft an, aber versteht es im rechten Moment auch, zuzupacken. Das gilt auch für die Werke Bachs und Grauns. In kleiner, transparenter Besetzung werden die Gestalten und Spannungsbögen dieser Musik ganz deutlich, erscheinen in hellem, silbrigem Licht. Gerade in Bezug auf die Deutlichkeit lässt sich auch das vielleicht einzige echte Manko der Sängerbesetzung formulieren. Die Sopranistin Elisabeth Scholl und der Countertenor Alexander Schneider singen zwar im 'Stabat Mater' fraglos schön. Besonders Schneider entlockt seiner Stimme einen weit tragenden, durchsichtigen Klang, der in den vielen langen Leidenstönen Pergolesis schlichtweg berührt. Allein, die Deutlichkeit und Verständlichkeit des Textes lässt hier bei beiden Solisten zu wünschen übrig. Aber zum Glück gibt es Wielands schöne Übersetzung ja im Booklet nachzuschlagen.

In Carl Philipp Emanuel Bachs 'Frühling', der einen Ausschnitt aus Wielands frühem Versepos ‚Die Prüfung Abrahams‘ vertont, singt der Tenor Marcus Ullmann hingegen nicht nur mit warmem, lyrischen Ton, sondern auch klar artikuliert und deutlich im Dienste des Textes. Das allerdings wäre noch kein Grund gewesen, Wielands Text ebenso wir die Grundlage von Grauns italienischer Kantate über das bekante antike Liebesunglück überhaupt nicht abzudrucken; im Falle Grauns wird nicht einmal der Textdichter genannt. Mit dieser mangelnden Dokumentation bringt sich die CD gleichsam um ein Stück der Festbeleuchtung, die zur Feierlichkeit einer Ersteinspielung gehören sollte.

 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pergolesi, Giovanni Battista: Stabat Mater

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.05.2011
Medium:
EAN:

CD
730099127622


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Bach, Carl Philipp Emanuel
 - Der Frühling -
Graun, Carl Heinrich
 - Gi amori di Leandro ed Hero - Entro le viscere mie nascosto Fuoco
 - Gi amori di Leandro ed Hero - Agitato in mezzo all onde
 - Gi amori di Leandro ed Hero - Ma che vedo?
 - Gi amori di Leandro ed Hero - Agitate sondai venti
Pergolesi, Giovanni Battista
 - Stabat Mater - Schaut die Mutter voller Schmerzen
 - Stabat Mater - Ach wie bangt ihr Herz, wie bricht es
 - Stabat Mater - O wie bittere Qualen Beute
 - Stabat Mater - Wie die bange Seele lechzet
 - Stabat Mater - Wessen Auge kann der Zähren
 - Stabat Mater - Sieht den holden Sohn erblassen
 - Stabat Mater - Laß, o Mutter, Quell der Liebe
 - Stabat Mater - Laß in Liebe mich entbrennen
 - Stabat Mater - Drück, o Heilige alle Wunden
 - Stabat Mater - Gib mir Teil an Christi Leiden
 - Stabat Mater - Flammend noch vom heiligen Feuer
 - Stabat Mater - Deckt des Grabes düstere Höhle


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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