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Freitag, 25. September 2020

Händel, Georg Friedrich - Serse

Großkönigliche Liebesverwirrung


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Wiederauflage des Dresdner 'Serse' aus dem Jahr 2000 ist stets noch völlig sehens- und hörenswert.

Wenige Formen der Zusammenarbeit erscheinen so überraschend und bemerkenswert, zugleich so an der üblichen Tagesordnung des Kulturbetriebs wie die zwischen Musikern der ‚historisch informierten‘ Aufführungs- und Regisseuren der ‚modernen‘ Inszenierungspraxis. (Die Anführungszeichen leisten in diesem Satz schwere Arbeit, die man nicht vergessen sollte.) Das ist gerade an der schon etwa in die Jahre gekommenen Inszenierung von Händels 'Serse' durch Michael Hampe zu beobachten, da der Kontrast dort nicht zu schneidend ausfällt. Die Inszenierung für die Dresdner Musikfestspiele 2000, in der Christophe Rousset seine großartigen Talens Lyriques leitet, ist nun von EuroArts zum zweiten Mal auf DVD aufgelegt worden, nachdem sie 2005 bereits ein erstes Mal erschienen war. Das ist kein Schaden, ganz im Gegenteil. Die Ausstattung der DVD ist schlicht. Untertitel sind in mehreren Sprachen verfügbar, einzelne Arien und Szenen lassen sich auch einzeln anwählen. Aber sonstiges Beiwerk, das eine DVD begleiten könnte, fehlt. Auch das ist kein Schaden.

Hier lässt sich nun aber der oben genannte Kontrast in nuce betrachten. Ein historisch informiertes Ensemble, das mit Leichtigkeit und Frische um den Klang der alten Instrumente bemüht ist, trifft auf ein Bühnengeschehen, das gerade nicht auf eine Rekonstruktion, sondern auf eine Modernisierung der Codierung abhebt. Vom ersten Bild an finden wir uns in einer kühlen, strengen Welt aus Glas und Metall. Eine scheinbar nicht allzu ferne Zukunft ist das, in der aber die traditionelle europäische Galauniform mit Achselschnüren, buntgemischten Bruststernen und standesgemäß goldbesticktem Tschako nicht aus der Mode gekommen ist, in der der Hofstaat Frack trägt und mit elegantem Stockdegen droht. Durchaus haben Kostüm und Setting eine schöne Festlichkeit und opulente Kostbarkeit, eindeutig großköniglich. Man sieht den Militärs sofort die hohe Politik, den Hofdamen sofort die kompromisslosen Diven. Aber das Kolorit wirkt entschieden osmanisch-napoleonisch, nicht alt- oder imaginärpersisch.

Ernste Scherze

Die Handlung des 'Serse', das Libretto von Silvio Stampiglia ist eines jener genialen Gebilde barocker Theaterkunst, in denen aus den einfachen, hochreinen Elementen durch Komposition ein vertracktes, dicht gewobenes Netz entsteht, in dem sich die Figuren verstricken. Es geht im Grunde nur um Liebe, und diese ist im Grunde digital codiert. Zwei Geschwisterpaare treffen aufeinander: Serse (Paula Rasmussen) und Arsamene (Ann Hallenberg) hier und Romilda (Isabel und Bayrakdarian) und Atalanta (Sandrine Piau) dort. Die beiden Damen lieben Arsamene, die beiden Herren lieben Romilda. Atalanta und Serse stehen also jeweils ungeliebt und mobilisieren deshalb die schiere Macht und die höfische Intrige, um doch geliebt, oder zumindest nach Wunsch verheiratet zu werden. Und dann ist da noch Amastre (Patricia Bardon), die Serse liebt und letztendlich auch bekommt.

Diese (hier) fünf weiblichen Hauptstimmen (Serse selbst war als Kastratenrolle vorgesehen) werden flankiert von der komischen und/oder gravitätischen Randgruppe der Männer: die komische Dienerfigur Elviro (Matteo Peirone) und der im Grunde nicht weniger komische Feldherr Ariodate, Vater der verstrickten Schwestern (Marcello Lippi). Ernst sind hier nur die Liebesangelegenheiten und -intrigen. Sowohl das niedere Register der Dienerfiguren und Blumenverkäufer als das höchste der königlichen Politik und historischen Schlachtenplanung sind komisch. In Windeseile wird die Invasion Griechenlands beschlossen, nebenbei. Die martialische Palastwache ist oft damit beschäftigt und bemüht, in Lauerstellung Liebende, Verwirrte, und verwirrt liebende Attentäter auseinanderzuhalten.

Die Truppe ist, ohne Umschweife, sehr gut besetzt, sämtlich fähige Sänger und agile Schauspieler. Allein Feldherr Ariodate bleibt etwas blass in seiner Gesamterscheinung, aber große und langbrennende Glanzlichter sieht seine Rolle nun mal nicht vor. Insgesamt geht die Oper sehr schnell, mag sie auch zweieinhalb Stunden dauern. Die Rezitative des dichten, zügigen Librettos von Stampiglia sind auf wesentliche Handlungsschritte gekürzt und so folgen rasch große Arien aufeinander, die nicht nur wunderbar erfunden, sondern auch mit schier nicht nachlassender Spannung und Intensität interpretiert, von Figur zu Figur weitergereicht werden.

Scherzender Ernst

Die Talens lyrique unter Rousset nehmen sich von der Ouvertüre an dem Stück mit Kennerschaft, Leichtigkeit und blitzendem Klangsinn an. Ein geschmeidiger, weicher Ensembleklang wird hier kultiviert. Nicht zu schneidend klar geraten die Konturen, federnd und reaktionsschnell gibt das Orchester hier eine echte Begleitung für die Sänger, und vollbringt naturgemäß gerade so eine eigenständig runde Leistung. Wie heiter und licht auch immer anfangs noch musiziert wird, erstaunt umso mehr die tiefdunkle Tragik, die das Orchester mit wenigen Strichen umreißen und auch kolorieren kann, wenn eine der liebestollen Figuren sich einmal wieder von aller Welt verraten wähnt und schon den grimmen Stahl gegen den eigenen Leib richten will.

Bayrakdarians Romilda schmeichelt sängerisch mit dem Wohllaut ihrer schönen Stimme, und die komischen Aktionen von Peirones Elviro sind mit Souveränität, sind temporeich und zügig gespielt. Musikalisch wie schauspielerisch überzeugen aber aufs Ganze gesehen Rasmussen und Piau am deutlichsten. Das eröffnende 'Ombra mai fu' gelingt bereits so fesselnd und höhepunktartig, dass man schnell vergisst, dass die Oper noch gar nicht recht angefangen hat. Rasmussen belebt Serse als eine wunderbar agile Gestalt, schwankend zwischen Registern der Tyrannei, der Komik und der Tragik, zwischen Sympathie und Bedrohung: die er ausstrahlt oder empfängt.

Atalanta, die andre treibende Kraft, spielt durchaus auch immer wieder ins Komische. Die verführerisch heitre Arie 'Un cenno leggiadretto' wird von Piau nicht nur virtuos, mit komischem Ausdruck und musikalischem Ernst gesungen, sondern auch ebenso gespielt und in Szene gesetzt. Alleine füllt sie ganz den weiten Raum des überdimensionierten Boudoirs mit gestochen scharfen Verzierungen und atemberaubend weiten Sprüngen. Grundsätzlich aber erhält dieses Intrigenstück, das mit größtmöglicher Fallhöhe aufs Ganze geht, durch all die eingeflochtene Komik und die Sanftheit der Musik erhält etwas eigentümlich Versöhnliches.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Serse

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:
EAN:

DVD
880242537980


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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