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Samstag, 19. September 2020

Saint-Saens, Camille - Samson & Dalila

Neues vom Tage


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer politischen Botschaft von aktueller Brisanz macht diese Opernproduktion aufmerken, brilliert aber hauptsächlich durch eine fantastische Besetzung und eine runde Inszenierung.

Will man wirklich das, was man täglich in den Nachrichten sehen kann, auf einer Bühne erleben? Ist es die heutige Aufgabe der Oper, ihre historische Distanz abzustreifen und immer näher an das Alltagsgeschehen heranzurücken, bis von ihrer ästhetischen Kunstform nichts mehr bleibt? Heutzutage ist das ein gängiges Verfahren geworden: Man nimmt sich sogar solche Mozart-Fabeln wie die 'Zauberflöte' vor und implantiert ihnen eine politische Botschaft oder eine Ästhetik, die um Blut und Sex kreist. Man vergisst solche Inszenierungen schnell, sobald die Erschütterung gutbürgerlichen Empfindens abgeklungen ist und man sich die Frage ‚Darf man es denn so inszenieren?‘. bis zur Erschöpfung gestellt hat.

Camille Saint-Saens‘ Oper 'Samson et Dalila' steht in diesem Zusammenhang auf ganz anderen Fundamenten: Das Sujet ist im Kern ein politisches. Die Geschichte der Unterdrückung der Hebräer durch die Philister findet ihre Entsprechung im heutigen Gaza-Konflikt, diesmal jedoch mit vertauschten Rollen. Die Regisseure, der Palästinenser Amir Nizar Zuabi und der Israeli Omri Nitzan, haben – so geht es aus einem Interview hervor – diese Inszenierung zu einem persönlichen Anliegen gemacht. Von künstlerischem Kalkül und sensationsheischender Ausschlachtung ist während den zwei Stunden der Aufführung wenig zu spüren. Es ist diese Authentizität, die es möglich macht, die pessimistische Gedankenlast, die dahinter steht, zu ertragen und sinnvoll zu verarbeiten.

Zunächst ist freilich die Musik der Kern jeder Inszenierung und hier muss man nichts missen: Sängerensemble, Chor und Orchester überzeugen auf ganzer Linie. Torsten Kerl als Samson ist eine Wucht: Seine kräftige, an Wagner geschulte Tenorstimme trägt mühelos und er spielt ebenso eindringlich wie er singt. Sein Samson ist der gutmütige Tor in einer wankenden Welt, während Marianna Tarasova als Dalila sein weibliches Spiegelbild ist. Zwar verführt sie Samson und verrät ihn an die Philister, doch sie ist von Hassliebe getrieben und kann die Konsequenzen ihrer Handlungen über ihre Rachsucht hinaus nicht verstehen. Tarasova spielt die unglückliche Verführerin sehr nuanciert und verleiht ihrer Stimme ganz eigene Farben, die ihre innere Bewegtheit überzeugend ausleuchten. Nikolai Mijailovic als Hohepriester des Dagon gibt einen gewandten Mediendiktator und auch Milcho Borovinov als Abimélech sowie Tijl Faveyts als Alter Hebräer überzeugen in ihren kurzen Rollen. Das Antwerpener Opernorchester unter Tomás Netopil trägt seinen Teil zur gelungenen Inszenierung bei; mehr als das: Mit solcher Wucht der Interpretation lebt die Oper erst richtig auf.

Um noch einmal auf die Inszenierung einzugehen: Sie benötigt etwas Zeit, bis sich ihre angesprochenen Vorzüge entfalten können. Der erste Akt tritt noch ein wenig auf der Stelle, zu direkt und offensichtlich erscheinen die Gleichsetzungen von Israelis/Philistern und Palästinensern/Hebräern mit herrschender Oberschicht und verarmter Unterschicht. Spätestens aber wenn Samson und Dalila sich in ihrem Liebesduett gegenseitig die Waffe an den Kopf halten, gewinnt die Oper an Fahrt und man nimmt die Spielräume war, die die Inszenierung erlaubt: Der unversöhnliche Hass der beiden Völker erhält durch diese kleine Geste ein Gesicht.

Weitaus brachialer fällt da die Bacchanale im dritten Akt aus, eine orgiastische Siegesfeier der Philister. Ein integraler Teil des philistinischen Unterdrückungsapparats sind schon von Beginn an schwarz gekleidete, schwer bewaffnete Spezialeinheiten. In der Bacchanale offenbaren sie sich als die Beschützer ihres Volkes und als Grundlage von dessen Macht und feiern sich selbst in einem Rausch aus Sex und Gewalt. Wie in der Choreographie von Stijn Celis Waffenästhetik und Erotik verknüpft werden, hat eine perverse Faszination, gestattet aber auch einen Blick darauf, mit welcher Selbstverständlichkeit ein solcher Staat keinen Hehl aus seinen Methoden macht. Das ist ein scharfer Blick auf die Realität, der nachdenklich macht.

Die Regisseure und Musiker haben aus der musikalisch gesehen ihrer Zeit hinterherhinkenden Oper das Beste hervorgeholt. Das ‚moderne‘ Setting passt auf eine sehr organische Art und Weise zum Opernstoff und ist nur allzu aktuell. Tragisches Nebenprodukt: Der Regisseur aus Palästina kämpft im auf der DVD zu findenden Interview wirklich hartnäckig um sein Thema der Unterdrückung und will nichts anderes als künstlerische Botschaft gelten lassen. Leider diktiert ihm das wohl seine Realität. Wenigstens sind sich am Ende beide Regisseure einig, dass sie 'Samson und Dalila' von Saint-Saens inszenieren, unverfälscht. Das ist ihnen wirklich gelungen.

 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Saint-Saens, Camille: Samson & Dalila

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:
EAN:

DVD
880242586285


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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