> > > Insomnio: Werke von Tiensuu, Wood, de Man & Francesconi
Sonntag, 22. Juli 2018

Insomnio - Werke von Tiensuu, Wood, de Man & Francesconi

Einheitlicher Klangkörper


Label/Verlag: encora
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Insomnio entführt den Hörer dieser Einspielung in vier außergewöhnliche Klangwelten, die die Musiker mit ihrer spannenden Interpretation der zeitgenössischen Werke entstehen lassen.

Vier außergewöhnliche Stücke erwarten den Hörer dieser Einspielung des niederländischen Ensembles Insomnio, das sich seit einigen Jahren einen Namen in der Interpretation zeitgenössischer Musik erarbeitet hat. Der Dirigent Ulrich Pöhl schafft es, dass die einzelnen Persönlichkeiten zu einem einheitlichen Klangkörper verschmelzen und dabei dennoch nicht ihren individuellen Ursprung verlieren. Das Ensemble gab 2007 Stücke bei mehreren Komponisten in Auftrag. James Wood (*1953) war einer dieser Komponisten, der sich in 'De telarum mechanicae' einem ungewöhnlichen Motiv (einem Webstuhl) widmete. Die Fäden werden von den Saiteninstrumenten Mandoline, Gitarre, Harfe, Klavier und Vibraphon zu einem Klangteppich verwoben, auf dem sich verschiedene Instrumenten-Duos ausbreiten. Die Fäden sind in dauernder Bewegung, so dass sich ein Spannungsbogen ergibt, der durch dynamische Steigerungen noch vergrößert wird. Die fünf Duos setzten sich jeweils aus einem Blas- und einem Streichinstrument zusammen und agieren in wildem Kontrapunkt zwischen den Fäden hindurch. Bei diesem Stück wäre die Sichtbarmachung der einzelnen Gruppen – wie sie von Wood bei Konzerten gefordert wird – ein großer Vorteil, der sich bei einer Einspielung leider nicht realisieren lässt. Der Hörer muss sich somit auf seine Fantasie verlassen und den wirren Wegen und Knotenpunkten des Gebildes folgen. Die große Leistung der Musiker besteht darin, dass sie selbst in dieser komplexen, vielschichtigen Komposition und den beinahe ausschließlich solistischen Aufgaben zu einer Einheit werden und gleichberechtigt agieren. Ansonsten wären die Effekt in Artikulation, Phrasierung und besonders deutlich in der Dynamik nicht möglich.

Das andere Auftragswerk, 'Chromophores' aus dem Jahr 2007, stammt von Roderik de Man (*1941). Der Komponist versucht darin, die verschiedenen Farbenspiele eines Moleküls in der Musik nachvollziehen, so dass eine ständige Farbveränderung hörbar ist. Die Percussion-Gruppe ist hierbei besonders gefragt, denn sie bildet immer wieder einen Untergrund, die die ungewöhnlichen Kombinationen zusammenhält. In der Komposition werden immer wieder traditionelle Techniken der abendländischen Musik aufgegriffen, die jedoch nicht als Fremdkörper erscheinen, sondern in den Klang eingepasst sind. Immer wieder werden Harmonieverläufe oder Melodien hörbar, zu denen sich virtuose Kontrapunkte gesellen, die diese ständigen Veränderungen der 'Chromophores' vorstellen. Das Ensemble schafft es auf überzeugende und anregende Weise, diese Besonderheiten in den Vordergrund zu stellen, aber dabei nicht als separiertes Solo wirken zu lassen, sondern – in Blick auf dynamische Ausgewogenheit und Artikulation – mit dem Hintergrund zu verbinden.

Im Niemandsland

In 'Nemo', einem Stück für Instrumente und Elektronik, zeigt der finnische Komponist Jukka Tiensuu seine Vorliebe für die Beobachtung der Natur. Auch wenn das Stück keinem speziellen Wesen gewidmet ist, so setzt er doch elektronisch bearbeitete Vogelgesänge ein oder lässt den Hörer in die Tiefsee eintauchen. Jedes einzelne Mitglied des Ensembles ist dabei von Beginn an gefordert. Virtuose Einwürfe überlagern sich, das gesamte Instrumentarium wird erst einmal vorgestellt, bevor auch die ersten technischen Bearbeitungen hörbar werden, die sich durch ihre metallischen Klänge deutlich abheben. Realer Klang, verzerrtes Echo und eingestreute Aufnahmen vermischen sich dabei zu einer einmaligen Hörerfahrung. Die wirklichen Ruhepunkte in diesem Stück sind sehr rar, ein ständiges Flirren und Klirren hält bis zum Ende an. Dabei sind sogar Wiederholungen enthalten, die sich jedoch in den Details unterscheiden. An einer Stelle hört man die schrillen Töne der hohen Bläser mit den Vogelstimmen, ein anderes Mal hämmert das Klavier dazwischen, dann wieder ein endloses, monotones Thema der Streicher oder fanfarenartige Blechbläser, sogar menschliche Laute sind wahrnehmbar. Die Dynamik spielt eine besondere Rolle, denn sie ist für eine andere Form der Spannung verantwortlich, die sich dann ergibt, wenn das gesamte Ensemble spielt. Was nun genau geplant, was Improvisation und was zufälliges Zusammenspiel ergibt, kann nicht mehr getrennt werden. Eine Besonderheit ist das Spiel mit dem Raumklang, denn in einzelnen Passagen die Klänge wechseln in scheinbar beliebiger Reihenfolge von einem Lautsprecher zum anderen, so dass ein fester Standpunkt gesucht werden muss.

Das letzte Werk der Einspielung, 'Islands', stammt von Lucia Francesconi (*1956), einem Spezialisten für elektronische Musik. Doch in den eigenen Kompositionen kommt er in der Regel ohne dieses technische Medium aus und bevorzugt herkömmliche Instrumente und klassische Formen. 'Islands' ist ein Konzert für Klavier und 12 Instrumente, womit sichtbar wird, dass zumindest ein Instrument Soloparts übernehmen soll. Laura Sandee, ein festes Mitglied des Ensembles Insomnio, übernahm in dieser Einspielung diese Aufgabe der Pianistin. Das Stück lebt von seinen kleinen Einheiten, die mehrfach wiederholt werden, aber dabei eben auch zu neuen Einheiten verschmelzen und zu den 'Islands' im Klangmeer werden. An vielen Stellen ist nicht nur die Solistin gefordert, denn von allen Musikern wird ein höchstes Maß an Konzentration erfordert. Immer wieder sind sehr virtuose Passagen enthalten, wobei einmal die Bläser mit waghalsigen Läufen oder die Percussion-Gruppe mit wunderbaren Kombinationen in den Mittelpunkt rücken. In diese kontrapunktischen Linien reiht sich schließlich auch Sandee ein, die mit ihrem Anschlag dem Klavier verschiedenste Klangfarben entlocken kann und zudem mit ihrer präzisen Ausformung von Rhythmus und Akzenten besonderen Effekte im Gesamtklang setzt. Trotz der vielen Ebenen, die sich in dieser Gesamtkomposition verstecken, ergibt sich durch schlüssige Gestaltung des Ensembles wieder eine Einheit. Trotz der Länge wirkt das Stück dadurch sehr kurzweilig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Benjamin Scholten Kritik von Benjamin Scholten ,


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    Insomnio: Werke von Tiensuu, Wood, de Man & Francesconi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
encora
1
19.11.2015
EAN:

4260104940114


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encora

Das Label encora wurde 2002 im Münsterland gegründet, um zu Unrecht weniger beachtete Komponisten und seltenere Besetzungen in höchster Tonqualität aufzunehmen und zu verlegen. So haben Mandolinisten und Gitarristen sowie Akkordeonisten bei encora eine Heimat gefunden. Aber auch Standardrepertoire im Bereich der Klassik wird verlegt, wobei der Schwerpunkt bei Erstveröffentlichungen liegt.
Auch die Singer/Songwriter Markus Segschneider und Paul O´Brien sind im Katalog von encora vertreten.
Die CD/SACD "Insomnio" wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik für den Jahrespreis nominiert und steht auf der Bestenliste 2.2011.


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