> > > Saint-Saens, Camille: Streichquartette Nr. 1 & 2
Dienstag, 17. September 2019

Saint-Saens, Camille - Streichquartette Nr. 1 & 2

Nächste Repertoire-Lücke geschlossen


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit den Streichquartetten von Camille Saint-Saëns schließt das Fine Arts Quartet endlich eine Repertoire-Lücke im umfangreichen Katalog von Naxos. Das ist eine Referenzaufnahme dieser späten Kammermusikwerke von Saint-Saëns.

‚Für Kritik und Lob bin ich kaum empfänglich – nicht etwa aus übertriebenem Selbstwertgefühl (das wäre eine Dummheit), sondern weil ich im Hervorbringen meiner Werke einem Gesetz meiner Natur folge, so wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringt, und mich also nicht darum zu kümmern brauche, was man für eine Meinung von mir hat.‘ Und: ‚Ich bin die Zukunft gewesen; in meinen Anfängen wurde ich als Revolutionär apostrophiert, und in meinem Alter kann man nur noch Vorfahre sein.‘

Wenn man diese beiden Aussprüche von Camille Saint-Saëns (1835-1921) kennt, so wundert es einen nicht mehr, dass seine beiden Streichquartette, die er 1899 und 1919, also gegen Ende seines Lebens komponierte, wie aus einer längst vergangenen Zeit klingen. Vor allem das Quartett op.153, das immerhin nach A. Schönbergs und B. Bartoks erstem Streichquartett entstand, erscheint mit seinem, an Mozarts ‚Champagner-Arie‘ aus dem 'Don Giovanni' erinnernden, jegliche Dissonanz meidenden Anfang wie ein Affront gegenüber der musikalischen Entwicklung des zurückliegenden Jahrhunderts. Hat man dazu noch die Bemerkung von Saint-Saëns im Ohr, dass der erste Satz die (unschuldige) Jugend symbolisiert und die Chromatik im zweiten Satz deren schmerzvollen Verlust, so erschließt sich einem die Logik seines Komponierens. Saint-Saëns bedient sich aus dem Baukasten der Musikgeschichte souverän genau der Mittel, die er gerade benötigt, ohne sich dabei in sein Handwerk hineinreden zu lassen (s. o.). Und im letzten Satz seines letzten größeren Kammermusikwerkes erlaubt er sich sogar noch einen besonderen Scherz, indem er die Folge der gezupften leeren Saiten von oben nach unten zu einem Motto erhebt, das den Satz eröffnet und auch als Schlussgeste fungiert.

Ähnlich souverän geht Saint-Saëns auch im ersten Quartett von 1899 mit den musikalischen Mitteln um. Entsprechend dem Widmungsträger E. Ysaÿe, der es mit seinem 1886 gegründeten berühmten Streichquartett auch uraufführte, ist es in der Nähe des Quatuor brillant einzuordnen, mit einem mitunter extrem virtuosen und (vor allem im letzten Satz) ekelhaft zu spielenden ersten Geigenpart. In seiner kompositorischen Dichte erinnert das Quartett zum Beispiel am Beginn des letzten Satzes an Brahms, es finden sich aber auch Referenzen an Beethovens op.59/2 im zweiten Satz, und die kurzen Motivfetzen werden immer wieder in die Nähe von Cherubini gerückt. Harmonisch ist der rhapsodische langsame dritte Satz sicherlich am interessantesten mit seinen zahlreichen ‚hängenbleibenden‘ dissonanten Tönen.

Das Fine Arts Quartet, eines der ‚Haus-Quartette‘ von Naxos, scheint die ideale Besetzung für die Streichquartette von Saint-Saëns zu sein. Sie spielen jederzeit mit vollem Einsatz und Risiko und pflegen einen spätromantischen, vollen Klang mit viel, aber variablem Vibrato, immer wieder auch geschmackvollen Glissandi, wo es musikalisch passt, und strukturieren die Stücke vorbildlich mit einem sehr natürlichen Gefühl für Übergänge und Schwankungen im Tempo. Der Primarius Ralph Evans meistert seinen schwierigen Part, insbesondere im ersten Quartett makellos und gönnt sich dabei noch wunderbare Freiheiten etwa bei seinen Kontrapunkten im wilden zweiten Satz des ersten Quartetts. Eine brillante Einspielung, die die anderen derzeit erhältlichen, bisher alternativlosen, Aufnahmen mit dem Quartetto di Venezia (Dynamic) oder dem Quatuor Viotti (Apex) auch durch den gut ausbalancierten Klang deutlich in den Schatten stellt. Schön dass Naxos diese Repertoire-Lücke im eigenen Katalog endlich geschlossen hat.

Interpretation:
Klangqualität:
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    Saint-Saens, Camille: Streichquartette Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
04.04.2011
Medium:
EAN:

CD
747313245475


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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