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Samstag, 15. August 2020

Strauss, Richard - Ariadne auf Naxos

Ariadne, todestrunken


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Ariadne auf Naxos' von Strauss und Hofmannsthal an der Oper Zürich: musikalisch und darstellerisch eine Bereicherung.

Für die Operngeschichte ist die Zusammenarbeit zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ein Glücksfall – vergleichbar nur mit derjenigen zwischen Mozart und Da Ponte, Verdi und Boito, Weill und Brecht. 'Ariadne auf Naxos' ist ihr Meisterwerk, ihre wagemutigste, experimentellste Oper, ein Spiel mit den Ebenen der Illusion und zugleich eine tiefgründige Reflexion über die Gattung. Im Hause eines großen Herrn sollen aus Zeitgründen zwei Opern gleichzeitig aufgeführt werden: die Opera seria ‚Ariadne auf Naxos‘ und die Opera buffa ‚Die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber‘. Mag die Ausgangslage konstruiert wirken – die szenischen Vorgänge und der herrliche Text sind von großer Plastizität, die Musik ist hinreißend, geradezu beglückend. Buffa- und Seria-Welt, Mythos und Commedia dell‘arte werden ineinander geblendet und gespiegelt: ‚Ein Ding wächst so leicht ins andere‘, singt die Titelfigur.

Zürcher Selbstbespiegelung

Es ist Theater auf dem Theater, Spiel im Spiel. 'Ariadne auf Naxos' wurde erst spät vom Regietheater entdeckt (hier ist die Rede von der gängigen zweiten Fassung aus dem Jahr 1916). Claus Guths Inszenierung, die 2006 am Opernhaus Zürich eine begeistert aufgenommene Premiere feierte, erweitert den theatralen Raum zusätzlich, indem sie den zweiten Teil im authentisch nachgebildeten Zürcher Nobelrestaurant ‚Kronenhalle‘ spielen lässt (Bühne und Kostüm: Christian Schmidt). Diese Öffnung zur Realität ist einerseits durchaus reizvoll, andererseits nicht frei von Widersprüchen und schlicht zuviel des Guten – als sei das In- und Miteinander der Ebenen im Hofmannsthalschen Libretto nicht schon komplex genug. Hinzu kommt die vermeintliche Entfernung der vierten Wand: Es ist freilich nicht ohne Charme, wenn der Intendant Alexander Pereira in der Rolle des Haushofmeisters auftritt, von der Bühne und der Loge aus; wenn aber am Ende Emily Magee in der Rolle der Primadonna in der Rolle der Ariadne aufersteht und Pereira-Haushofmeister ihr Blumen überreicht, dann sind die Zuordnungen derart in der Schwebe gehalten, dass die Spielebenen durcheinandergeraten. Abbruch tut dies keineswegs. Dieser nun bei Arthaus auf DVD erschienene Mitschnitt der Zürcher 'Ariadne', bei TDK übrigens schon einmal veröffentlicht, ist nicht nur aufgrund der musikalischen und darstellerischen Leistungen eine Bereicherung, sondern letztlich auch wegen einer handwerklich makellosen Regie, an der man sich reiben kann.

‚Ein simples und ungeheures Lebensproblem‘

Deutlich arbeitet der Regisseur den untergründigen Ernst des Werkes heraus. Das Vorspiel ist, bei aller Komik, auch ein Todesspiel. Ein weißer Vorhang, hinter dem zuweilen Totenschädel hervorgrinsen, eine gleichsam metaphysische Leere (Licht: Jürgen Hoffmann). Die Hervorkehrung des Todes-Motivs führt zu Abweichungen vom Libretto. Der Komponist erschießt sich, da er seine Kunst verstümmelt sieht, und irrlichtert im zweiten Teil als Untoter über die Bühne. Auch dass Zerbinetta zuvor den Komponisten geküsst hat und dabei von der Primadonna beobachtet wurde, steht nicht im Textbuch – plausibel ist es dennoch, weil die psychologisch genaue Charakterzeichnung überzeugt. Auch Ariadne begeht hier Selbstmord. ‚Ich will vergessen!‘ singt sie und nimmt einen Schluck Rotwein, dazu Tabletten. Sie kommt nicht darüber hinweg, dass ihr Geliebter Theseus sie verlassen hat. Hofmannsthal legte Strauss im sogenannten Ariadne-Brief vom Juli 1911 ‚den Gehalt dieser kleinen Dichtung‘ dar: ‚Es handelt sich um ein simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue. An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren, bis an den Tod – oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln, die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung sich bewahren, ein Mensch bleiben, nicht zum gedächtnislosen Tier herabsinken.‘ Emily Magee zeichnet Ariadne eindringlich als einsame Diva, ihre Mimik eingefangen von der ausgefeilten, aber recht dominanten Fernsehregie Thomas Grimms. Ihr klangschöner Sopran ist bei der Arie 'Ein Schönes war' zu leise; doch in der Regel befindet sich der Gesang in Balance zum plastischen Orchesterklang. Auch Elena Mosuc als Zerbinetta agiert auf hohem Niveau, mit Schmelz in den Spitzentönen und geschliffenen Koloraturen.

Ohrwurm

Hofmannsthal schrieb im Dezember 1912 an Strauss: ‚Die Konzeption der 'Ariadne' legte Ihnen auf, auch Ihre Musik teilweise zu kostümieren, als Zitat zu behandeln, und Sie haben dies mit wundervollem Takt gelöst.‘ Etwa in der Arie 'Lieben, hassen, hoffen, zagen', ein Mozart-Pastiche und veritabler Ohrwurm, gesungen von Gabriel Bermúdez mit grobkörnigem Bariton. Sein Harlekin gehört zu den vier Komödianten, die in der ‚Kronenhalle‘ kellnern, ein quecksilbriges Ensemble bilden und Ariadne erfolglos aufzumuntern suchen. Ebenso homogen sind die drei Nymphen, welche die Regie augenzwinkernd als Wagners Rheintöchter imaginiert. Michael Volle gibt einen kernigen Musiklehrer, der sich aus unerfindlichen Gründen als Blinder über die Bühne bewegt. Der Tanzmeister ist bei Guy de Mey gut aufgehoben. Die Personen sind spannungsvoll choreographiert. Sopranistin Michelle Breedt changiert in der Rolle des Komponisten virtuos zwischen verletzlicher, jäh auffahrender Leidenschaft und Versunkenheit in die Kunst. Statur hat Roberto Saccàs Gestaltung des Tenors und des Bacchus.

Mustergültig

Das Orchester legt unter der Leitung des erfahrenen Strauss-Dirigenten Christoph von Dohnányi eine mustergültige Interpretation vor, strömend, schwebend, dramatisch aufwallend. Die drastischen Umschwünge zwischen den Sphären kommen hier mit einer staunenswerten Selbstverständlichkeit daher, zwischen kammermusikalischer Transparenz und differenzierter Klangfülle. Am Ende sei noch auf die wunderbaren Solo-Auftritte von Cello und Horn hingewiesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Strauss, Richard: Ariadne auf Naxos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
09.05.2011
Medium:
EAN:

DVD
807280724998


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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