> > > Michel Legrand and the Cinema: Live from the Salle Pleyel, Paris 2009
Montag, 20. Mai 2019

Michel Legrand and the Cinema - Live from the Salle Pleyel, Paris 2009

Mit der Kamera hinter den Schultern eines Altmeisters


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der große Michel Legrand im Konzert und hinter der Bühne. Die filmische Begleitung hinter den Kulissen ist wesentlich eindrucksvoller.

Neben Georges Delerue und Philippe Sarde gehört Michel Legrand ganz sicher zu den größten französischen Unterhaltungs- und Filmmusikkomponisten des 20. Jahrhunderts. 83 Jahre ist der mit drei Oscars dekorierte Künstler inzwischen alt, und dennoch greift er immer noch in die Tasten seines geliebten Klaviers, jüngst an der Seite von Nathalie Dessay oder auf dem Montreal Jazz Festival. Untrennbar mit dem Werk des Franzosen verbunden ist die Eröffnungsszene eines Films: Aus der Vogelperspektive sieht man Regen auf bunte Regenschirme und auf die grauen Pflastersteine der Hafenpromenade von Cherbourg fallen – dazu hat Legrand 1964 eine ebenso unscheinbare wie einfühlsame Musik komponiert, die wie aus einer Hafenbar zu kommen scheint. Legrands Musik zur Filmkomödie ‚Die Regenschirme von Cherbourg‘ ist seitdem um die Welt gegangen und hat den Siegeszug seiner Musik eingeleitet. Dass sein Werk aber keineswegs auf neoromantische Ohrwürmer zu reduzieren ist, zeigt eine bei Arthaus Musik erschienene DVD, die sich gleichzeitig als Hommage an einen alternden Künstler verstehen lässt. Im Laufe seines Lebens hat Legrand unzählige Einspielungen seiner Werke vorgelegt, die skurrilste darunter ist wohl die 2005 mit der amerikanischen Schauspielerin und Sängerin Melissa Errico und der Brüsseler Philharmonie eingespielte "Legrand Affair"-Sinfonie, ein aus 100-Werkmotiven zusammengesetztes sinfonisches Medley.

Auch in der hochoffiziellen Produktion ‚Michel Legrand and the Cinema‘ steht der Meister selbst am Pult, beziehungsweise leitet vom Klavier aus das Orchestre National de l‘Ile de France, einen der führenden Klangkörper Frankreichs. Auch der Ort, der prestigeträchtige Salle Pleyel in Paris, lässt auf den offiziellen Charakter dieser Künstlerhommage schließen, zudem kommt noch das Engagement von France 3, dem wichtigsten Kulturkanal des Landes. Die DVD enthält zwei Teile: das Konzert selbst, dass sich in 25 Tracks untergliedert und einen knapp einstündigen Dokumentarfilm von Emmanuel Saada, der uns den Künstler Michel Legrand hinter der Bühne näher bringen soll.

Rein technisch gesehen besticht der Konzertmitschnitt durch Professionalität bis ins kleinste Detail: eine Unzahl von Kameraperspektiven (darunter eine Vogelperspektive auf die Pianistenhände des Meisters), Ultrazooms, schwebende Kameraeinstellungen sowie flotte Schnitte lassen die 107 Minuten Spieldauer wie im Fluge vorübergehen. Was der Mitschnitt ansatzweise atmosphärisch mitbringt, ist ein Gefühl für die ungebrochene Musizierfreude eines Altmeisters. Wie Legrand mit hellwachen Augen in der Musik zu 'The Thomas Crown Affair' mit den einzelnen Orchestergruppen korrespondiert, ja man möchte fast sagen flirtet, und dabei beherzt in die Tasten greift, ist schon bewegend. Auch seine Vitalität am Pult, gepaart mit seiner aus der Jazzpraxis entlehnten Art, selbst während des Konzerts kleinere Kommentare zu äußern, zeugen davon, dass Legrand nicht nur ein impulsiver Vollblutmusiker ist, sondern, dass er seine Musik bei jeder Aufführung auch lebt. Dass Legrand am Pult und am Klavier auch im Alter noch auf der künstlerischen Höhe ist, ist unbestritten. Ob sich allerdings der Altmeister auch vokal noch in Liebesduette verstricken sollte, wie im Duett aus den ‚Regenschirmen von Cherbourg‘, ist ein anderes Thema. Neben den altersbedingten Abstrichen wird der Meister mit einem Mikrophon am Flügel sitzend zusätzlich noch akustisch gegenüber den gut ausgesteuerten Solisten benachteiligt. Die für die Vokalnummern eingeladenen Sänger sind durchweg hochklassig. Unter ihnen bieten die belgische Chansonsängerin Maurane und Liane Foly eher biedere, wenn auch vom Herzschmerz gedämpfte Altrollen. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt hingegen Hélène Segara, die als expressive Jazzsängerin einschließlich lyrisch säuselnder Pianissimi auf sich aufmerksam macht. Mario Pelchat bedient hingegen das eher kitschige Register mit Vibrato, forcierten Crescendi und überstrapazierten Spitzentönen. Die beiden von ihm gesungenen Lieder delegiert er mit seiner Interpretation schlicht und ergreifend ins Musical-Fach.

Wie die Interpretationen des Pariser Orchesters zeigen ist Legrands Credo ‚Gute Filmmusik ist die, die man nicht hören kann‘ nur zum Teil wahr. Unaufdringlich, klangmalerisch und stimmungserzeugend sind zwar viele seiner Musiken. Aber es gibt durchaus auch Werke die ein musikalisches Eigenleben haben und jenseits der Bilder für sich stehen können. Dazu gehören ganz sicher die Scores zu ‚Die drei Musketiere‘ und ‚Yentl‘. Letzterer ist hier leider nur in der reduzierten Form von drei Liedern zu finden. Überhaupt ist die Tendenz Legrands weites Oeuvre auf einige wenige Appetithäppchen wie Titelmelodien und eingängige Lieder zu reduzieren in der Zusammenstellung des Konzertprogramms deutlich spürbar. Die einzige längere Würdigung – immerhin eine Viertelstunde – erfährt ausgerechnet ‚The Go-Between‘, die Musik eines romantischen britischen Films der 1970er Jahre, die ganz sicher nicht zu den Hauptwerken des Meisters zählt. Legrand beschwört hier mit eklektischem Neobarock, Klavierarpeggien, Mozartschen Anklängen und auch einer leichten Fuge im Bach‘schen Duktus die musikalische Welt des Fin-de-siècle herauf. Immerhin hält diese Musik eine fabulöse Sonderrolle für Legrands damalige Frau Catherine Michel an der Soloharfe bereit.

Eines der wenigen Beispiele, welches zeigt, dass Legrand kein komplett anachronistischer Komponist ist, sondern durchaus die Spielarten zeitgenössischer Musik kennt, sind die bitonalen Sequenzen in der Fernsehserienmusik zu ‚Das blaue Fahrrad‘. Allerdings machen hier Xylophon und Streicher einen etwas asynchronen, nicht perfekt abgestimmten Eindruck. Auch im Ausschnitt aus ‚Stürmische Höhen‘ stößt man unvermittelt auf pentatonische Parallelbewegungen, gestopfte Trompetencluster und zeitweise Ausbrüche aus der Tonalität, Aspekte, die zeigen, dass Legrand sein musikalisches Zuhause im Reich der melodiösen Neostile und der spätromantischen Tonalität ganz bewusst gewählt hat.

Der Konzertmitschnitt bietet letztlich eine Anhäufung von musikalischen Appetithäppchen, die populären Highlights seines Repertoires – und damit Showbusiness statt intimer Hommage. Das mag als Verkaufsstrategie für einen Film zum 80. Geburtstag eines Klassik-Superstars erfolgversprechend sein und auch den einen oder anderen eingefleischten Legrand-Fan freuen; letztlich bleibt solch eine Zusammenstellung aber plakativ und oberflächlich und ähnelt zu sehr den bereits auf dem Markt befindlichen Produktionen, speziell der bereits 2006 erschienen DVD ‚Michel Legrand live in Brussels‘ (Euroarts).

Auch das Booklet fügt sich in dieses Bild ein: Zwar auf Hochglanz poliert, bietet es rein inhaltlich kaum mehr als eine pathetische Aufzählung der Hauptwerke von Legrand, garniert mit platten Zitaten und einem euphorischen Grundtenor. Die deutsche Übersetzung des Texts kommt zudem ziemlich holperig daher, was nicht gerade für eine besondere Sorgfalt bei der Produktion spricht.

Der eigentliche Höhepunkt dieser Edition ist ausgerechnet der kleine Backstage-Film von Emmanuel Saada, der sich mit seinen Unschärfen, seiner filmischen Teilnahme spielerisch an einen Nouvelle vague Film anlehnt. Hier lernt man Legrand jenseits der inszenierten Hochglanzvorstellungen kennen. Die Kamera ist hier ganz dicht dabei; man wähnt sich hinter den Schultern des Meisters im ausgewaschenen Wollpullover. Wenn man den Komponisten mit einer Plastikflasche lässig auf dem Sofa philosophieren sieht über das Leben als Farce und sogar über sein eigenes Ende in ‚einem eisernen Sarg‘, dann ist das glaubwürdiger als das ganze Konzert. Seine ganze positiv-kreative Verrücktheit, aber auch seine Wutausbrüche und die französische Kultur des Ausdiskutierens kann man hier live miterleben. Man sieht, wie er wild auf sein Klavier einschlägt und sogar aus Ärger unter der Tastatur versinkt. Hier ist uns Legrand ganz nah, weil menschlich, stark und voller Emotionen. Die Szene im Umkleideraum, in der Legrand erschöpft nach seinem Konzert mit Bärenhunger sein Essen verschlingt und seine Frau innig herzt, machen Saadas Werk zu einem starken Stück Film, zu einem intimen Dokument. Dieses kleine unscheinbare Filmchen, das ohne größeren Aufwand produziert wurde, sollte man unbedingt dem offiziellen Konzertmitschnitt vorziehen, wenn man Legrand und seine Musik wirklich kennen lernen will.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Michel Legrand and the Cinema: Live from the Salle Pleyel, Paris 2009

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
EAN:

807280154993


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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