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Sonntag, 21. Juli 2019

Pierre Boulez & Cleveland Orchestra - Gustav Mahler: Des Knaben Wunderhorn

Was ist ein Lied?


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wegen der Gestaltung der "Wunderhorn-Lieder" durch Christian Gerhaher hörenswerte DVD, die aber sonst keine überragende Interpretation der Mahlerschen Musik bietet.

Was ist denn nun eigentlich ein Lied? Ist es wie eine Oper en miniature, die ein ganzes Drama auf relativ kleinem Raum entfaltet? Ist es wie eine Arie, insbesondere, wenn es sich um ein Orchesterlied handelt, die die Gefühle und Stimmungen des zugrunde liegenden Textes ausbreitet? Oder ist es doch ‚nur‘ eine im Umfang relativ überschaubare Kunstform, die (auch) von der literarischen Qualität des Textes lebt und diesen, symbiotisch mit der Musik verwoben, auf eher distanzierte Weise darstellt, wobei den Ausführenden eine wohl interpretierende, aber nicht expressiv darstellende Rolle zukommt, wenn auch der Inhalt bisweilen opernhafte Züge tragen kann, die Gefühle überhand nehmen?

Je nachdem, welche Sicht man auf das (Kunst-)Lied hat, ergeben sich hieraus Bedingungen für die Ausführung, die auch Einfluss auf die Wahl der Ausführenden haben, will sagen: der Sänger. Die Stimmlage und das Timbre sollten nicht allein ausschlaggebend sein. Und sind gar mehrere Sänger für die Aufführung eines Liederzyklus’ vorgesehen, so wäre es wünschenswert, wenn ihre Auffassung dessen, was in einem Lied geschehen sollte, einigermaßen übereinstimmt – oder durch einen Leiter der Aufführung (in Person eines Dirigenten) in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Gustav Mahlers Lieder aus ‚Des Knaben Wunderhorn‘ werden häufig von zwei Sängern dargestellt, von denen der weibliche Part die inhaltlich ihm zugewiesenen Lieder singt, der männliche dagegen die spezifischen ‚Männerlieder‘, insbesondere die, die mit Belangen des Militär- und Kriegsdienstes zu tun haben. Sängerin und Sänger können und werden dann selbstverständlich verschiedene Stimmlagen vorstellen, die unterschiedlichen Timbres und Gesangstechniken tragen zu einer gewissen Abwechslung bei. So weit, so gut.

Doch zeigt es sich immer wieder, dass die Auffassungen, wie denn so ein Orchesterlied von Mahler zu verstehen, also: zu interpretieren sei, bisweilen sehr weit auseinander liegen. Nutzt der Sänger seine Auftrittsmöglichkeit dazu, nicht nur seine Stimme, sondern auch sich selbst und sein schauspielerisches Können darzustellen, oder tritt er als Person hinter dem Lied als solchem zurück, ohne sich durch seine Persönlichkeit der Möglichkeit einer Interpretation zu begeben? Mit anderen Worten: Stellt der Sänger sich selbst dar oder die Musik und den Text? Eine Antwort auf diese Frage mag Geschmackssache sein, manchmal vielleicht durch einen Hinweis des Komponisten selbst in gewisser Weise gelenkt – und man darf sich auch eines Besseren belehren lassen.

Christian Gerhaher als Liedsänger

Ausgehend von der Auffassung, dass der Sänger eines Liedes wohl seine Persönlichkeit in die Waagschale werfen, aber nicht als Person vor das Lied treten sollte, ist bei der Bewertung der DVD mit Mahlers Eingangs-'Adagio' aus der Zehnten Sinfonie und einer Auswahl von (nur) zwölf Liedern aus ‚Des Knaben Wunderhorn‘ hier sehr klar Christian Gerhaher als beispielhaft zu loben, wohingegen Magdalena Ko?ena mit ihrer ins Opernhafte gehenden Darstellung der ihr zugewiesenen Lieder nicht überzeugt. Musikalisch ist beiden nichts vorzuwerfen. Aber das ist ja nicht alles, auf das es ankommt. Denn auch, wenn Pierre Boulez in dem der DVD als Bonus angehängten Interview äußert, es sei eigentlich keine große Herausforderung, die ‚Wunderhorn-Lieder‘ zu interpretieren: Man darf diese Lieder nicht ‚einfach so‘ nur gut und angemessen singen. Christian Gerhaher tut das nicht, denn er hat Mahlers Musik und ihre Dimension so sehr verinnerlicht, dass er mit der Musik und ihren Protagonisten leidet und sozusagen zerrissen wird: Gerhaher hat Mahler wirklich verstanden. Aber er demonstriert dies nicht, sondern singt es ‚nur‘.

Boulez und das Cleveland Orchestra: einig, ernsthaft, akkurat

Das Konzert des Cleveland Orchestra in der Severance Hall unter der Leitung von Pierre Boulez ist eines der mehr als zweihundert Konzerte, die Boulez mit diesem Orchester gegeben hat. Es fand statt 2010, in dem Jahr, in dem der 150. Geburtstag Gustav Mahlers ebenso gefeiert wurde wie die Vollendung des 85. Lebensjahrs von Pierre Boulez. Trotz der recht großen Zahl von Dirigenten, die noch im hohen Alter am Dirigentenpult stehen: Eine solche Anstrengung in einem solch hohen Alter noch leisten zu können, ist aller Ehren und Anerkennung wert. Und man kann nicht sagen, dass Boulez sein Orchester nicht im Griff hätte – beziehungsweise, dass sich Orchesterleiter und Orchestermusiker nicht einig wären in der Ernsthaftigkeit und Akkuratesse, mit der sie Mahlers Musik angehen, auch das 'Adagio' aus der unvollendet gebliebenen Zehnten. Auch der große Bogen, den Boulez im Bonus-Interview für die Interpretation der Musik Mahlers reklamiert, ist da. Aber die Interpretation bleibt merkwürdig abstrakt. Nicht als wäre der unerklärbare, dissonante Akkord, an dem Mahlers Verzweiflung über die Affäre seiner Frau Alma mit Gropius quasi autobiographisch festgemacht wird, nicht herausgehoben und mit allem Affekt wiedergegeben; doch es bleibt eben bei einer Art Affekt. Man gewinnt nicht den Eindruck, als seien Boulez und sein Orchester wirklich mitgenommen von dieser Musik, und zwar weder äußerlich (was – wie oben schon festgehalten wurde – sogar lobenswert ist) noch innerlich (wie es etwa Gerhahers Gesang gewissermaßen zwischen den Tönen vermittelte). Dazu passte dann auch unmittelbar nach dem letzten Ton einsetzende Applaus: Man hat eben den ersten Teil eines Konzerts gehört. Etwas schade eigentlich.

Dürftiges Booklet

Offensichtlich ist bei Labels – und Accentus macht da keine Ausnahme – die Ansicht verbreitet dass ein DVD-Seher resp. -Hörer kein ordentliches Booklet benötigt, weil ja die DVD alle Informationen liefere oder ein DVD-Rezipient vermeintlich lieber nicht lesen möchte. Jedenfalls sind so knapp wie möglich gehaltene DVD-Booklets eigentlich ein Ärgernis. Wenn man sich schon die Mühe macht, außer dem in Bild und Ton aufgezeichneten Konzert noch ein oder zwei Bonus-Angebote hinzuzufügen, könnte man auch ein wenig mehr Geld investieren für einen angemessen Einführungstext im Booklet, bei dem man nicht den Eindruck hat, dass es nur um Werbung für verschiedene anderen von ebendiesem Label vertretene Produkte handelt. Das Booklet zu diesem Mahler-Konzert jedenfalls hätte ohne weiteres noch Informationen in der Länge von mehreren Hundert Zeichen enthalten dürfen, die auf der entsprechenden Seite noch unterzubringen gewesen wären, ganz abgesehen von wünschenswerten weiteren Informationen.

Routine im Kulturbetrieb

Boulez beklagt in dem bereits erwähnten Interview, dass das klassische Konzertpublikum überaltert und der Konzertbetrieb zu steif sei und fordert größeren und unkonventionellen pädagogischen Einsatz auch der Orchester, um die Zukunft des Konzertkulturbetriebs zu gewährleisten: ‚Routine ist der Tod der Kultur und auch der Musik‘. Dazu passt, dass er auf die Frage, womit er nun, nach Vollendung seines 85. Lebensjahrs, seine musikalisch-kulturelle Leistung vollenden wolle, geradezu ablehnend antwortet: Bitte keine Routine, kein Korsett, kein Konzept, das irgendwie abgearbeitet werden muss: ‚Ich möchte einfach nur weitergehen und jeden Tag etwas entdecken.‘

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pierre Boulez & Cleveland Orchestra: Gustav Mahler: Des Knaben Wunderhorn

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
1
20.05.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830118
ACC 20231 (DVD)


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"2010 war ein außergewöhnliches Jubiläumsjahr für Gustav Mahler und Pierre Boulez - die erstklassige Aufnahme dieses Konzertabends, produziert von der Clasart Film- und Fernsehproduktion GmbH, unterstreicht das eindrucksvoll. Wenige Wochen vor seinem eigenen 85. Geburtstag gab der legendäre Dirigent und Komponist Boulez anlässlich Mahlers 150. Geburtstag ein exklusives Mahler-Konzert mit dem Cleveland Orchestra in der Severence Hall in Ohio/USA. Ein Abend, der zugleich einen weiteren Höhepunkt markierte, denn Boulez und das Orchester begingen das 45. Jubiläum ihrer engen Zusammenarbeit.
Das Konzert beginnt mit dem hypnotisierenden Adagio aus Mahlers unvollendet gebliebener Symphonie Nr. 10, dem einzigen Satz dieser Sinfonie, den Mahler selbst vollendet hat. Dem Adagio folgt die Darbietung der berühmten zwölf Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn" durch die Mezzo-Sopranistin Magdalena Ko?ená und dem Bariton Christian Gerhaher.
Zum Bonusmaterial der DVD und Blu-ray Edition zählt ein Interview mit Pierre Boulez und ein weiteres Highlight ist der fünfminütige Beitrag, in dem das Orchester gemeinsam mit dem Publikum "Happy Birthday" anstimmt und Pierre Boulez zum seinem anstehenden 85. Geburtstag ehrt."


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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