> > > Schubert, Franz: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"
Montag, 21. September 2020

Schubert, Franz - Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

Frappierend klar


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Iván Fischers Einspielung von Franz Schuberts "Großer" C-Dur-Sinfonie mit dem Budapest Festival Orchestra überzeugt auf ganzer Linie.

An Einspielungen von Franz Schuberts großer C-Dur Sinfonie D 944 herrscht wahrlich kein Mangel. Dennoch kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass man mit einer erstaunlichen Neueinspielung konfrontiert wird – beispielsweise im Zusammenhang mit der vorliegenden, nicht mehr ganz aktuellen SACD aus dem Jahr 2011 mit dem Budapest Festival Orchestra unter Leitung von Iván Fischer, die wie die übrigen Aufnahmen des Dirigenten bei Channel Classics veröffentlicht ist. Was sofort für diese Produktion einnimmt, ist eine frappierende Klarheit der Darstellung, die sich oft ganz unscheinbaren Details verdankt: Dass Fischer etwa in den beiden Rahmensätzen durch eine artikulatorische Strukturierung von Begleitfiguren und oftmals nur als Farben eingesetzten Bläsereinsätzen das Satzbild auflockert, hat zur Folge, dass man, ganz im Gegensatz zu anderen Aufnahmen des Werkes, trotz der großen Orchesterbesetzung nicht das Gefühl von Massivität vermittelt bekommt und zudem jeglicher Anflug von Schwerfälligkeit verhindert wird.

Im Gegenzug lässt Fischer die Hauptthemen mit einer nicht nachlassenden, musikalisch immer weiter gereichten Spannung vortragen. Dies erreicht er bereits zu Beginn beim Hornthema der Einleitung, das er – und hier ist er eine absolute Ausnahme unter allen Dirigenten, die mit modernen Orchestern arbeiten – eben nicht als ununterbrochen gleichmäßig fließende Linie gestaltet, sondern indem er die Artikulationsunterschiede, die sich beim Vortrag der Melodietöne auf einem Naturhorn aus Schuberts Zeit durch offene, gestopfte und halb gestopfte Spielweise ergeben, auch für die modernen Instrumente einfordert. Auffallend ist auch, dass Fischer das Tempo des Kopfsatzes keinesfalls streng behandelt: Er erlaubt sich vielmehr eine vorübergehende Entspannung beim zweiten Thema, die er allerdings durch geringe Modifikationen wieder ins ursprüngliche Tempo zurückführt. Resultat ist ein Eindruck von Flexibilität ohne Brüche in der musikalischen Kontinuität.

Das 'Andante' zeichnete sich nicht nur durch eine artikulatorisch wie dynamisch elastische Begleitung der punktierten Begleitstimmen, sondern auch durch die gezielt eingesetzte Agogik aus, die sich vor allem in einem flexiblen Umgang mit den Enden von Melodiephrasen ergibt. Der Höhepunkt des Satzes wird zu einem besonders denkenswerten Ereignis: Wenn Fischer die Musik nach Übereinanderschichtung der dissonanten Akkorde in einen spannungsgeladene Generalpause entlässt, bevor er diesem Zustand eine bis ins Äußerste verfeinerte, zarte Cellokantilene folgen lässt, hat man die Überbrückung eines selten schroffen Abgrunds erlebt, der jedoch ganz logisch aus dem Satzverlauf entwickelt ist. Eine gute Idee des Dirigenten ist es auch, das Scherzothema durch seine Diktion sehr genau an die Artikulation das Kopfsatz-Hauptthemas zu knüpfen, während er im Trio die Harmonik wellenförmig ausbreitet und damit das Profil der melodischen Phrasen aus den Rahmenteilen aufgreift, wodurch insgesamt die zyklische Bildung des Werkes unterstrichen wird.

Weitere wunderschöne Details der Aufnahme – etwa die klangvolle Herausarbeitung der Holzbläserdominanz im Finale oder die überzeugende Realisierung der Steigerungsanlage in der Durchführung des Kopfsatzes – lassen sich unschwer finden, doch darf auch Verweis auf ein weiteres Werk nicht fehlen: Fischer kombiniert die Sinfonie nämlich mit den 'Fünf deutschen Tänzen und sieben Trios mit Coda' D 89 (1813) des 16jährigen Schubert, einem ursprünglich für Streichquartett komponierten Zyklus, der hier in Streichorchesterbesetzung mit vielen bewusst kammermusikalisch gehaltenen Passagen erklingt. Indem der Dirigent diesen Stücken dieselbe Sorgfalt angedeihen lässt wie der ausufernden C-Dur-Sinfonie, bringt er viele Einzelheiten zu Gehör, die unwillkürlich an das großformatige spätere Werk erinnern.

Am Gesamtbild der Veröffentlichung stört einzig der eher belanglose Booklettext und die Tatsache, dass die Sinfonie immer noch als Nr. 9 bezeichnet ist, während man die Zählung doch heute längst revidiert und die Gesamtzahl der sinfonischen Werke auf acht eingegrenzt hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Sinfonie Nr. 9 "Die Große"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
1
20.05.2011
Medium:
EAN:

SACD
723385311119


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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