> > > Julian Steckel - Cellokonzerte: Werke von Korngold, Bloch & Goldschmidt
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Julian Steckel - Cellokonzerte - Werke von Korngold, Bloch & Goldschmidt

Düstere Töne


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Julian Steckel hat drei beeindruckende Cellokonzerte aus dem 20. Jahrhunderts vorgelegt.

Der junge Cellist Julian Steckel hat nun nach seiner von der Kritik vielgelobten Mendelssohn-CD mit dem Pianisten Paul Rivinius eine Einspielung mit jüdischer Musik vorgelegt. Diesmal widmet sich Stecken Musik ganz anderer Couleur, aus dem 20. Jahrhundert. Steckel, der inzwischen den ARD-Musikwettbewerb 2010 in München fulminant gewonnen hat (1. Preis, Publikumspreis, Preis des Münchener Kammerorchesters und Oehms-Classics Sonderpreis), geht also in verschiedenster Hinsicht nach vorn. Mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter der Leitung von Daniel Raiskin hat er sich drei epischen, ausdrucksstarken, aber auch düsteren Werken für konzertantes Cello zugewandt: dem Cellokonzert in C op. 37 von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), der Rhapsodie 'Schelmo' von Ernest Bloch (1880-1959) und dem Cellokonzert op. 23 von Berthold Goldschmidt (1903-1996). Auf den ersten, chronologischen Blick sieht man also, dass alle diese Komponisten Anteil am schrecklichen 20. Jahrhundert hatten; alle emigrierten im Laufe der 30er-Jahre nach Amerika oder England. Aber ihre Werke wie Lebensläufe sind doch nicht gleichförmig oder gar zu verwechseln.

Fluchtwege des 20. Jahrhunderts

Korngold ging 1934 nach Hollywood und galt dort lange Zeit als erfolgreichster Filmkomponist überhaupt. Auch sein Cellokonzert aus dem Jahr 1946 enthält, wie das ein Jahr zuvor beendete Violinkonzerte, viel Material aus Filmmusiken. Dem Cello kommt hier die Rolle des Protagonisten zweifellos zu und Steckel füllt sie, in den Solokadenzen wird es mehr als deutlich, zweifellos aus. Bloch war bereits in den USA tätig, bevor er sich 1938 endgültig dort niederlassen musste. 'Schelmo', ein heute recht bekannt gewordenes Stück, durchglüht vom unübertroffenen und unhintergehbaren, wüsten Pessimismus des Buches Kohelet (ich würde es geradezu aufgeklärten Nihilismus nennen, was in diesem Buch steht), entstand im Angesicht des Ersten Weltkrieges und wurde 1916 in New York uraufgeführt. Goldschmidts Cellokonzert schließlich hat eine abenteuerliche Überlieferungsgeschichte: 1932 übergab der Komponist dem Cellisten Emanuel Feuermann die Komposition, das Manuskript ging aber während einer Tournee verloren. Erst während der 50er-Jahre rekonstruierte Goldschmidt dann das Werk aus dem Gedächtnis, das 1954 in seiner neuen Gestalt erneut uraufgeführt wurde.

Fluchtpunkte der Gestaltung

Die Interpretation von Steckel und Raiskin macht es sich nicht zu leicht. Das deutet sich schon in der Stückeauswahl an. Weder beschränkt sich die CD auf filmmusikangehauchte Feuerwerke oder Blochs orientalisierenden Bombast noch versinkt sie in der Tristesse deutsch-jüdischer Geschichte des 20. Jahrhunderts. Beides wäre leicht anzuzapfen gewesen, und zweifelsohne hätte die künstlerische Qualität darunter gelitten. Das ist selbstredend und glücklicherweise nicht der Fall. Mit dem souveränen, anschmiegsamen Staatsorchester Rheinische Philharmonie gelingt hier eine komplexe Gestaltung, in der sich tief gestaffelte Emotion (auch große, auch triste, auch aggressive), vorsemantische Musizierlust und -fähigkeit und, man kann es nicht anders sagen, cellistische Massivität zu einem abwechslungsreichen, musikalisch überwältigenden Programm legieren. Wie sich jene verschiedenen Facetten verbinden können, zeigt etwa das Ende des Goldschmidt-Konzertes. Die Tarantella, die das Konzert beschließt, entfesselt einen wirbelnden Tanz von Virtuosität, oder besser gesagt: lässt ihn entfesseln, wenn der Solist es so vermag. Steckel lässt hier, abseits aller fraglosen Virtuosität und gestalterischer Durchsetzungskraft, doch nicht die heißen Kohlen vergessen, auf denen diese Tarantella sich abzuspielen scheint, und die man über den buntflatternden Rüschen des Reigens fast vergessen könnte. Auch der furiose Schlusspunkt der CD bleibt also eingedenk der schweren, düsteren Reihe. Es entwickelt sich so ein Paradox, das schon in der mittelalterlichen Lyrik für explizite Ratlosigkeit gesorgt hat: wie es sein kann, dass uns traurige, dass uns düstere Kunst so sehr erfreut.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Julian Steckel - Cellokonzerte: Werke von Korngold, Bloch & Goldschmidt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
20.05.2011
54:04
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260085532230
8553223


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"Cellokonzert des 20. Jahrhunderts Drei Konzerte für das Violoncello. Und drei unterschiedliche jüdische Lebenswege. Erich Wolfgang Korngold, der aus Brünn gebürtige Wiener Erfolgskomponist, ging 1934 nach Hollywood und musste, als die Nationalsozialisten 1938 auch in Österreich ihre Diktatur errichteten, dort bleiben. Der Genfer Ernest Bloch war ab 1916 für etliche Jahre in den USA tätig und ließ sich nach 1938 endgültig in Oregon nieder. Der Hamburger Berthold Goldschmidt, der in Berlin als Komponist und Dirigent lebte, sah sich 1935 gezwungen, mit einigen wenigen Habseligkeiten nach London zu emigrieren. Auf je andere Weise spiegelt also jedes dieser drei Konzerte das zerrissene 20.Jahrhundert. Gemeinsam ist den Werken, dass sie die Ausdrucksmöglichkeiten des modernen, emanzipierten Violoncellos umfassen und jene radikal erweiterte Spieltechnik fordern, die auf einst revolutionäre Virtuosen wie Julius Klengel und David Popper zurückgeht. Julian Steckel, Jahrgang 1982, ein Schüler von Ulrich Voss, Gustav Rivinius, Boris Pergamenschikow und Antje Weithaas, machte schon früh auf sich aufmerksam; die Krönung seiner bisherigen Laufbahn ist der 1. Preis des ARD-Wettbewerbs (September 2010). Daniel Raiskin, (* 1970) Chefdirigent des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie und des Artur-Rubinstein-Philharmonie Lodz, hat eine Vorliebe für Programme, die sich nicht nur mit den üblichen Standards beschäftigen, und sucht vor allem eine enge Zusammenarbeit mit den Orchestermusikern, um ganz besonders intensiv seine Klangvorstellungen zu verwirklichen und dem Publikum die entsprechende „story“ zu erzählen. "


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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