> > > Kampe, Gordon: gassenhauer
Samstag, 19. September 2020

Kampe, Gordon - gassenhauer

Musik mit anarchischem Humor


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der Reihe 'edition zeitgenössische musik' wird der Komponist Gordon Kampe mit sechs Werken, meist kammermusikalischen Zuschnitts, vorgestellt.

Das Label Wergo hat seine in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat produzierte Reihe ‚edition zeitgenössische musik‘ um eine weitere Folge erweitert. Mit sechs Stücken wird ein Einblick in das vielfältige und an Überraschungen äußerst reiche Schaffen des Komponisten Gordon Kampe gegeben. Das kompositorische Werk des 1976 in Herne Geborenen wurde mittlerweile mit einigen Preisen dekoriert; letztes Jahr erhielt er den Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart, ein Jahr vorher war er ‚composer in residence‘ des Philharmonischen Orchesters Hagen, schon einige Zeit vorher erhielt er den Kompositionspreis bei den Weimarer Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik.

…um im nächsten Moment…

Gordon Kampe steht in der Szene zeitgenössischer Musik wohl nicht singulär da, doch ist sein musikalisch-ästhetischer Habitus mindestens in einem entscheidenden Punkt erfrischend außergewöhnlich: Gordon Kampe hat offenbar Humor, und auch seine Musik ist davon im Innersten geprägt. Der Humor in Kampes Musik ist keine schenkelklopfende Gaudi, sondern hat beinahe anarchischen Charakter. Er konfrontiert den Hörer mit musikalischen Situationen, die keinem stilistischen Reinheitsgebot gehorchen, sondern Artifizielles und Alltägliches miteinander kombinieren – und dies auf höchst spannende, vor allem aber auch kurzweilige Weise.

Kampes Musik regt den Hörer an, stets bei der Sache zu bleiben, sie ist Jetzt-Musik: Musik, bei der man jeden Moment auf der Hut sein muss, weil sie schon im nächsten Augenblick um die Ecke biegt und etwas aus dem Hut zaubert, was man nicht erwartet hätte. Diese Musik scheint szenischen Charakter zu haben; sie entwirft mit wenigen Gesten eine ebenso suggestive wie assoziationsreiche Klangszene, die im nächsten Moment eingerissen und durch ein neues Tableau ersetzt wird, das im nächsten Moment… Im informativen, Kampes Musik sowie die dahinterstehende Ästhetik präzise beschreibenden Booklet (in dem auch einige Spitzen gegen typische Erscheinungen der Neue-Musik-Szene nicht fehlen) wird dies treffend als Musik der Diskontinuität beschrieben. Dass Gordon Kampe auf stilistische Reinheitsgebote und übertriebenen Ernst pfeift und stattdessen eine kunstvolle Musik mit unterschiedlichen Stilstockwerken zusammenbaut, zeigt sich nicht zuletzt in den Titeln der Werke sowie deren Einzelsätzen, aber auch in den Spielanweisungen für die Musiker. Kampe fordert einmal vom Cellisten ‚wahnsinniges Schuften‘, ein andermal gibt er dem Ensemble die Parole vor: ‚mit tüchtig Schmackes, immer voran‘.

Wendungsreich

Der überwiegende Teil der hier vorgestellten Werke sind kammermusikalischen Zuschnitts. Eine Ausnahme macht 'High-Noon: Moskitos' (2003/2006) für Orchester, das vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Peter Hirsch mit Engagement und großem Klangfarbensinn gespielt wird. Es ist dies eine flirrende, hastige Musik, in die immer wieder Momente eingebaut werden, die auch in den anderen Werken zutage treten: Stellen, die im Gleichmaß auf der Stelle treten, als hätte die Musik einen Kolbenfresser; manchmal ist das ein rhythmisches Gleichmaß, manchmal eine repetitive Figur.

Und immer wieder bricht Kampe alle Erwartungen, wie es wohl musikalisch weitergehen könnte. In 'HAL' (2010) für Kontrabassklarinette, Akkordeon, Kontrabass, Klavier und Zuspielungen taucht plötzlich ein Ländler aus der Versenkung auf, während das neunteilige Stück doch einen Tango (der erste, so die Satzbezeichnung, 'mit krasser Slap-Orgie') als roten Faden aufweist. Im ersten Satz ('EINS') von 'Picard' (2006/10) für Flöte, Klarinette, Saxofon/Tárogató, Posaune, E-Gitarre, Schlagzeug, Violoncello, Kontrabass und Klavier) meint man einen verhunzten Kuckuck zu hören, gegen Ende von 'HAL' scheint ein Hahn seine Stimmbänder zu testen. – Doch führt diese humoristische Klangumschreibung, die hier versucht wird, auf eine falsche Fährte, wenn man sie Umschreibungsversuch einer kalauernden Musik versteht: Kampes Musik ist im Gegenteil von einem anarchischen Humor, dessen Abstand zum billigen Kalauer denkbar groß ist. Sie ist in allem Stilpluralismus durchaus witzig, aber mindestens ebenso gewitzt und in der Klangerfindung – hingewiesen sei auf das Sprechen in Kuhglocken in 'Qs Nachtstück' (2008) – differenzierter als nicht wenige Werke zeitgenössischer Musik, in den künstlerischer Anspruch mit heiligem Ernst gleichgesetzt wird.

Umgesetzt wird Kampes wendungsreiche Musik von Interpreten, die sich offensichtlich um die subtilen klanglichen Valeurs mit Sorgfalt kümmern. Auch wenn die Aufnahmen zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten entstanden: Der plastische, die Klangkonstellationen sehr direkt übertragende Klang ist durchweg sehr gut. Unklar ist allerdings, wieso man die kurzen Sätze der 'Gassenhauermaschinensuite' (2009) in Einzeltracks unterteilte, die (ineinander über gehenden) Satzabschnitte von 'HAL' aber nicht. Auf der Rückseite des Booklets ist eine Kiste mit allerhand Nippes abgebildet. Was dort zu sehen ist, kann durchaus als Bild für das Konglomerat eigenwilliger Klangszenen von Kampes Musik dienen. Sie zu hören ist allerdings weitaus spannender, weil eine Überraschung die andere jagt – ohne sich zur Masche zu verfestigen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kampe, Gordon: gassenhauer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
02.05.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228658125
wer 65812


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Anspruchsvolles Tonexperiment: Michel Roth geht in seiner Komposition 'Im Bau' Kafka auf den Grund. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Überschäumend: Monica Gutman widmet sich Klavierkompositionen des Dadaisten Erwin Schulhoff. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Klangbaden: Sehr feine, subtile Klangräume zeichnen ein spirituelles Programm, das unmittelbar ansprechend ist. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gustav Uwe Jenner: Drei Balladen - 3. Ballade

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich