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Samstag, 19. Januar 2019

Cavalli, Pier Francesco - Artemisia

Barocke Seifenoper


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine klanglich opulente, musikalisch erstklassige Aufnahme von Francesco Cavallis Oper 'Artemisia' legt La Venexiana unter Claudio Cavina vor.

Italienische Barockoper: Wem dabei überbordende Expressivität, satte, farbige Klanglichkeit und hohes Tempo einer bis zur Satire zugespitzten Handlung vorschwebt (und wer sich nicht stören lässt, wenn es mit der Logik manchmal etwas holpert), wird bei Francesco Cavallis 'Artemisia', eingespielt von dem italienischen Ensemble La Venexiana unter seinem Leiter Claudio Cavina, voll auf seine Kosten kommen.

Claudio Monteverdis ursprünglich auf sein 'Lamento della Ninfa' bezügliche Vortragsanweisung, derzufolge bestimmte Partien nicht der ‚Hand des Dirigenten‘, sondern der ‚Stimmung des Gemüts‘ (affetto del animo) folgen sollen, hat sich La Venexiana zu Herzen genommen: Leitend für ihre Darbietung ist nicht das Abzählen von Taktzeiten, sondern stets der emotionale Gehalt. Das heißt andererseits nicht, dass es der Einspielung an musikalischer Präzision mangelte – das Gegenteil ist der Fall: Durchweg flüssig und in genuiner, genau ausbalancierter Ensemble-Leistung nimmt man sich Cavallis oft nahtlosen Wechsels zwischen Rezitativ und melodiösem Solo (von Arien mag man kaum sprechen) an. Und gerade dies: die relative Ungebundenheit der Form zugunsten des Affektausdrucks in Cavallis Opernidiom ist es, die förmlich nach einer Darstellung wie der von La Venexiana ruft.

Erstklassige sängerische Leistungen

Diese Formation ist in der Hauptsache ein Vokalensemble, und so zeigen sich die Qualitäten der Einspielung denn auch vor allem an den erstklassigen sängerischen Leistungen. Hervorzuheben ist dabei zunächst Francesca Lombardi Mazzulli in der Titelpartie. Schon ihr erster (akustischer) Auftritt, der Klagegesang der verwitweten Königin von Karien, ist von einer überwältigenden Intensität und Ausdruckskraft. Gegenüber ihrem hellen, feminineren Timbre wirkt das von Roberta Mameli (Artemia) durchweg dunkler, vielleicht auch von größerer dramatischer Kraft. Mit Valentina Coladonato, mit Oronta der dritten im Bunde der weiblichen Hauptrollen, tragen sie mit ihren in sich gerundeten Stimmen maßgeblich zur klanglichen Opulenz der Aufnahme bei. Mit Maarten Engeltjes (Meraspe), einem charaktervollen Countertenor, und Salvo Vitale (Indamoro, Bass) treten ihnen zwei handlungsmäßig nicht ganz so exponierte, stimmlich aber ebenbürtige männliche Protagonisten zur Seite. Das ergänzende, solistisch besetzte Streichorchester steuert beweglichen, farbigen Instrumentalklang bei, der Continuo deckt mit wandlungsfähiger Besetzung nicht nur ein breites Ausdrucksspektrum ab, sondern gibt der Oper in präsenter, klanglich markanter Führung Zusammenhalt und dramatischen Zug.

Hanebüchen

Den Freunden des ‚Originalklangs‘ italienischer Barockoper wird hier also einiges geboten. Ohnehin werden die wenigsten jene Werke aus inhaltlichen Gründen, wegen der Tiefe des Gehalts oder dem Abwechslungsreichtum der Handlung schätzen. In dieser Hinsicht ist freilich in der 'Artemisia' noch weniger geboten, als man es aus dem gängigen Repertoire (und erst recht von Cavallis Vorgänger Monteverdi) kennt. Hendrik Schulze, der Herausgeber der Oper beim Bärenreiter-Verlag, schreibt in seiner Einführung im Beiheft der CD treffend, das Werk wirke inhaltlich eher wie ‚eine Komödie oder eine Soap-Opera‘ denn wie eine ernste Oper. Gleich drei Liebespaaren ist da die Aufgabe gestellt, sich zu finden – durchaus kein Leichtes angesichts des unaufhörlichen Bombardements mit Irrtümern, Hindernissen und Running Gags, mit dem der findige Librettist Nicolò Minato sie überschüttet. Angesichts der Verwicklungen, die sich unter diesen Bedingungen ergeben, ist das obligatorische Lieto fine, das ‚gute Ende‘ denn auch reichlich hanebüchen und logisch kaum noch herleitbar. Schulze hält für diese Eigenheiten überzeugende historische Erklärungen bereit: Für Minato und Cavalli waren die Figuren hauptsächlich Handlungsträger, keine Charaktere im heutigen Sinne. Und dass es an Königshöfen um nichts weniger als um vernünftige Politik und infolgedessen drunter und drüber geht, mochte man im republikanischen Venedig sicher gern hören. Ob der Hörer und Leser der Oper freilich die Bemühung solcher historischen Umsetzung auf sich nehmen mag, muss ihm überlassen bleiben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cavalli, Pier Francesco: Artemisia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Glossa
3
01.05.2011
148:00
2010
EAN:
BestellNr.:

8424562209183
GCD920918


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"Unter den venezianischen Opernkomponisten um und nach Claudio Monteverdi ragt Francesco Cavalli (1602-1676) nicht nur als der produktivste, sondern auch als der ideenreichste heraus. Seine rund vierzig Opern sind z.B. besonders reich an unterschiedlichen Arienformen und für viele Handlungssituationen schuf Cavalli musikalische Schemata, die zum festen Bestandteil der Oper in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden. Diese Verdienste und seine augen- und ohrenfälligen musikdramatischen Qualitäten machen aus ihm so etwas wie den ersten Klassiker der Operngeschichte. Seine 1657 in Venedig uraufgeführte Artemisia war dank der ausdrucksstarken Tonsprache des Komponisten, die mit kleinsten Mitteln größte Effekte zu erzielen vermag, einmal mehr ein großer Erfolg. Die Vielfalt der Leidenschaften und insbesondere deren Wechsel im Laufe der Handlung um die Gattin und Schwester des Mausolos (die ihm zum Gedenken das berühmte Mausoleum von Halikarnassos, eines der sieben Weltwunder der Antike, errichten ließ) schlägt sich hier tatsächlich in einer Reichhaltigkeit der Ausdrucksformen nieder, die zwischen Secco-Rezitativen und Arie eine denkbar große Bandbreite an Möglichkeiten bereithält. Dank der exzellenten Solisten um Claudio Cavina und La Venexiana können wir jetzt daran ebensoviel Vergnügen haben, wie seinerzeit das venezianische Publikum."


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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