> > > Nedbal, Oscar: Die Winzerbraut
Dienstag, 19. Februar 2019

Nedbal, Oscar - Die Winzerbraut

Unkonventionelle Wiederentdeckung


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Dirigent Herbert Mogg kennt das Operettengenre nur allzu gut und beweist, dass unter seiner Leitung, eine riskante Ausgrabung zu neuen Ehren gelangen kann.

Und wieder einmal hat sich das Label cpo um vernachlässigtes und entdeckungswürdiges Operetten-Randrepertoire gekümmert. Mit Oskar Nedbals 'Die Winzerbraut' sind selbst versierte Genrekenner im Grunde nie in Berührung gekommen. Das Musiktheater Schönbrunn hat unter der Leitung von Altmeister Herbert Mogg die Wiederbelebung dieser ausgesprochen hübschen und musikalisch attraktiven Operette in Angriff genommen und nun ist Nedbals Werk auf 2 CDs auch über Wiens Grenzen hinaus zu genießen. Im Jahr 1916 kommt in Wien die 'Winzerbraut' heraus, gerade mal drei Jahre nach Nedbals Durchbruch mit dem noch heute ab und zu gezeigten 'Polenblut'. Ein Kassenreißer wird die Operette nicht, dazu fehlen der 'Winzerbraut' vermutlich die großen Solonummern, die obligatorischen Schlager für Tenor oder Sopran. Die dreiaktige Liebesgeschichte zwischen dem schon älteren Grafen Milan und der zwanzigjährigen Lisa Müller aus Wien konzentriert sich in musikalischer Hinsicht völlig auf Duettszenen oder größere Ensembles. Nach einer äußerst reizvollen Ouvertüre kann der Zuhörer in Walzergesängen schwelgen oder sich von den fast schon jazzigen Buffoduetten mitreißen lassen. Oskar Nedbals Balkan-Exotik fußt auf einer farbenreichen und differenzierten Partitur, die den großen Lehár-Operetten in kaum etwas nachsteht.

Das Orchester des Musiktheaters Schönbrunn ist folglich der eigentliche Hauptakteur der vorliegenden Ersteinspielung. Herbert Mogg versteht diese Musik bis ins kleinste Detail, erweist sich als wahrer Klangzauberer mit feingeschliffenem, durchsichtigem Bläserapparat und einem samtweichen Streicherklang. Nie verliert sich Mogg im banalen Schwelgen großer Melodiebögen oder bauscht die Klangmasse üppig auf, vielmehr setzt er auf schwungvolle Tempi und rhythmisch prägnante Phrasierung, die strukturelle Einblicke gewährt.

Problematische Akustik

Bei aller musikalischen Feinheit muss die Aufnahme aber als akustisch problematisch gelten, denn das Orchester ist bei Weitem zu präsent ausgesteuert, wodurch die Gesangsstimmen teilweise gefährlich in den Hintergrund zu treten drohen. Darunter leidet besonders der Bariton Marcus Niedermeyr, der in der Einleitung und im Finale des ersten Aktes nahezu untergeht. Vielleicht liegt die Partie des Barons Bogdan auch einfach zu tief für ihn, so dass ihm die nötige Durchschlagskraft fehlt, allerdings kämpfen auch die übrigen Solisten gegen den massiven Orchesterklang an.

Am besten kommen noch die beiden Hauptpartien der Lisa und des Milan gegen diese zudem äußerst hallige Abmischung an. Mirjam Neururer überzeugt mit ihrem schönen, unprätentiösen Gesang und einer genregerechten Natürlichkeit in Diktion und musikalischer Gestaltung. Ihr gelingt das Kunststück, die Figur der Lisa Müller zu einem ernst zu nehmenden Charakter zu formen, den man nicht operettenhaft belächelt, sondern deren aufrichtige Liebe zu Herzen geht. Auch Wolfgang Müller-Lorenz verleiht dem Milan darstellerisches Profil. Seine besten stimmlichen Zeiten hat der Tenor zwar schon hörbar hinter sich, aber die Partie des Milan erfordert nun mal einen älteren Darsteller, der die nötige Lebensweisheit mitbringt. Und hier ist Müller-Lorenz absolut authentisch und zwar im besten Sinne: Sein Vortrag ist charmant, sein Gesang voller Wärme und väterlicher Güte und trotzdem blitzen erotisierende Tenorklänge durch seinen Vortrag. Das große Duett mit Lisa im zweiten Akt lässt ihn mit den erforderlichen ruhigen und langen Walzer-Phrasen zwar an seine vokalen Grenzen stoßen, aber inhaltlich trifft das Duett ins Schwarze.

Der recht helle Buffotenor von Andreas Rainer kann in der Rolle des Lebensmittelhändlers Franjo Svecak nur bedingt überzeugen. Sein Tenor klingt etwas kehlig und trotz guter Artikulation will einfach keine Komik oder schwungvolle Heiterkeit entstehen. Er bemüht sich zwar redlich um Leichtigkeit und lobenswert viel Energie, der Funke springt aber nicht über. Besonders unangenehm wird es, wenn er gleich im ersten Duett zu singen hat: 'Kind, ich bin so musikalisch, glaub‘ mir, einfach genialisch'. Zu seiner Ehrenrettung sei aber erwähnt, dass ihm die parodistische Romeo-und-Julia-Szene im zweiten Akt als Punktlandung gelingt. Seine Partnerin ist Bibiana Nwobilo in der Rolle der Künstlerin Julja Lella. Ihr warmer, klangschöner Sopran bewältigt die Partie mühelos, ihre Textverständlichkeit ist erstaunlich hoch. Allerdings ist sie gerade in den heiteren Buffo-Duetten wie auch ihr Partner versucht, der Musik den Schwung und die Lebendigkeit zu rauben, indem sie alle Töne und Bögen so akkurat aussingt, als handle es sich um eine große Opernpartie. Hoher künstlerischer Anspruch ist legitim, aber der Gesang sollte nicht auf Kosten des Genres gehen.

Überzeugende Dialogregie

Besonders wohltuend bei dieser Ersteinspielung sind die allgemein gut gesprochenen Dialoge. Hier stimmt in den meisten Fällen das Timing und wenn Susanne Kirnbauer als Mizzi Müller ins Geschehen eingreift, ist der Operettenton dort, wo er hingehört. Kirnbauer könnte man stundenlang beim Sprechen zuhören. Oskar Nedbals 'Winzerbraut' ist eine wertvolle Wiederentdeckung einer recht unkonventionellen Operette mit interessanten Charakteren und hinreißender Musik. Der Dirigent Herbert Mogg kennt das Genre nur allzu gut und beweist, dass unter seiner Leitung, eine riskante Ausgrabung zu neuen Ehren gelangen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nedbal, Oscar: Die Winzerbraut

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.04.2011
EAN:

761203762927


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Nedbal, Oskar
 - 1. Akt - Vorspiel
 - 1. Akt - Einleitung Das neue Heim lasse ich mir gefallen
 - 1. Akt - Lied und Ensemble Da seht nur her
 - 1. Akt - Dialog
 - 1. Akt - Duett Ich weiß nicht, was ich soll
 - 1. Akt - Dialog
 - 1. Akt - Duett Man wird ja doch älter
 - 1. Akt - Dialog
 - 1. Akt - Quartett Sie sehen mich gar so fragend an
 - 1. Akt - Dialog
 - 1. Akt - Finale Wie heißen Sie


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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