> > > Urspruch, Anton: Sämtliche Klavierwerke Vol. 1
Samstag, 28. Mai 2022

Urspruch, Anton - Sämtliche Klavierwerke Vol. 1

Lohnenswerte Neuentdeckung


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ana-Marija Markovina macht mit eindrücklichen Interpretationen auf den vergessenen Komponisten Anton Urspruch aufmerksam. Man darf auf die zweite Folge gespannt sein.

Anton Urspruch – schon gehört? Ja und nein. Zwar ist die Wiederentdeckung des 1850 in Frankfurt geborenen Komponisten, Pianisten und Dirigenten so weit vorangekommen, dass sich sein Name im Gedächtnis des ein oder anderen Musikkenners eingeprägt hat, was fehlt, sind jedoch damit verbundene Höreindrücke. Die 2009 gegründete Anton Urspruch-Gesellschaft e.V. hat sich dies zur Hauptaufgabe gemacht: das kompositorische Werk Urspruchs wieder an die Öffentlichkeit zu bringen. Besser als mit der Pianistin Ana-Marija Markovina, die bei Genuin bereits die ebenfalls raren Klavierwerke von Luise Adolpha Le Beau und Hugo Wolf einspielte, könnte das Klavierrepertoire Urspruchs kaum publik gemacht werden.

Unterhaltung, die unter die Haut geht

Der erste von zwei Teilen der ‚Complete Works for Piano‘, veröffentlicht im April 2011, enthält auf zwei CDs die Werke 'Cinq Morceaux pour le piano' op. 19, 'Cavatine und Arabeske für das Pianoforte' op. 20 und 'Fünf Fantasiestücke für das Pianoforte' op. 2. Urspruchs Œuvre, das neben Werken für Vokalbesetzungen einen Schwerpunkt auf Klavier- und Kammermusik setzt, bezeichnet eine sich völlig der Romantik versprochene Musiksprache. Die Klavierwerke erinnern stark an Schumann und Chopin, bisweilen auch an Liszt, als dessen Schüler sich Urspruch bezeichnen durfte. Die 'Cinq Morceau pour le Piano' ist eine suitenähnliche Zusammenstellung von Sätzen, wobei nicht nur der Titel des zweiten, 'Impromptu', chopineske Züge aufweist. Die harmonische Grundlage wird durch gleichmäßige, aber unruhige Klangflächen, auf Akkordbrechungen zurückgehend, bereitet; darüber ziert sich eine oft ganz einfache, mit Triller und Arpeggien angereicherte Melodie. Der dramatische Verlauf zeichnet sich durch das Anstauen von Energie und Ausbrüchen aus, durch ein Auf und Ab aus Steigerung und Abklingen – so wie in vielen Stücken der Zeit, etwa jenen Chopins. Ein Akzent wird durch die abschließende 'Fantasie' gesetzt: Sie beginnt überraschend mit einem Fugato, wobei die Stimmlinien nach einer Zäsur immer mehr die gewohnten arabesk-virtuosen Züge annehmen und bei gleichzeitigem Accelerando sich zum typischen romantischen Klaviersatz mit knapper Melodie, brausender Harmonik in der Mittellage und sattem Bass verwandeln. 'Cavatine' und 'Arabeske' treten dahingegen liedhaft-leicht auf mit eher verspieltem Charakter. In den 'Fünf Fantasiestücken' zeigt sich einmal mehr, welches Geschick Urspruchs Werke vom Interpreten fordern: Ausdrucksmäßig wird hier die gesamte Bandbreite von ‚sehr ruhig und mild‘ über ‚frei und fantastisch‘ bis hin zu 'Kraft und Feuer' in ständigen Wechsel abverlangt – von der hoch-virtuosen Technik ganz zu schweigen, die Markovina im Vergleich zu Kompositionen von Liszt als ‚extrem unbequem‘ und ‚nicht pianistisch‘ beschreibt.

Überzeugende Präsentation des ersten Teils des Klavierwerks

Erstaunlich bequem klingt jedoch, was zu spielen ganz das Gegenteil ist. Markovina zeigt keine Schwächen, sondern geht wortwörtlich in die Vollen, wie etwa im ersten der 'Fantasiestücke'. Massig stürzt sich die Pianistin in die Bässe, was zwar mit der Vortragsbezeichnung ‚Rascher, leicht und lebendig‘ bricht, doch den erfrischenden Synkopen-Rhythmus untermauert. Auch die anderen Charaktere werden pianistisch in einer Weise ausgemalt, dass man sich stets auf die Interpretation verlassen kann, um Urspruchs musikalische Gedanken nachzuvollziehen. In langsamen Passagen und Sätzen nimmt sich Markovina Freiraum, den auch der Hörer braucht, um nach einem eher wuchtigen Satz die Ruhe überhaupt wahrnehmen zu können, und bleibt bei zarter Dynamik dennoch standhaft. Sie stellt Urspruchs Werk so vor, wie man es sich vorstellt, dass es sich gehört, Urspruchs Klavierwerk in einer heutigen Interpretation vorzustellen.

Nachzügler der Romantik

Als Hauptgrund dafür, dass Urspruchs Kompositionen nach seinem Tod für ein Jahrhundert weitgehend in Vergessenheit gerieten, gilt sein konservativer Kompositionsstil, ein Verharren auf dem Gestus der Romantik. Urspruch lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und damit in einer heiklen Phase des Umbruchs, wo sich durch die Stilbreite in unterschiedlichen kulturellen Richtungen Parteien und Anhängerschaften ausbildeten, denen er posthum möglicherweise zum Opfer fiel. Eine andere mögliche Ursache für die ungenügende Durchsetzungskraft von Urspruchs Werk liegt darin begründet, dass die Musik oft Assoziationen an andere, bekanntere Komponisten hervorruft. Im Vergleich zu denen der genannten Meister entbehren Urspruchs Kompositionen einer individuellen unverwechselbaren Sprache. Die ‚Complete Works for Piano‘ von Anton Urpsuch sind auf jeden Fall ein Genuss: wegen der ausgezeichneten Interpretation und der – wenn auch schnell ‚ausgehörten‘ – Abwechslung zum üblichen Pianisten-Repertoire. Man darf bereits gespannt sein auf die zweite Folge!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Urspruch, Anton: Sämtliche Klavierwerke Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
2
15.04.2011
Medium:
EAN:

CD
4260036252057


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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