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Montag, 24. Januar 2022

Brahms, Johannes - Sämtliche Lieder Vol.II

Mädchengefühle


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Graham Johnson fährt als Liedbegleiter seines Brahms-Zyklus fort. Diesmal singt Christina Schäfer Brahmsens sogenannte "Mädchenlieder" - eine absolut überzeugende Einspielung.

Brahms trug sich in den 1870er Jahren mit dem Gedanken, einen Zyklus von ‚Mädchenliedern‘ herauszugeben, zusammengestellt aus schon komponierten Werken. Dabei hatte er wohl die finanziell gut gestellte Käuferschicht der höheren Töchter im Sinn, die gerne gesangstechnisch nicht allzu anspruchsvolle Kunstlieder einstudierten. Brahms hatte in früheren Jahren schon liebliche, sentimentale Gedichte von Paul Heyse und Otto Gruppe vertont, die er in einer Sammlung neu herausbringen wollte, doch kam es nie dazu. Der Sohn seines Verlegers Simrock versuchte sich 1904 an dem erfolgversprechenden Unternehmen, doch konnte sich der ‚Mädchenlieder‘-Zyklus nie als geschlossener Werkkreis durchsetzen.

Nun hat der Pianist Graham Johnson auf seiner neusten Einspielung von Brahms-Liedern jene ‚Mädchenlieder‘ ins Zentrum seiner CD gerückt, wodurch dem Hörer ein interessanter Querschnitt durch Brahms Liedschaffen geboten wird. Als Gesangsinterpretin hat Johnson wohl die absolute Idealbesetzung für die ‚Mädchenlieder‘ gefunden, denn Christine Schäfer versteht es wie kaum eine andere, mit schlanker, jugendlicher Stimme Tiefe und Ausdruck in die Musik zu legen. Ihr helles Timbre, das sich in entscheidenden Momenten abdunkeln kann und eine innige Mittellage hat, macht sie zu einer überzeugenden Interpretin dieser Werke. Mit gekonnt geführter Stimme bringt sie eine neue Bedeutungsebene in die etwas einfachen Texte. Dabei vermeidet sie es aber geschickt, die Lieder mit Pathos aufzuladen.

Wie raffiniert sie mit Brahms Mädchenliedern umgeht, zeigt schon gleich das erste Werk der Reihe, das Lied op.95/6: Mit duftiger Tongebung singt sie die hüpfenden Intervallsprünge der ersten Strophe, um dann in den letzten zwei Zeilen eine augenzwinkernde Molltrübung einzufügen, die den Verzicht des Mädchens auf das Paradies leicht ironisiert. Das ‚Mädchenlied‘ op. 85/3 hat einen vollkommen anderen musikalischen Duktus als die vorangegangene Komposition. Brahms verwendet hier einen pseudo-serbischen Volkston mit Molltonarten. Alles Leichtfüßige fehlt hier; stattdessen hadert das Mädchen des Texts mit der Abwesenheit ihrer Familie und ihres Geliebten, die sie einsam zurückgelassen haben. Wie auch im folgenden ‚Mädchenlied‘ op.107/5 singt Christine Schäfer das Werk mit zu Herzen gehender Innigkeit. Ob sie das Mädchen in Lied op.85 den Tod des Bruders im Krieg beweinen lässt oder die rinnenden Tränen des Mädchens in der Spinnstube aus Lied op.107 musikalisch umsetzt: Sie stellt Trauer und Verzweiflung mit großer Natürlichkeit dar – ganz anders als Angelika Kirchschlager, die auf der ersten Veröffentlichung von Graham Johnsons Brahms-Zyklus oft mehr Vibrato und Dramatik einsetzt als es nötig wäre.

Liedbegleiter Graham Johnson ist ohne Zweifel einer der fundierten Liedinterpreten, wenn es sich um die Musik des 19. Jahrhunderts handelt. Mit seinen Gesamteinspielungen von Liedern der Komponisten Schubert, Schumann, Fauré und Strauss hat er sich um das Kunstlied in den letzten Jahren sehr verdient gemacht. Jede seiner CD-Produktionen kommentiert er mit ausführlichen und informativen Begleittexten, die aber leider von seinem CD-Label Hyperion immer nur in der englischen Originalsprache abgedruckt werden. Sein fein nuancierter Anschlag bereitet für jeden seiner Sänger eine ideale Bühne. Auch mit Christine Schäfer bildet er ein perfektes Team, das sich blind vertrauen zu können scheint. Sie atmen gemeinsam, setzen dieselben Akzente und lassen die Musik ohne Schnörkel klingen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Lieder Vol.II

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
15.04.2011
Medium:
EAN:

CD
034571131221


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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