> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Le Nozze di Figaro, Bastien und Bastienne
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Le Nozze di Figaro, Bastien und Bastienne

Figaro 1956


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mozarts 'Figaro'-Einspielung mit Karl Böhm und einigen überzeugenden Sängern aus dem Jahr 1956 ist keine bedeutende diskographische Ergänzung.

Der 200. Geburtstag Wolfgang Amadeus Mozarts war 1956 für die gerade erstarkende Langspielplatten-Industrie ein dankbares Geschäft. Viele Werke wurden erstmals für dieses neue Medium eingespielt, neue technische Errungenschaften ermöglichten klanglich bessere Ergebnisse, die Neue Mozart-Ausgabe, die seit 1955 erschien, bot erstmals wissenschaftlich gesicherte Ausgaben als Grundlage.

Allein Mozarts 'Le Nozze di Figaro' wurden anlässlich des Jubiläums in vier Aufnahmen vorgelegt: Erich Kleiber, Vittorio Gui und Hans Rosbaud hatten 1955 begonnen, 1956 folgte Karl Böhm für die von Bernhard Paumgartner betreute Mozart-Edition des holländischen Labels Philips. Während die andern drei Aufnahmen inzwischen (teils mehrmals) wieder aufgelegt wurden und allesamt lange Zeit Referenzcharakter hatten, so verschwand die Böhm-Einspielung in den Archiven. Das Schweizer Label Guild hat diese Aufnahme nun in restauriertem, rauschfreiem, aber für Mono-Aufnahmen dieser Zeit typischem ausgetrocknetem Klangbild wieder aufgelegt; ein Klangbild, das das Orchester immer wieder deutlich in den Hintergrund treten lässt und so oftmals zum passiven Akteur macht.

Wiener Ensemble

Zu hören ist – in der italienischen Originalsprache, was Mitte der 1950er Jahre keine Selbstverständlichkeit war, wohl aber auch mit Sicht auf den internationalen Markt geschah – ein Sängerensemble, das man so auch an der Wiener Staatsoper hätte hören können. Karl Böhm dirigiert einen für die damalige Zeit schlanken Mozart, mit klar geführten Streicherlinien und wenig Romantizismen, den die Wiener Symphoniker (wohlgemerkt: nicht die Wiener Philharmoniker) eher mit Präzision denn mit Farbvielfalt gestalten. Gerade die Tutti-Passagen klingen, was durchaus der Aufnahmetechnik geschuldet sein mag, zurückhaltend und passiv. Auffallend sind immer wieder gelungene Bläsersoli, doch bleibt die Orchesterleistung in der Transparenz deutlich hinter anderen Böhm-Einspielungen jener Jahre zurück.

Das junge Sängerensemble ist mit erstklassigen Sängern besetzt, die jedoch allesamt ein Italienisch singen, das deutsche bzw. österreichische Akzente und Betonungen nicht verleugnen kann. Walter Berry, zum Zeitpunkt der Aufnahme ein Endzwanziger ist hier in einer frühen Aufnahme seiner Paraderolle zu erleben. Die Stimme hat bereits die farblichen Charakteristiken, ist wandelbar und geschmeidig, die Interpretation kennt aber noch wenige der Unter- und Zwischentöne, die er der Rolle später geben wird. Einen sehr braven Eindruck hinterlässt der tadellos geführte Sopran von Rita Streich als Susanna, auch sie gerade mal 25 Jahre alt. Die Brillanz und Virtuosität, für die sie bis heute berühmt ist, präsentiert sie hier allerdings noch recht zurückhaltend. Sena Jurinacs Contessa, mit samtigem Sopran eingekleidet und mit Bedacht gestaltet, bleibt trotz schöner Phrasierung und edlem Stimmmaterial genau das: gestaltet. Für heutige Ohren klingt das oft viel zu dramatisch, die große Gräfin-Arie im zweiten Akt etwa könnte in dieser Interpretation auch einer Opera seria entstammen. Paul Schöffler ist als Conte mit seinen 58 Jahren der erfahrenste Sänger dieser Studioproduktion. Die Stimme klingt kraftvoll, farbreich und beweglich, hinterlässt für heutige Ohren stilistisch den vielleicht ‚modernsten‘ Eindruck. Ein schönes Dokument ist auch der, in seiner Jugendlichkeit doch recht beherrschte, Cherubino der jungen Christa Ludwig, deren Mezzo in der Höhe hier eine schöne Helligkeit gewinnt. Oskar Czerwenkas bassgewaltigem Bartolo wird zu wenig Parlando abverlangt, Ira Malaniuk als klischeehafte komische Alte und Erich Majkut als charakteristischer Basilio ergänzen das Ensemble. Der Aufnahme fehlt es an Innenspannung, hier wird lediglich Nummer für Nummer gesungen und durch (gekürzte) Rezitative verbunden. Doppelbödigkeit und Satire bleiben so oftmals auf der Strecke. Der keusche Studiosound der 1950er tut ein Übriges, um hier wenig an knisternder Spannung, geschweige denn Erotik aufkommen zu lassen.

Bastien und Bastienne

Das 3-CD-Set wird ergänzt durch die seltene 'Bastien und Bastienne'-Aufnahme, die John Pritchard 1953, ebenfalls mit den Wiener Symphonikern, gemacht hat. Auch sie erscheint nun erstmals auf CD. Zu hören gibt es ein brav musiziertes Singspiel, das viel unschuldiger daherkommt, als es eigentlich ist. Das Orchester klingt wenig farbreich und ist dynamisch kaum differenziert eingefangen. Die Dialoge sind stark gekürzt (was angesichts der unnatürlichen Vortragsweise zu begrüßen ist), die Konzentration liegt auf den musikalischen Nummern. Ilse Hollweg als Bastienne ist mit ihrem natürlichen Sopran nett anzuhören, bleibt aber in der Farbgebung und Interpretation zu eindimensional, um die Vorgänge auch stimmlich ausdrücken zu können. Ihr Bastien wirkt da in Gestalt von Waldemar Kmentts frischem Tenor schon lebendiger. Walter Berry als Colas bleibt ein Fremdkörper, seinem hexenden 'Diggi, daggi, schurry, murry' fehlt jeglicher Witz. Diese Produktion ist leider eine jener typischen, leidenschaftslosen Studioaufnahmen der 1950er Jahre, die zu viel Respekt vor dem großen Meister Mozart zu haben scheinen und darüber die Lebendigkeit der Musik und des Textes vergessen haben. Aber immerhin ist diese Aufnahme von 'Bastien und Bastienne' noch die beste, die derzeit auf dem Plattenmarkt zu haben ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Le Nozze di Figaro, Bastien und Bastienne

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
3
26.04.2011
Medium:
EAN:

CD
795754237528


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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