> > > Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten
Samstag, 15. August 2020

Strauss, Richard - Die Frau ohne Schatten

Zauberreigen


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Große Märchenoper in Japan: 'Die Frau ohne Schatten' in der Inszenierung von Ennosuke Ichikawa, Wolfgang Sawallisch dirigiert die Bayerische Staatskapelle.

Die Bayerische Staatsoper reiste 1992 nach Nagoya und Tokyo. Dort feierte ihr Intendant und Chefdirigent Wolfgang Sawallisch sein Jubiläum als Gast- und Ehrendirigent des NHK Symphony Orchestra. Zugleich nahm er von dem Orchester, das er seit 1971 geleitet hatte, Abschied mit seiner Lieblingsoper 'Die Frau ohne Schatten', deren legendäre Inszenierung das Opernhaus in Nagoya eröffnete. Die größte japanische Fernsehgesellschaft NHK zeichnete auf. Regie führte der Japaner Ennosuke Ichikawa, dessen Theater in der Tradition des Kabuki steht und westliche und östliche Ausdrucksweisen zusammenzuführen sucht. Die fernöstliche Ästhetik passt hervorragend zur Märchenhaftigkeit der ätherischen Wunder- und Wandlungsoper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Mit ihren stilisierten Kostümen (Tomio Mohri) und Gesten betont sie die Artifizialität des Stücks und nimmt ihm zugleich die Schwere. Man ist versucht, Hofmannsthals Wort über die Musik, durch welche sein Textbuch ‚erst seine letzte Vollendung und Weihe‘ erhalte, auf die szenisch-musikalische Umsetzung dieser Oper zu übertragen.

‚Die letzte romantische Oper‘

Strauss schrieb Ende Juli 1916 wenig bescheiden an seinen Librettisten: ‚Wir wollen den Entschluß fassen, die 'Frau ohne Schatten' sei die letzte romantische Oper.‘ Die Uraufführung fand 1919 an der Staatsoper Wien statt – Illusionstheater in einer Zeit, als desillusionistische Verfahren sich auf der Opernbühne durchzusetzen begannen, Werke wie Hindemiths 'Cardillac', Busonis 'Doktor Faust' oder die 'Dreigroschenoper' die überkommene Dramaturgie aufzubrechen trachteten. Davon ist in diesem Werk mit seinen Anspielungen auf Goethe und Mozarts 'Zauberflöte' freilich nichts zu spüren. Es ist ein Theater der Selbstüberwindung und Wandlung, der Entsagung und Läuterung im Spannungsfeld von hoher und niedriger Sphäre.

Die Kaiserin soll einen Schatten werfen – fruchtbar werden –, andernfalls werde der Kaiser versteinern. Einst fing er sie, die Wandelbare, auf der Jagd. Luana de Vol gibt eine lieblich-verletzliche Kaiserin, der man ihre Abstammung aus dem Feenreich jederzeit abnimmt. Mit ihrem luziden Sopran gestaltet sie nicht nur die Spitzentöne makellos; emphatisch fließt ihr Gesang, dessen Dramatik sie mit einer wunderbaren Leichtigkeit herausarbeitet. Gemeinsam mit der Amme (mit mephistophelischer Verschlagenheit: Marjana Lipovšek) steigt sie hinab zu den Menschen, um sich dort den Schatten zu beschaffen. Sie landen beim Färber Barak und seiner Frau, die zunächst bereit ist, ihre Fruchtbarkeit herzugeben. Janis Martin verkörpert Baraks Frau in ihrer Kälte und Verblendung, ihrem Begehren und ihrer Reue überaus glaubhaft. Ohnehin ragen die Frauen aus dem Ensemble heraus. Alan Titus gelingt als Barak zwar über weite Strecken ein berührendes Porträt, doch Darstellung und Gesang bleiben – fünf Jahre, bevor er von der Zeitschrift ‚Opernwelt‘ zum Sänger des Jahres ausgezeichnet wurde – in engen Grenzen. Der Zornesausbruch am Ende des zweiten Akts fällt verhalten aus, sein Bariton weist ein Dauervibrato auf und ist in der Höhe angestrengt. Und gegen Ende des dreieinhalbstündigen Werks gerät der melodisch ausgreifende Gesang Peter Seifferts in der Rolle des Kaisers reichlich flatterhaft und zeigt ebenfalls einen deutlichen Hang zu übermäßigem Vibrato.

Szene und Musik bezaubern

Dem ethisch hochkonzentrierten Stoff, der Ehe und Fruchtbarkeit verhandelt, fehlt es zuweilen an innerer Spannung. Es scheint, als bedürfe er erst der emotionalen Aufladung durch die Musik. Die Dramatik ist gleichsam vertikal verkapselt in die Personenkonstellationen; horizontal entsteht dramatische Spannung durch den Prüfungsweg und den drohenden Ausgang. Strauss schrieb eine irisierende, labyrinthisch verflochtene Musik. Das Motiv des Geisterfürsten Keikobad ist geschmiedet wie das Agamemnon-Motiv in 'Elektra'. Die ineinander verschlungenen Stimmen der Partitur werden von Sawallisch, gerühmt für die Genauigkeit und Transparenz seiner Interpretationen, und der bestens disponierten Staatskapelle deutlich herausgearbeitet und im räumlichen Klangbild plastisch eingefangen. Das Blech zeigt sich, etwa bei der Verstoßung der Amme, punktgenau und klangmächtig. Bezaubernd gerät die Verwandlungsmusik im Cello (erster Akt, zweites Bild), das den Falkenruf aufgreift. Sehnsuchtsvolle Kantilenen dringen aus den Verliesen der Geisterwelt, in welchen sich Barak und seine Frau am Beginn des dritten und letzten Akts wiederfinden, von der exzellenten Lichtregie (Sumio Yoshii) durch das Spiel von Licht und Dunkelheit wie in einem Guckloch präsentiert.

Das von Setsu Asakura entworfene Bühnenbild ist einfach gehalten und zugleich farbenprächtig, in höchstem Maße ansprechend und perfekt auf das dramatische Geschehen abgestimmt. Wenn sich die Geisterwelt auftut, entfalten weite Planen ihre Wirkung. Die intrikate Stelle der singenden Fischlein, dem Gesang der Ungeborenen, wird als Projektion der Färberin deutlich und so vor der Lächerlichkeit bewahrt. Auch den Erdenflug weiß Ichikawa schlüssig umzusetzen: Die Amme hält einen Schirm über die Kaiserin, sie schweben dahin. Leinwände werden heruntergelassen, Bänder und Nebel evozieren das goldene Wasser im Innern des Bergs. Nicht zuletzt überzeugt, dank geschickter Lichtführung, die Umsetzung des zentralen Schattenmotivs. Eine Inszenierung, die Maßstäbe setzte und bestens dazu geeignet ist, in diese ‚elf bedeutenden, fast pantomimisch prägnanten Situationen‘, als welche Hofmannsthal seinen Zauberreigen bezeichnete, einzutauchen.

 

Interpretation:
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    Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
2
21.03.2011
Medium:
EAN:

DVD
807280724592


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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