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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Lindberg, Magnus - Orchesterwerke

Konzert für Orchester


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vorliegende Zusammenstellung einer Auswahl von fünfzehnn Orchesterwerken des finnischen Komponisten Magnus Lindberg auf vier CDs macht die stilistische Spannweite und Entwicklung deutlich. Zudem wird die Musik mit höchstem Engagement in Klang umgesetzt.

Die finnische Kompositionsgeschichte der letzten etwa 60 Jahre ist eine Geschichte der Gegensätze, genauer: gegensätzlicher Zugänge in einer Generation, die ihren Vertretern in etwa gleicher Weise Erfolg bescheren. In der Generation der um 1930 geborenen Komponisten stehen sich Einojuhani Rautavaara und Aulis Sallinien gegenüber. Während Rautavaaras Werke meist von weit ausgreifenden kantablen Bögen sowie gravitätischen Aufschwüngen in neoromantischer Harmonik gekennzeichnet sind, baut Sallinien seine Musik aus kleinen motivischen Keimzellen auf, die weitaus stärker von rhythmischen konzisen Konturen geprägt sind. In der folgenden Generation stehen sich Kaija Saariaho (* 1952) und Magnus Lindberg (* 1958) gegenüber. Saariaho ist vor allem für ihre luftig und hell instrumentierten, gewissermaßen schwebenden Sehnsuchtsklänge berühmt, Lindberg dagegen für rhythmisch kraftvolle, hoch energetische Musik, die – und hier liegen deutliche Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Saariaho – mit untrüglichem Gespür für Klangfarben geschrieben ist.

Eindrücklicher Überblick von Lindbergs Orchesterwerken

Das finnische Label Ondine, das vor einigen Jahren bereits Rautavaaras Orchesterschaffen in preisgünstigen CD-Boxen herausgebracht hat, widmet sich nun den beiden Vertretern der jüngeren Generation. Eine 4-CD-Box stellt das Oeuvre Magnus Lindbergs vor, ein Überblick der Orchesterwerke von Saariaho folgt in Bälde. Empfehlenswert ist vorliegende Zusammenstellung der Werke Magnus Lindbergs nicht nur wegen der hervorragenden Klangqualität, für die Ondines Ton-Meister einstehen, wegen der interpretatorischen Güte oder dem günstigen Preis – sondern vor allem, weil die fünfzehn Werke, die hier zu hören sind, einen denkbar eindrücklichen Überblick des Schaffens wie auch der kompositorischen und stilistischen Entwicklung von Magnus Lindberg zu liefern vermögen.

Idiomatische Musik

Magnus Lindberg, professioneller Pianist, weiß mit dem Orchester gekonnt umzugehen. Nicht umsonst bezeichnet er das Orchester als ‚sein‘ Instrument. Lindberg schreibt idiomatische Musik fürs Orchester, die sowohl solistische Virtuosität erfordert als auch im – oft komplex geschichteten – reichhaltigen Orchestersatz schlichtweg ‚klingt‘. Im Prinzip könnten alle aufgenommenen Werke, vor allem die für großes Orchester, den Untertitel ‚Konzert für Orchester‘ führen. Es verwundert nicht, dass Spitzenklangkörper bei Lindberg Werke bestellten; 2009 war er ‚composer in residence‘ beim New York Philharmonic Orchestra.

Zweierlei Umschlag

In dem profunden Überblick der stilistischen Entwicklung Magnus Lindbergs, die im Booklet (nur auf Englisch und Finnisch) zu lesen ist, spricht der Autor von dramaturgischer Klarheit und Zielgerichtetheit als Charakteristikum der Werke von Lindberg. Diese Zuschreibung scheint etwas übertrieben, zumindest für die älteren Werke. Stücke wie das 1982 entstandene 'Tendenza' und mehr noch 'Kraft' (1985), mit dem Lindberg der internationale Durchbruch gelang, erscheinen in ihrer steten, hastigen Vorwärtsbewegung wie ein Musikstrom, der, einmal angeknipst, lange Zeit weiterlaufen kann ohne wirklich an ein Ziel, zu einem Schluss im emphatischen Sinn zu gelangen. Sie erinnern hierin ein wenig an Leif Segerstams ‚orchestrale Tagebücher‘. Die kunstvolle, komplizierte Schichtung von rastlosen Rhythmen und Klängen, die Lindberg in 'Kraft' durch ein von ihm entworfenes Computerprogramm strukturiert, bewirkt zweierlei Umschlag: Rastloses Vorwärtstreiben schlägt in Stillstand um (‚rasender Stillstand‘), die überkomplexe Schichtung in den Eindruck einer etwas derben Einfachheit (des Ausdrucks).

Gravitationszentren und neoromantische Harmonik

In den Werken der frühen 1990er Jahre – dem 'Corrente'- und das 'Arena'-Paar ('Corrente', 1992, 'Corrente II', 1992, 'Arena' 1995, 'Arena II', 1996) deutet sich eine harmonische Strukturierung mit einzelnen Gravitationszentren an, die in den Werken der späten 1990er Jahre, beispielsweise in 'Feria' (1997) oder den jüngsten aufgenommenen Werken, 'Concerto for Orchestra' (2003) und 'Sculpture' (2005), stärker tonale, gewissermaßen neoromantische Kerne offenbaren. Das macht die Werke allerdings auch ein wenig vorhersehbar. Man hat – sowohl bei den älteren wie bei den jüngeren Stücken – den Eindruck einer Musik, deren Klangoberfläche äußerst schillernd und rhythmisch bewegt (der Ostinato-Aktionismus erinnert manchmal an Erkki-Sven Tüür) ausfällt und dadurch mit großem Energieschub nach vorn treibt. Die tragende Substanz scheint sich allerdings nur langsam, manchmal geradezu zäh zu bewegen und mit deutlich geringerer Schubkraft. Das führt, gerade im Verbund mit der ‚rasenden Oberfläche‘ zum einem unausgewogenen Eindruck von Statik und Aktionismus gleichzeitig.

Attraktive Orchestermusik

Doch Lindbergs Orchestermusik ist attraktiv – zumindest als Einzelwerk in einem gemischten Konzertprogramm. Man wird die Einzel-CDs vorliegender Sammlung wohl nicht von vorn bis hinten durchhören, sondern sich einzelne Stücke aussuchen. Genau dann entfaltet die Musik ihre beste Wirkung. Es ist in diesen Werken ‚immer was los‘, die Höraufmerksamkeit wandert von einem zum anderen Ereignis und wird durch gekonnte Farbwechsel und -kombinationen positiv herausgefordert. Vor allem, wenn Lindbergs Werke mit solchem Engagement in Klang umgesetzt werden wie das hier der Fall ist. Klangfarbenkombinationen werden von den verschiedenen Orchestern sorgfältig und mit Blick aufs Detail modelliert, und auch das Impulsive von Lindbergs Musik kommt zu seinem vollen Recht. In Sakari Oramo, Jukka-Pekka Saraste und Esa-Pekka Salonen hat sie hörbar engagierte und denkbar geeignete Anwälte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Magnus: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Ondine
4
14.03.2011
258:27
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761195111024
ODE 1110-2Q


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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