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Sonntag, 21. Januar 2018

Kurofune - Songs from the Black Ships

Schwarze Schiffe


Label/Verlag: Carpe Diem
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Trio Yamada, Satoh und Oojien wird dem Konzept der 'Gesänge der Schwarzen Schiffe' auf überzeugende Weise gerecht.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert betrieb Japan nur mit wenigen ausgewählten europäischen Partnern Handel, die mit ihren Schiffen zwischen den Kontinenten segelten. Erst 1853 konnte Kapitän M. Perry mit seinen vier amerikanischen ‚Schwarzen Schiffen‘ – auf Japanisch ‚Korofune‘ – diese Isolation durchbrechen. Chiyomi Yamada (Sopran), Toyohiko Satoh (Laute) und David van Ooijen (Theorbe) begeben sich auf die Reise in diese japanische Vergangenheit, wobei sie sich als Ausgangspunkt auf die Geschichte der ‚TenshM-Jungen‘ und den Missionierungsversuchen der Jesuiten stützen. Alessandro Vaglinano, ein italienischer Jesuit, wählte vier Jungen der angesehenen Samurai-Familien aus, die 1582 als erste Gesandte nach Europa fuhren und während ihrer achtjährigen Reise auch die fremde Kunst kennenlernten. Das Trio Yamada-Satoh-Ooijen wählte für die Aufnahme mögliche Titel aus, die diese Jungen von ihrer Heimat kannten, auf der Reise pflegten, dorthin mitbrachten und die von den fremden Händlern in jener Zeit nach Japan gelangten konnten. Die kulturelle Vermischung findet auch bei Yamada, Satoh und Ooijen statt, da die traditionellen japanischen Lieder mit einer europäischen Gitarre begleitet werden.

Klagende Wiegenlieder

Vier der japanischen Lieder sind Wiegenlieder, die teilweise bis heute noch regelmäßig gesungen werden. Da die Übersetzungen der Lieder nur über Umwege – auf der Website des Labels Carpe Diem Records – zu erhalten sind, muss man sich zunächst mit der knappen Beschreibung im Booklet begnügen. Der Grundton der Lieder ist sehr ähnlich, denn immer wieder sind Klagen enthalten oder aber die Suche nach Antworten auf grundsätzliche Fragen. Alle vier Wiegenlieder sind sehr langsam und ruhig gehalten und strahlen in ihrem Klang eine unerfüllte Sehnsucht aus. Yamadas Art zu Singen passt zur traditionellen Musik und übertragen den Inhalt – selbst bei Unkenntnis des genaueren Textes – in seiner Stimmungswelt sehr gut. Die Bindungen über kleine und große Intervalle sind technisch souverän ausgeführt, sanft und fließend, wobei kleinen Verzierungen für besondere Effekte sorgen. Ooijens Begleitung auf der Gitarre drängt sich dem Hörer nicht auf, sondern bleibt im Hintergrund, bildet aber trotzdem einen wichtigen klanglichen Untergrund. Besonders gelungen sind 'Hakata Lullaby' und 'Takeda Lullaby', in denen das Duo Yamada-Ooijen mit Sanftheit, Harmonie und Ausgewogenheit überzeugen kann.

Die restlichen japanischen Lieder vermitteln andere Charaktere. In 'Inoko' – es ist mit seinem punktierten und triolischen Rhythmus das lebhafteste der Lieder – wird zum Beispiel der Wunsch nach zahlreichen Nachkommen geäußert, während 'Kocha e bushi' die Landschaft der wichtigsten Handelsstraße beschreibt. Dabei vermittelt das Pizzicato und die kurzen Silben eine besondere Leichtigkeit. Nebenbei: Dieses Lied wurde als erstes japanisches Lied in europäischer Notenschrift gedruckt.

Europäischer Einfluss

Die restlichen Lieder spiegeln die Kontakte mit dem europäischen Kontinent wider. Dabei sind unter anderem die damals verbotenen Gebetsgesänge der europäischen und japanischen Christen enthalten. 'Sospiro della Sua Donna' des niederländischen Komponisten Constantijn Huygens ist nur eines dieser Beispiele, in dem Yamada und Ooijen beweisen können, dass sie auch diese Stücke ansprechend zu interpretieren verstehen. Ooijen begleitet den Gesang in gewohnt angenehmer und zurückhaltender Art und Weise. Sein Spiel unterstützt hierbei erneut mit wenigen Akkorden und Melodie-Ausschnitten den Ausdruck des Liedes. Yamada umspielt die Grundmelodie mit leichten Verzierungen, wobei der Text aber immer verständlich bleibt.

In den spanischen Liedern 'Passeávase el Rey Moro' und 'Si los delfines' ändert sich die Besetzung. Yamada wird nun von Satoh auf der Vihuela begleitet: Das Klangbild verändert sich deutlich. Auch in diesem Duett dominiert der Gesang, allerdings tritt zwischenzeitlich die Gitarrenklang mit eigenen ausgespielten Melodiebögen in den Vordergrund oder führt die Linie des Gesanges weiter, wodurch eine andere Form der Mehrstimmigkeit erreicht wird. Überraschend sind 'Come away, come sweet love' und 'In darkness let me dwell' von John Dowland, in jüngerer Zeit zu Evergreens der Alten Musik geworden. Im Zusammenhang mit den anderen Stücken erhalten sie eine neue Bedeutung; sie stehen für den künstlerischen Austausch beider Inseln. In diesen Stücken wird feinfühlig mit verschiedenen dynamischen Stufen gearbeitet, die ansonsten (in den anderen Beiträgen) nur in minimalen Schwankungen bestand.

Die gesamt Einspielung hinterlässt einen besinnlich-introspektiven Charakter und eignet sich sicherlich nicht als Hintergrundmusik für einen Unterhaltungsabend, vermittelt beim Anhören aber den eindringlichen Charakter der Musiker. Interpreten sogenannter ‚Crossover-Musik‘ könnten sich diese Einspielung als gelungenes Vorbild nehmen. Viele der Stücke sind noch nie in dieser Form aufgenommen worden, so dass auch Kenner der Musik des 17. Jahrhunderts Neues entdecken können. Die Qualität des Konzeptes ergibt sich nicht nur durch die Zusammenstellung der Stücke, sondern auch durch die hervorragende musikalische Abgestimmtheit der Interpreten. Alle Stücke wurden mit hörbar großer Sorgfalt für die Einspielung vorbereitet und in guter Qualität aufgenommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kurofune: Songs from the Black Ships

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carpe Diem
1
10.01.2014
EAN:
BestellNr.:

4032324162832
CD-16283


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"Die CD „Kurofune“ ist eine musikalische Reise ins 16. und 17. Jahrhundert zwischen Europa und Japan. Die japanische Sopranistin Chiyomi Yamada, begleitet von den Lautenisten Toyohiko Satoh und David van Ooijen, singt Lieder von den europäischen Höfen und aus den japanischen Vergnügungsvierteln dieser Zeit und erweckt damit die musikalische Welt der Missionare und Händler wieder zum Leben, die auf den berühmten „Schwarzen Schiffen“ (Kurofune) nach Japan gelangten. Die Lieder auf dieser CD zeichnen die Reise der sogenannten „Tensho-Jungen“ nach, 4 junge Samurai, die 1582 zusammen mit portugiesischen Missionaren von Japan nach Europa reisten, um die dortige Kultur kennen zu lernen. Da sie sich auch für die musikalische Kultur und die Musikinstrumente Europas interessierten, liegt es nahe, dass sie die hier eingespielten Lieder auch gehört haben. Daneben kommen auf der CD traditionelle japanische Lieder vor, die im Japan des 17. Jahrhunderts weit verbreitet waren und auch in den Vergnügungsvierteln der Hafenstädte erklangen, wo sie den ausländischen Besuchern (Händlern und Seeleuten) dargeboten wurden. Somit ist KUROFUNE ein mögliches musikalisches Bild dieser spannungsreichen und nicht lange (bis zum „abgeriegeltem Land“ in 1639) währenden Epoche des interkulturellen Austausches zwischen musikalisch wie menschlich vollkommen unterschiedlichen Welten. "


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Carpe Diem

Carpe Diem ist ein kreatives deutsches CD-Label für Alte Musik, Improvisierte Musik und stilistische Grenzgänge. Es wurde 1995 von Prof. Thomas Görne gegründet und wird seit 2008 von den Tonmeistern Jonas Niederstadt und Johannes Wallbrecher geleitet. Unter den Carpe Diem Künstlern finden sich renommierte Stars wie Michel Godard, Hille Perl und William Dongois, aber auch viele junge, noch zu entdeckende Talente.

Carpe Diem möchte nicht Bestehendes wiederholen, Musik, die zur Genüge existiert, ein weiteres Mal anbieten, sondern einen Platz schaffen für lebendige Kunst, für Musik zwischen den Welten von geschriebenem Werk und frei empfundener Improvisation, zwischen edler Kunstmusik und launenhaftem Spieltrieb, zwischen alten Traditionen und dem Empfinden des Musikers im Hier und Jetzt.

Das Label Carpe Diem sucht nach Grenzgängen und unerforschten Plätzen in der Landschaft unserer Musikerfahrung  nicht aus Widerstand gegen das Bekannte, sondern aus Leidenschaft für das Neue. Carpe Diem ist ein Ausdruck von Suche nach dem Sinn und Wesen der Musik, nach der Magie, die dem Klang innewohnt und Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort miteinander verbindet.

Carpe Diem Aufnahmen entstehen an authentischen Orten wie alten Kirchen, Klöstern und Sälen, die für die aufzunehmende Musik und die gespielten Instrumente ideale Bedingungen bieten. Dadurch werden Klang und Atmosphäre des Ortes zu einem integralen Bestandteil der Musik.

Ebenso wie der Klang zielt das grafische Design der CDs darauf ab, die Idee des musikalischen Werks in Bild und Gestaltung zu reflektieren. Bei den meisten Aufnahmen ist ein Fotograf anwesend, um den intimen Entstehungsprozess der Einspielung in Bilder zu fassen.

Das zentrale Anliegen für Carpe Diem bleibt es dabei, die Musik in ihrer ganzen Schönheit, Kraft und Wirklichkeit an Menschen zu vermitteln und weiterzugeben und sie an den Erfahrungen der hochfragilen und atmosphärisch dichten Momente, in denen eine wunderbare Aufnahme entsteht, teilhaben zu lassen.


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