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Sonntag, 26. Januar 2020

Bach, Johann Sebastian - Cellosuiten BWV 1007-1012

Erstaunliches Dokument


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Supraphon legt einen Mitschnitt mit Rostropowitsch vom Prager Frühling des Jahres 1955 vor. Der russische Cellist spielt Bachs Suiten mit ungeheurer Emphase und Einfühlung.

Es gibt wohl kaum einen Cellisten, der sich nicht intensiv mit Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello auseinandergesetzt hat. Sie stellen so etwas wie eine musikalische Heiligeschrift vor, deren Exegese nicht nur Fingerfertigkeit, sondern auch ein hohes Maß an musikalischer Intelligenz erfordert. Von Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch liegen mehrere Gesamtaufnahmen vor, davon eine aus dem Jahre 1991, die bei EMI erschienen ist; ihr kann man den Rang einer Referenzeinspielung zusprechen. Der Cellist sprach bezüglich seiner Beschäftigung mit den Suiten einmal scherzhaft von einer lebenslangen Pilgerreise. Und in der Tat, diese sechs Suiten gehören zu den Kompositionen, die man sein Leben lang nicht nur spielen, sondern auch hören kann, ohne dass es einen je ermüden würde. Von solchen Stücken gibt es in der Tat nicht viele.

Nun liegt bei Supraphon ein Mitschnitt einer Gesamteinspielung aus dem Jahre 1955 vor, die ein Konzert im Rahmen des Festivals ‚Prager Frühling‘ dokumentiert. Sie wurde im Archiv des tschechischen Rundfunks entdeckt. (Die Namensgleichheit zwischen dieser bekannten Kulturveranstaltung und den politischen Reformbemühungen der 1960er Jahre des letzten Jahrhunderts ist rein zufällig.) Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Rostropowitsch zu den Cellisten gehört, die tief in dieses außergewöhnliche Werk eingedrungen sind. Dass dies nicht ohne eigene Entwicklung geschehen konnte, demonstriert diese frühe Einspielung, die voller Emphase ist. Das mutet beim ersten Anhören heute befremdlich an. Der ungeheure Reiz dieser im wahrsten Sinne jugendlichen Einspielung erschließt sich erst beim vorurteilsfreien zweiten Anhören. Es ist schon erstaunlich, wie viel Strukturen und motivische Zusammenhänge Rostropowitsch zum Beispiel in der Sarabande der ersten Suite entdeckt. Sie quillt über von einem Wechselspiel zwischen majestätischem Affekt, fein ausgehorchter Poesie und geheimnisvollen Bass-Abgründen. Gleiches gilt für die Gigue aus der dritten Suite. Hier bündelt Rostropowitsch anmutigen Kantilenen, mal ihre wagehalsigen Energien.

Mit atemberaubender Zartheit beginnt das Prélude der sechsten Suite – schier unglaublich, welche Klangfarben Rostropowitsch hier seinem Instrument entlockt. Das ergreift und bewegt unweigerlich. Dass diese Aufnahme ein Mitschnitt ist, also noch nicht durch die Mangel der technischen Möglichkeiten des modernen Tonstudios gedreht wurde, macht diese Aufnahme, deren Tonqualität erstaunlich ist, umso bemerkenswerter.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cellosuiten BWV 1007-1012

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
2
18.03.2011
Medium:
EAN:

CD
099925404420


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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