> > > Graziani, Carlo: Sonaten für Cello
Samstag, 6. März 2021

Graziani, Carlo - Sonaten für Cello

Sonaten aus dem Halbschatten


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unterhaltsame Violoncello-Sonaten aus der Feder Carlo Grazianis: Facettenreich gedeutet von Gaetano Nasillo.

Das, was über den italienischen Komponisten Carlo Graziani wirklich bekannt ist, reicht kaum über den Status des Dürftigen hinaus: Irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts in Asti geboren, spätestens Anfang der 1760er Jahre als Cellist in Paris tätig, ab 1763 dann für einige Zeit in London anzutreffen, erst wieder 1770 in Frankfurt am Main nachweisbar, direkt danach bis 1773 als Lehrer des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm II. aktiv, im Anschluss daran mit einer jährlichen Pension von 600 Talern im Umfeld des royalen Gönners verbleibend, schließlich 1787 gestorben.

Also muss Graziani durch seine Musik zu uns sprechen: Auf der aktuell vorliegenden, beim italienischen Label Arcana erschienenen Platte sind das sechs Sonaten für Violoncello und Bassbegleitung, ergänzt um ein charakteristisches Capriccio für solistisches Cello. Graziani schreibt galante Musik, die sich schon denkbar deutlich von barocker Strukturliebe und imitierender Satztechnik entfernt hat – und doch zugleich noch nicht vollends in der klassischen Formenwelt angekommen ist. Den Klangeindruck dominiert eine leichte melodische Invention, die sehr gefällig harmonisiert und entfaltet wird. Dabei steht aber nicht konsequente motivische Arbeit im Vordergrund – Graziani durchstreift seine üppig sprudelnden musikalischen Gedanken eher, als dass er sie erzwingt oder sich an ihnen abarbeitet. Die technischen Herausforderungen für den Solisten sind meist überschaubar, das Capriccio und einzelne rasche Sätze bilden hier Ausnahmen. Im Mittelpunkt stehen ansonsten eine leichte Zugänglichkeit und der sichere musikalische Affekt. Vor allem die langsamen Sätze sind von intensiv gebauten Linien geprägt, die Grazianis sichere Hand in diesem Metier zeigen. Daneben ist seine Satzkunst aber durchaus nicht frei von Formeln und manch floskelhafter Wendung, die freilich die Kompositionen nicht dominieren.

Dezent & souverän

Gaetano Nasillo hat sich zuletzt mit einer gelungenen Einspielung später Sonaten von Antonio Caldara sehr positiv hervorgetan. Nasillo ist ein dezenter Gestalter, dessen Spiel nie auf vordergründige Affekte abzielt. Er nimmt Grazianis eher abseits virtuoser Künstlerschaft angesiedelten Kompositionen ernst und gewinnt ihnen etliche Nuancen ab. Im unbegleiteten Capriccio ist er zudem mit einigen technischen Finessen vernehmlich. Nasillo ist ein stilistischer Souverän, der sich in ruhevollen wie in bewegten Sätzen gleichermaßen kundig zu bewegen versteht.

Sein Ungarini-Cello hat dabei einen nasalen, eher schmalen Klang, der gleichwohl harmonisch ausgebaut ist. Der Ton ist weich und von verhaltener Plastizität. Diese solistische Disposition wird auch bei der technischen Realisierung treffend eingefangen: Das entstehende Bild ist erwärmt, zugleich schön gestaffelt und mit einem angemessenen Raumanteil versehen.

Den solistischen Part begleiten Luca Guglielmi und Sara Bennici diskret, aktiv gestaltend und vernehmlich an den stimmungsvollen Klangbildern beteiligt. Oft verschmilzt dieser edle Begleitbass mit der Sphäre des Soloinstruments auf charmante Weise. Im Zusammenspiel mit Nasillo finden sie zu mäßigen Tempi, vor allem die Adagios werden ansprechend empfunden und gedeutet – insgesamt ergibt sich ein zwingendes Tableau.

Sicher: Diese Platte holt Carlo Graziani nicht in die erste Reihe der Komponisten des 18. Jahrhunderts. Aber sie zeigt das Werk eines Künstlers, der mit dem musikalischen Material souverän umzugehen verstand und der in der Lage war, publikumsorientierte und affektsichere Werke zu schaffen. Nasillo und seine Begleiter lassen sich auf diese Musik ein und gewinnen ihr durch nuancenreiches Spiel etliche Farben ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Graziani, Carlo: Sonaten für Cello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.04.2011
Medium:
EAN:

CD
8033891690458


Cover vergössern

Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arcana:

  • Zur Kritik... Beethovens Mandolinist: Der Italiener Bartolomeo Bortolazzi inspirierte Beethoven und Hummel zu Werken für Hammerklavier und Mandoline. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Vielfalt trotz Beschränkung: Drei Holzbläser und eine kleine Continuogruppe bieten großen musikalischen Reichtum. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... In Oktaven: Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello hier unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Arcana...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Marianisches vom Meister: Wunderschöne Marienmotetten von Josquin Desprez, vom Ensemble Cantica Symphonia in mildem Glanz und all den Feinheiten geboten, die für Josquins wunderbare Musik prägend sind. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Luzide Pracht: Philippe Herreweghe, sein Collegium Vocale Gent und Anton Bruckner: Eine gereifte, gelassene Deutung zweier Spitzenwerke romantischer Chormusik. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Drei Perspektiven: Immer wieder findet Rudolf Lutz zu interessanten Werkkombinationen, die die Aufmerksamkeit im Fortschreiten der Bach-Reihe hochhalten und Hörroutinen gar nicht erst aufkommen lassen. Eine feine 33. Folge aus St. Gallen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schilflieder im japanischen Frühling: Die Doppel-CD 'Aus leuchtender Romantik in dunkle Zeit' macht neugierig auf unbekannte Liederzyklen und Kammermusik. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Belcanto-Oper für Arbeiter: Im Rahmen einer Tournee für die Arbeiterkammer Wien spielte das Ensemble der Wiener Staatsoper 1977 'Don Pasquale' in einer Mehrzweckhalle in der Steiermark. Mit dabei: die junge Edita Gruberova neben Tenor Luigi Alva. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Bildgewaltige Erzählung: Schönbergs episches Oratorium ist in den Händen von Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden gut aufgehoben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich