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Sonntag, 14. August 2022

Leclair, Jean Marie - Sonaten für Violine & Bc

Sonatenkunst


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jean-Marie Leclair in Wiedervorlage: Die Aufnahme einiger Violinsonaten mit Fabio Biondi und prominenten Begleitern hat nichts von ihrer Klasse verloren.

Dass Jean-Marie Leclair (1697-1764) als Begründer der französischen Geigenschule eigentlich im Spannungsfeld der beiden rivalisierenden Stile aus Italien und Frankreich agierte, verdient höchstes Interesse: So wirkte er unter anderem als Ballettmeister am piemontesischen Hof in Turin, bevor er 1734 Mitglied der königlichen Kapelle in Versailles wurde. Dort endete seine künstlerische Entwicklung aber keineswegs – finden wir Leclair doch wenig später in Amsterdam und dort in der Schule des großen Italieners Pietro Locatelli.

Beide stilistische Prägungen sind den Kompositionen seines 1723 erschienen Bandes mit bassbegleiteten Violinsonaten anzuhören: Das Gemäßigte, Dezente und Elegante des französischen Stils wird ebenso greifbar wie das Vordergründige, Temperamentvolle, Unverstellte der italienischen Tradition. Auch in der formalen Ordnung ist Leclair keineswegs festgelegt, pendeln seine Sonaten zwischen einer Drei- und Viersätzigkeit, zwischen den Polen der Sonata da camera und der Sonata da chiesa, zwischen sehr verschieden bezeichneten, oft äußerst charaktervollen Sätzen. Dabei stellt Leclair bemerkenswerte Anforderungen an den Solisten, und doch ist seine Musik nicht plakativ, sind es weniger Virtuosenstücke als eindeutig substanzreiche Sonatenkompositionen. Und Leclairs Sonaten glänzen durch die tänzerische Eleganz der französischen Vorbilder genauso wie durch ein frisches, belebendes melodisches Element italienischer Provenienz.

Souveräne Könnerschaft

In der bereits Anfang der 1990er Jahre entstandenen und jetzt bei Arcana erneut vorgelegten Aufnahme hat Fabio Biondi vier Sonaten des ersten Bandes ausgewählt und zu einem repräsentativen Programm gebündelt. Der Sizilianer zeigt sich dabei als enorm eleganter, technisch über jeden Zweifel erhabener, bezwingender Gestalter. Er deutet Leclairs Sonaten intensiv und doch mit variablem Ansatz, damit ganz der stilistischen Breite der Kompositionen gerecht werdend. Biondi gelingt es, die verschiedenen Satzcharaktere überzeugend auszuformen und dabei das quasi dramatische Gefälle innerhalb der Sonaten deutlich herauszuarbeiten. Biondis Violinspiel wirkt trotz all der technischen Herausforderungen, die rasante Läufe, Doppelgrifffolgen und Tonrepetitionen stellen, unangestrengt und leicht. Sein Ton ist dabei konzentriert und nie ausladend, ist gewissermaßen kammermusikalischer Natur.

Damit ist die in der vorliegenden Einspielung sehr eigenständig belebte Sphäre des Basso continuo angesprochen: In der prominenten Besetzung mit Rinaldo Alessandrini am Cembalo, Maurizio Naddeo am Violoncello und Pascal Montheilet an der Theorbe ist er außerordentlich sonor, plastisch ausgearbeitet und bietet einen stimmungsvollen Klanggrund für Biondis solistisches Spiel. Maurizio Naddeos Violoncello interagiert oft sehr gelungen mit der Violinstimme, Rinaldo Alessandrini entfaltet souverän den wunderbar runden und warmen Klang des Cembalos, das der moderne Nachbau eines Instruments aus der französischen Hemsch-Schule ist.

Vor allem auf artikulatorischem Gebiet zeigen die Protagonisten Interaktion auf höchstem Niveau: Die Instrumentalisten spielen kleinteilig und lassen die Sätze doch nie in Details zerfallen, Solo und Bassbegleitung ergänzen sich in diesem Aspekt sehr glücklich. Positiv fällt zudem die klare, mit Blick auf den Zusammenhang der einzelnen Sonaten harmonische Wahl der Tempi ins Gewicht, die nie überdrehte Rasanz zulässt und vor allem in den ruhevollen Sätzen Raum zur Entfaltung der klangsinnlichen Potenziale eröffnet. Das Klangbild der nun schon fast zwei Jahrzehnte alten Aufnahme nimmt durch aufgeräumte Klarheit, kammermusikalische Wärme, eine tolle Plastizität und zugleich das nötige Maß an klanglicher Verschmelzungsfähigkeit für sich ein.

Fabio Biondi erliegt als eminenter Techniker nie der Versuchung, sein geigerisches Vermögen im vielschichtigen musikalischen Material der Leclair-Sonaten vordergründig auszubreiten. Stattdessen ist eine sehr harmonische kammermusikalische Interaktion mit dem gleichfalls hochkarätig besetzten Basso continuo zu erleben: Mit interpretatorischer Geduld werden klare und zwingende Satzcharaktere geformt, wird das musikantische Temperament angemessen dosiert – damit ein wirklich gelungenes Abbild der stilistischen Eigenarten der Musik Jean-Marie Leclairs liefernd.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Leclair, Jean Marie: Sonaten für Violine & Bc

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.03.2011
Medium:
EAN:

CD
8033891690441


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Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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