> > > Dvorák, Antonín: Biblische Lieder op.99
Dienstag, 7. Dezember 2021

Dvorák, Antonín - Biblische Lieder op.99

Erhellung der Finsternis


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Einspielung von Susanne Rohn und Klaus Mertens bietet dem Hörer eine einfühlsame Interpretation der Lieder Dvoráks und ermöglicht die Entdeckung einer unbekannten Orgelsonate von Klicka.

Man muss in Dvoráks 'Biblischen Liedern' op. 99 eigentlich nicht lange auf einen Lichtblick in der Finsternis warten. Doch in der vorliegenden Einspielung ballen sich gerade am Beginn im ersten Psalm 'Wolken und Dunkel ist um ihn her' mächtige, düstere Klänge, die durch die Begleitung der Orgel anstelle des vorgegebenen Klaviers noch verstärkt werden. Der Beginn des Werkes wird dadurch schon zu einem ersten Höhepunkt. Die beiden Musiker Klaus Mertens (Tenor) und Susanne Rohn (Orgel) nutzen die Dramatik aus, um sich gleich mit einem Paukenschlag zu präsentieren.

Mit ihrem tschechischen Text gehören die Lieder zu den wenigen kirchenmusikalischen Vertonungen Dvoráks, die er in seiner Landessprache komponierte. Für Mertens stellt dies keinen Stolperstein dar, sondern ermöglicht ihm, den Sprachgestus für seine Interpretation fruchtbar zu machen. Die Betonung der Silben bietet die Grundlage für eine gelungene rezitierende vokale Gestaltung am Anfang, aus der sich allmählich – zum Ende des ersten Liedes – ein weicher, lyrischer Gesang entwickeln kann. Die kontrapunktischen Einwürfe Rohns bieten eine dynamische Gliederung des Gesamtliedes, da Rohn die verschiedenen Phrasen und Wiederholungen gekonnt mit Schattierungen durchzieht. Gleichzeitig gelingt es ihr (und der Tontechnik), auch im Forte den Gesang nicht zu überdecken. Zwei gleichberechtigte Partner finden so zu einer Ausgewogenheit zusammen, die überzeugt. Diesen düsteren Grundton des Beginns findet man ansonsten nur vereinzelt in kürzen Abschnitten der restlichen neun Lieder wieder.

Mit dem zweiten Lied 'Du bist mein Schirm und Schild' breitet sich die Erhellung der Finsternis weiter aus. Zu weiteren Highlights der Einspielung gehört unter anderem das vierte Lied 'Der Herr ist mein Hirte', das einer Erlösung gleicht. Mertens singt die Melodie sehr gefühlvoll, wobei er die langen Bögen gekonnt zusammenhält. Besondere Effekte bietet die Dynamik, die in ausgewählten Halbsätzen aus dem leisen Grundklang aufsteigt. Da dieses Lied eindeutig von der ruhigen Stimme und Ausdrucksweise Mertens lebt, wählte Rohn angenehm dezente Orgelregister aus, die im Hintergrund mitklingen, aber trotzdem den Gesamteindruck entscheidend stützen. In 'Gott, Gott, ich will dir ein neues Lied singen', dem fünften Lied, kann sie nach dieser Zurückhaltung wieder als gleichberechtigter Partner an die Seite Mertens treten. Die gewählten Register ergeben immer wieder neue Klangeindrücke und verändern dadurch genaue Wiederholungen. Der Text rückt dadurch etwas in den Hintergrund und wird ebenfalls zu einem rein klanglichen Erlebnis. Das Neunte der zehn Lieder ist noch einmal von Rezitativen mit akkordischer Begleitung geprägt. Wie zu Beginn überzeugt das Duo auch in hier mit Zurückhaltung und Einfachheit. Gesang und Begleitung wechseln sich dabei lückenlos ab, was noch einmal ein Zeugnis für die hervorragende Abstimmung beider Musiker ist.

Hervorhebung der Struktur

Die zweite Komposition der Einspielung zeigt einen ähnlichen Verlauf, wobei darin die Erhellung der Finsternis schon nach wenigen Takten hörbar gemacht wird. Zu Beginn der Sonate für Orgel fis-Moll von Josef Klicka benutzt Susanne Rohn das volle Werk und stellt die Dramatik mit Kraft dar, während sie im 'Maestoso con moto' gerade in den ruhigeren und leiseren Abschnitten überzeugen kann. In diesen Passagen findet die Organistin nicht nur die richtige Kombination von Registern, sondern auch die perfekte Mischung des Tempos und der Dynamik der einzelnen Stimmverläufe. Dadurch können auch scheinbare Füllstimmen in den Vordergrund gelangen und damit die Struktur des Werkes verdeutlichen. Mit dieser Form der Interpretation deckt sich Rohns Spielweise mit der Konzeption Klickas, der sich im Kontrapunkt auf Johann Sebastian Bach und in der Polyphonie auf Palestrina bezog. Eine weitere Verbindung ergibt sich durch die Orgelbauer, denn Klicka stand während seiner Komposition in Prag eine Orgel von Wilhelm Sauer zu Verfügung, der 1908 ebenfalls die Orgel in der Erlöserkirche in Bad Homburg errichtete. Susanne Rohn ist für diese Orgel als Kuratorin verantwortlich, und das Instrument diente auch für vorliegende Einspielung. Das Klangbild könnte demnach sehr ähnlich sein, was nach Rohns eigenen Angaben hauptsächlich im 'Andante con moto' spürbar ist, indem sie sehr viele Holzbläser-Register wählt und damit die ländliche Atmosphäre unterstützt, die der Komponist evoziert. Im letzten und längsten der vier Sätze, dem 'Maestoso – Passacaglia', wird deutlich, wie sehr Rohn das Instrument am Herzen liegt und wie genau sie die Stärken der Orgel ausnutzen, ihre Schwächen aber umgehen kann. Der Beginn wird erneut von düsteren Mollklängen beherrscht, die in der Interpretation Rohns jedoch nur wie ein kurzer, durchaus eindrucksvoller Auftakt wirken. Die wenigen Ruhepunkte ausgehaltener Akkorde werden von ihr zudem nicht als Pause verstanden, sondern als erneuter Impuls für das Weiterspiel. In der Passacaglia setzt sie auf Affekte, die sich wiederum durch Dynamik, Phrasierung oder Registerwahl ergeben. Man darf Petr Rojnoha dankbar sein, der diese Komposition Klickas erst vor wenigen Jahren wiederentdeckte, den Notentext editierte und eine erste Einspielung vornahm, die nun aber durch Susanne Rohns Interpretation eine mehr als würdige Nachfolgerin findet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorák, Antonín: Biblische Lieder op.99

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Rondeau
1
01.04.2011
Medium:
EAN:

CD
4037408060448


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Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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