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Donnerstag, 2. Juli 2020

The Sixteen - An Easter Celebration

Stimmungsvoller Konzertauftakt


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leider handelt es sich weder um ein österliches Konzert noch um eine richtige Live-Situation. Aber was macht das schon, wenn das Klangerlebnis und die musikalische Kultur ansonsten bestechend sind?

Der Chor zieht in einzelnen Gruppen in die dunkle Kirche ein, den gregorianischen Choral 'Vexilla Regis' singend: trotz der Bewegung perfekt intoniert, genau aufeinander abgestimmt. Nach und nach, durch orange-blaue Beleuchtung mit so etwas wie mittelalterlichem Flair beleuchtet, finden sich alle Sänger des Chors auf dem Podest vor dem gar nicht zahlreichen Publikum zusammen. Und dann kann es losgehen, das Konzert. Doch halt: Es wird sich herausstellen, dass es sich erstens gar nicht um ein Konzert handeln kann, denn die zahlreichen Umbesetzungen im Chor und Umstellungen der Stühle für das Publikum sowie der Aufführungsorte für das Ensemble, verbunden mit dem für eine Film-Aufnahme notwendigen technischen Apparat und seinen Erfordernissen lassen eine Live-Situation eigentlich nicht zu. Man mag sich jedenfalls gar nicht ausmalen, wie lange das Publikum ausharren musste, bis es wirklich alle Takes für dieses anderthalbstündige Konzert zusammen mit den Sängern und den Technikern absolviert haben würde. Eine Inszenierung also, recht aufwendig sogar – aber nicht die schlechteste.

Dieses Konzert setzt sich auch nicht einfach nur aus einer Abfolge von verschiedenen Programmpunkten zusammen, denn diese werden anmoderiert, versehen mit statischen und bewegten Bildern der Komponisten, Auftraggeber, der Aufführungs- und Entstehungsorte. Selbst wenn der Text, den der Moderator Simon Russell Beale spricht, dem Publikum ebenfalls in ganzer Länge vorgetragen wurde: Die DVD vermittelt jedenfalls den Eindruck, dass die zeitliche Ebene aufgebrochen und sozusagen erweitert wird. Das ist nicht schlimm, aber es macht den Eindruck, man wohne einem Konzert bei, zunichte.

Keineswegs österlich

Und schließlich ist der Titel des Konzerts zumindest verwirrend, wenn nicht schlicht falsch. Denn die Programmpunkte repräsentieren alles andere als ein österliches Konzert. Kann man sich (als einigermaßen mit Kirchenmusik und/oder liturgischer Musik Vertrauter) zwar damit abfinden, dass unter dem Oberthema ‚Ostern‘ der Gregorianische Hymnus 'Vexilla regis' auf das Kreuz Christi, der Bußpsalm 'Miserere mei' (Psalm 50) von Allegri, der traditionell der Liturgie der Kartage vorbehalten ist, die Sequenz 'Stabat mater' für die Passionszeit oder auch die Sterbemotette Bachs 'Komm, Jesu, komm' zusammengefasst werden? Abgesehen davon, dass es bei Perotins 'Viderunt omnes' um Weihnachten geht? Und beim letzten Werk 'Assumpta est Maria' um Mariä Himmelfahrt, zu feiern am 15. August? Hier wird ein recht falsches Bild von Ostern vermittelt, einem Fest, das zwar ohne das Karfreitagsgeschehen undenkbar ist, das aber seine eigene musikalische Kultur hat und nicht von der (zugegeben sehr vielfältigen) Passionsmusik abhängig ist.

So weit, so verwirrend. Das wäre nicht nötig gewesen. Man hätte das Programm leicht unter einen Titel wie ‚Salvator mundi, salva nos‘ stellen können und damit an einen der Programmpunkte aus der Feder von Thomas Tallis anknüpfen können. Auch sonst ist das Konzertprogramm, man muss es von einem womöglich puristischen Standpunkt aus leider so sagen, nicht besonders stringent. Denn es gibt nur zwei Werke, die nicht lateinisch-sprachig sind, nämlich die Bach-Motette 'Komm, Jesu, komm' und das Solo-Lied von Willam Byrd auf den Tod von Thomas Tallis, 'Ye sacred muses', die zwar musikalisch interessant und aufführenswert sind, in dieses Programm aber musikalisch-stilistisch doch nicht so recht passen wollen. (Abgesehen davon, dass in dem Faltblatt, das als eine Art extrem reduziertes Booklet der DVD beigegeben ist, der Name des Lautenspielers von Byrds Klagegesang auf den Tod Tallis’ unterschlagen wird, nämlich Harry Christophers selbst.) Der Applaus des Publikums zwischen den Stücken stört einfach – wollte man nicht auf ihn verzichten, weil er so wunderbar eine (vermeintliche) Live-Situation evoziert?

Nahezu göttlicher Gesang

Ist damit also diese DVD-Produktion ein kompletter Reinfall? Das kann man zum Glück so nicht sagen, denn die musikalische Qualität des Ensembles The Sixteen macht sehr vieles wieder wett. Da singen an die zwanzig Sängerinnen und Sänger ‚wie ein Mann‘: Die Intonation ist ebenso sicher und lupenrein wie die Artikulation der Worte, die Genauigkeit der Einsätze, der Sprache – man kann kaum jemals ein so perfekt aufeinander abgestimmtes, Gregorianischen Choral singendes Ensemble gehört haben. Die musikalische Kultur dieser Interpretation ist schon hervorragend, und da verzeiht man auch den fehlenden (oder jedenfalls falschen) roten Faden. Hier kommen überaus kultivierter Chorgesang, Freude am Singen und an der inneren Dramatik der Musik sowie Lust am Affekt zusammen zu einem ungeheuer atemberaubenden Klangerlebnis. Die Furchtlosigkeit davor, Alte Musik auch mal mit einem Vibrato der Soprane zu versehen, entzückt genauso wie die Eleganz der Bässe und Tenöre. Die männlichen Altstimmen fallen nur bei der Bach-Motette negativ heraus (auch, weil man einfach weiß, dass bei Johann Sebastian Bach die Altstimmen von Knaben und mithin mit einem ganz anderen Timbre gesungen wurden?).

Leider vermitteln auch die Bonus-Nummern eher den Eindruck, als wollten sie mehr Schein als Sein spiegeln. Denn so entbehrlich spezielle Screensaver sind, so verwirrend sind die als Bonus verbrämten (mit viel zu kleiner Schrift) gedruckten Biographien von Chor und Chorleiter. Die hätten auch (und viel besser) in das viel zu magere Booklet gepasst, das diesen Namen wirklich nicht verdient. Verpasste Chancen, aber herrliche Musik, trotz allem. Man muss ja keine Glaubenssache daraus machen, ob es sich nun wirklich um österliche Musik handelt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Sixteen: An Easter Celebration

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
1
18.03.2011
Medium:
EAN:

DVD
828021607998


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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