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Mittwoch, 15. Juli 2020

de Victoria, Tomas Louis - The Victoria Collection

Victoria im Überblick


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Rundweg durch das Werk Tomás Luis de Victorias mit dem famosen englischen Ensemble The Sixteen und Harry Christophers.

Harry Christophers und sein bemerkenswertes Ensemble The Sixteen haben eine so umfangreiche Diskographie vorzuweisen, dass sich inzwischen gelegentliche Rückblicke lohnen: Vor einiger Zeit ist bei Hyperion eine große Box mit frühen Aufnahmen etlicher Meisterwerke der englischen Vokalpolyphonie erschienen, nun legt Christophers bei seinem eigenen Label Coro die gesammelten Früchte der Beschäftigung mit Tomás Luis de Victoria (1548-1611) vor, dem vielleicht letzten der überragenden iberischen Polyphoniker.

Auf den vier Platten vertreten sind neben den Lamentationen für die Karwoche und dem späten Requiem zwei gewichtige Messen und etliche bemerkenswerte motettische Kompositionen – ein guter Überblick über das Werk Victorias also. Dessen Qualitäten sind bekannt und werden zu Recht gerühmt: Victoria bewegt sich so selbstverständlich und souverän durch Techniken und Gesten, dass keine Wendung beliebig oder formelhaft erscheint. In diesem Ebenmaß des Satzes klingen, das lässt sich beim lange Jahre in Rom wirkenden Victoria kaum leugnen, auch die Auswirkungen des Konzils von Trient nach, von dem entscheidende Impulse für eine reduzierte Komplexität in der sakralen Musik ausgingen. Allerdings ist hier ein zweiter Aspekt zu bedenken: Victoria gehörte – mit seinem Landsmann Cristóbal de Morales, mit dem legendären Josquin Desprez oder auch seinem nur wenig älteren Zeitgenossen Orlando di Lasso – zu jener Kategorie polyphoner Meister, die kontrapunktisch gesetztem Gewebe ungemein klangsinnliche Qualitäten abzugewinnen vermochten. Das mag man durchaus als Zeichen individueller Künstlerschaft betrachten, auch wenn eine solche Sichtweise Victoria vielleicht fremd gewesen wäre – doch unterscheiden sich diese Komponisten darin hörbar von jenen, die ‚nur‘ perfekte Meister komplexer Satztechnik waren.

Natürlich stellt Harry Christophers die Qualitäten der getragenen, in großen Bögen ausgebauten Werke deutlich heraus: Die Lamentationen für Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag sind lineare Wunderwerke von seelenvoller Expressivität, alles scheint zu schweben und befreit von übermäßiger Komplexität. Ebenso deutlich wird das in dem 1605 gedruckten Requiem, das die Victoria-Rezeption – bei der überragenden Qualität der Komposition alles andere als verwunderlich – bis heute dominiert: Es ist verblüffend, wie nah Victoria am klanglichen Ideal der gregorianischen Einstimmigkeit orientiert blieb, wie sehr er bei allem Klangsinn der kompositorischen Tradition verbunden war, während sich das überkommene musikalische System zeitgleich andernorts mit eindrucksvoller Rasanz aufzulösen begann. Victoria schuf mit seinem Requiem am Beginn des 17. Jahrhunderts zweifellos eines der gewichtigsten musikalischen Werke der Renaissance, und das ganz am Ende dieser Epoche.

Doch hat diese zweifellos berechtigte Wertschätzung des Requiems den Blick auf Victorias Gesamtwerk auch verengt, ist dies doch keineswegs eindimensional oder arm an Farben. Für den ‚anderen‘ Victoria steht in der vorliegenden Box etwa die dreichörige 'Missa Laetatus sum', die in rhythmischer Frische und aufgelockerter Bewegtheit der Strukturen einen moderneren Ansatz zeigt, mit dem der Spanier in seiner römischen Zeit ganz sicher konfrontiert gewesen sein dürfte.

Höchstes vokales Niveau

Das Ensemble The Sixteen verfügt über wunderbar profilierte Register, die klar, knackig und präzis zu nennen und in einer bemerkenswerten Prägnanz ausgebaut sind. In den mehrchörigen Besetzungen wird enorm agil gesungen, zugleich klangfreudig und detailbewusst. Die Intonation ist schlicht perfekt, in kammerchorischem Format ebenso wie in den alternierend zu erlebenden solistischen Besetzungen. Die lösen sich harmonisch und zwingend aus dem Gesamtklang und setzen das kammerchorische Ideal bruchlos fort.

Harry Christophers weiß, wie er Victorias Musik mit diesem famosen Ensemble zum Erblühen bringen kann: Er lässt dort in weit ausgreifenden, von den Vokalisten souverän beatmeten Bögen musizieren, wo die Kompositionen klar linear gebaut sind – ohne, dass diese Bögen je nachgiebig oder weich gestaltet würden. Und die mehrchörigen Werke führt Christophers mit Präzision und rhythmischer Frische zu gelungener Ausprägung.

Das Klangbild der über mehrere Jahre hinweg entstandenen Aufnahmen ist erstaunlich einheitlich und gleichmäßig: Prägend sind Transparenz und ein sehr schöner Raumanteil, der auch die bewegten mehrchörigen Klanggebäude plastisch abbildet. Entsprechend dem Ideal der Register des Ensembles fördert auch das Klangbild eine gewisse Härte, erweckt es gelegentlich den Eindruck kristalliner Kühle, verbunden mit einer leichten Tendenz, die hohen Stimmgruppen im Gesamtbild zu bevorzugen.

Für den diskographischen Rang der Sammlung wäre eine umfassende inhaltliche Begleitung durch ein ansprechendes Booklet vonnöten gewesen – allein, man wird sich hier mit Durchschnittlichem begnügen müssen: Die Box ist in diesem Punkt nicht mehr als es die vier zusammengefassten Platten sind, versehen mit schmalen, heterogen gestalteten Begleitheftchen, die Basisinformationen ausschließlich in englischer Sprache bieten. In diesem Punkt hätte man der Wiederveröffentlichung ohne großen Aufwand deutlich aufhelfen können.

Das schmälert die interpretatorischen Qualitäten nicht: Harry Christophers hat in mehreren Jahrzehnten einer langen Reihe exzellenter Vokalisten reiche Gelegenheit zur Profilierung gegeben und im Ensemble The Sixteen mit ihnen gemeinsam einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. In etlichen Bereichen des Repertoires hat das zu beglückenden Aufnahmen geführt – im Falle der Musik Tomás Luis de Victorias ist das ganz eindeutig auch so.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    de Victoria, Tomas Louis: The Victoria Collection

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
4
18.03.2011
Medium:
EAN:

CD
828021608926


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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