> > > Resonanzen 2010. Flammen: Werke von Charpentier, Jacopo da Bologna, Lully u.a.
Samstag, 28. Mai 2022

Resonanzen 2010. Flammen - Werke von Charpentier, Jacopo da Bologna, Lully u.a.

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Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zu Jahresanfang jeden Jahres verwandelt sich das Wiener Konzerthaus in ein Culinarium für die Fangemeinde der Alten Musik. Die ORF Edition Alte Musik veröffentlicht alljährlich eine Sammlung der Höhepunkte dieses Festivals als 3 CD-Box. Mancher Wunsch bleibt da leider offen.

Neben vielen weiteren kennt Wien zwei musikalische Hochfeste, deren Hauptstandort zweifellos das Wiener Konzerthaus ist. Meist im November wird es von der Fangemeinde der Neuen Musik im Rahmen des von Claudio Abbado begründeten Festivals Wien Modern gestürmt. Doch auch die Freundinnen und Freude der sogenannten Alten Musik kommen auf ihre Kosten. Ihr Festival, die ‚Resonanzen‘, findet meist Ende Januar/Anfang Februar statt und hält für gewöhnlich allerlei Leckerbissen aus der Musik zwischen Mittelalter und Barock bereit. Mit etwas Verzögerung liefert das Label ORF Edition Alte Musik dann immer eine 3-CD-Box nach, auf der die Höhepunkte des Festivals nachzuhören sind. Wie bei jedem Florilegium sind da die Geschmäcker nicht leicht zufriedenzustellen.

Bei der von Bernhard Trebuch herausgegebenen 3-CD-Box zu den Resonanzen 2010, die unter dem Motto ‚Flammen‘ stattfanden, sollte man nicht den Fehler machen und das als Bonusmaterial auf CD 3 beigegebene Programmbuch des Festivals zu aufmerksam studieren. Es könnte sich beim Blick in das nicht besonders umfangreiche, aber ansehnlich gestaltete Booklet etwas Enttäuschung einstellen. Denn es zeigt sich hier beim Blättern durch die Seiten all das, was auf diesen drei CDs nicht hat Platz finden können. So ist es zum Beispiel jammerschade, dass das Eröffnungskonzert, welches von Jordi Savall und Ton Koopman bestritten worden war, sich überhaupt nicht auf den CDs widerspiegelt. Doch dafür entschädigt manch anderes.

Beiträge aus acht Konzerten – es handelt sich sämtlich um Mitschnitte – sind auf den drei CDs dieser Sammlung versammelt. Die Spannweite reicht dabei von Musik von Jacopo da Bologna über Heinrich Schütz, von Jean-Baptiste Lully bis Johann Joseph Fux. Gleich mit zwei Kostproben aus Konzerten wartet Le Choeur und La Simphonie du Marais unter Hugo Reyne auf. Zunächst ist hier das berühmte 'Te Deum' H 146 aus dem Jahr 1692 zu hören, das weniger durch Verzierungsvielfalt als vielmehr durch eine technisch fast makellose Aufführung Aufmerksamkeit auf sich zieht. Von den passend ausgewählten Solisten ist vor allem der Haute-Contre François-Nicolas Geslot hervorzuheben, der mit fein geführter und eindringlich klingender hoher Tenorstimme das 'Te Deum' veredelt. Auch vom zweiten Konzert, aus dem hier Auszüge zu hören sind, und das von Véronique Gens als Solistin begleitet wurde, ist Gutes zu berichten. Bei diesem geschmackvollen Lully/Rameau-Programm punktet vor allem der Choeur du Marais mit hoher Gesangskultur.

Einen Ausflug in die Musikkultur des Mittelalters bietet Mala Punica unter Leitung von Pedro Memelsdorff an der Blockflöte. Deren Beitrag hält fein musizierte Ballatas, Caccias und Madrigalen unter anderem von Jacopo da Bologna bereit. Einen anderen Akzent setzten hingegen La Chapelle Rhénane unter der Leitung des Tenors Benoit Haller mit einem reinen Schütz-Programm. Wenn auch das geistliche Konzert 'Verbum caro factum est' SWV 314 nicht ganz rund laufen will, so entschädigen die mustergültig musizierten ‚Symphoniae sacrae‘ 'Von Gott will ich nicht lassen' SWV 366 und 'Nun danket alle Gott' SWV 418 für dieses aus intonatorischer wie stilistischer Perspektive geschehenes Malheur. Als Geheimtipp auf diesen drei Platten erweist sich der leider nur vier Nummern umfassende Beitrag der Hamburger Ratsmusik. Deren Leiterin Simone Eckert, die auch als Solistin an der Viola da Gamba zu hören ist, macht eindringlich Werbung für das fast vergessene Schaffen von Johann Philipp Krieger. Gut, dass sie bei den beiden ausgewählten Kantaten aus dem ‚Musicalischen Seelen-Frieden‘, der 1697 in Nürnberg erschienen ist, die Sopranistin Ulrike Hofbauer als mehr als koloratursichere Solistin dabei hat. Ein wahrer Hörgenuss.

Ganz der Instrumentalmusik hat sich hingegen der Auftritt des Concerto Madrigalesco unter der Leitung von Luca Guglielmi verschrieben. Mit beherztem Zugriff musizierten sie Tanzsätze und Sonaten von Johann Heinrich Schmelzer bis Samuel Scheidt. Als Kontrapunkt hierzu erweist sich der von Paolo Zuccheri geleitete Auftritt der Gambe di legno mit den Solistinnen Roberta Invernizzi und Elena Biscuola mit einem ganz Venedig gewidmeten Programm. Als besonderer Höhepunkt erweist sich die Sopran-Kantate 'Laudate Dominum' von Claudio Monteverdi, die Invernizzi mit sublimer Technik zum Leuchten bringt.

Den Abschluss bilden Auszüge aus dem letzten Konzert der Resonanzen, welches meist einer konzertanten Opern- oder Oratorienaufführung gewidmet ist. Bei diesem schwebt einer der Wehrmutstropfen dieses Albums mit. Die sieben kurzen Stücke aus Johann Joseph Fux’ Serenata 'Orfeo ed Euridice' aus dem Jahr 1715 lassen leider nur erahnen, welche Schönheit, die es zu entdecken gilt, hier gegeben wurde. Eine Komplettveröffentlichung dieser Aufführung mit La Cappella Pietà de’Turchini unter Antonio Florio wäre nicht zuletzt aufgrund des Raritätenwertes dieses Stückes dringend anzuraten.

Wer noch einmal auf die Resonanzen 2010 zurückblicken möchte und sich nicht von den kleinen Unzulänglichkeiten, die Konzertmitschnitte so mit sich bringen, abschrecken lässt, dem sei diese CD-Box ans Herzen gelegt. Allerdings handelt es sich – wie gesagt – eben nur um eine Auswahl aus einem viel illustreren Programm, das in den zwei Resonanzen-Wochen im Wiener Konzerthaus zu hören war.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Simon Haasis Kritik von Simon Haasis,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Resonanzen 2010. Flammen: Werke von Charpentier, Jacopo da Bologna, Lully u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
3
16.11.2010
Medium:
EAN:

CD
9004629314891


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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