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Mittwoch, 7. Dezember 2022

Mozart, Wolfgang Amadeus - Die Zauberflöte

Ein Stück klingender Rezeptionsgeschichte


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Flötenquartett L’Arcadia und Daniel Fueter machen mit ihrer Zauberflöte im Arrangement von Franz Heinrich Ehrenfried aus dem Jahr 1793 ein Kapitel Rezeptionsgeschichte teilweise erfahrbar.

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir in unserer heutigen Musikkultur in einem noch nie dagewesenen Luxus leben. Ein Knopfdruck, und unsere Lieblingsmusik steht uns heute in ihrer gesamten Bandbreite zur Verfügung. Wo der Musikliebhaber des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts selbst Hand anlegen musste und zum Musizieren ‚genötigt‘ war, ist heute der Griff zur Platte schnell vollbracht. Dass mit diesen Veränderungen aber auch ein Stück Musikkultur unwiederbringlich verloren gegangen ist, macht die vorliegende Aufnahme des Ensembles L’Arcadia deutlich, die in der ORF-Edition ‚Alte Musik‘ erschienen ist.

Eine ganze Musikaliensparte kümmerte sich in besagtee Zeit, in welche zufällig auch die Uraufführung und frühe Rezeption der 'Zauberflöte' von Wolfgang Amadé Mozart fällt, um die Bedürfnisse der Musikliebhaber. In kammermusikalischen Besetzungen wurden die neuesten Preziosen auf dem Musikmarkt für den mehr oder weniger begabten Musikliebhaber eingerichtet, was für den ein oder anderen Arrangeur eine wahre Goldgrube bedeutet haben musste. So scheint es auch bei Franz Heinrich Ehrenfried gewesen zu sein, dessen Bearbeitung für Flöte, Violine, Viola und Violoncello im Jahr 1793 bei Schott in Mainz erschienen ist. Auch wenn der Schwierigkeitsgrad seiner Einrichtung durchaus hoch anzusetzen ist, scheint sie sich beim Zielpublikum durchaus der Beliebtheit erfreut haben.

Die vorliegende Aufnahme präsentiert nun diese Fassung Ehrenfrieds, die bereits vom Bearbeiter auf eine Auswahl eingeschränkt wurde, in einer weiteren Auswahl. Das Ergebnis ist leider etwas unbefriedigend, da, wie man am als Bonusmaterial beigegebenen Notenmaterial sehen kann, nicht alles was hätte eingespielt werden können, eingespielt worden ist. Schade eigentlich, denn das Ensemble L’Arcadia musiziert beherzt, ungekünstelt und mit viel Verve. Vielleicht einzig an der Balance zwischen den Stimmen hätte etwas mehr gearbeitet werden können, da zum Teil wichtige Einsätze nicht so zu hören sind, wie es wünschenswert wäre. Verdeutlichen lässt sich dies an der Ouvertüre, in der Plamena Nikitassova an der Violine etwas zu indirekt musiziert, so dass der erste Einsatz des Fugenthemas kaum hörbar ist. Dominiert wird die Aufnahme, was aber auch an der Bearbeitung liegt, von Claire Genewein an der Flöte. Leider neigt sie dazu, durch sehr präsentes Spiel die anderen Stimmen manchmal zu überdecken (vielleicht hätte hier tonmeisterlich etwas nachgeholfen werden können). Johannes Frisch und Reto Cuonz ergänzen an Viola und Violoncello das Ensemble. Letzterer greift manchmal etwas zu beherzt zu und gibt so mancher nebensächlicher Verzierung mehr Gewicht als ihr zusteht. Abseits der genannten Aspekte liefert das Ensemble aber eine solide Interpretation, die beim Hören Freude bereitet.

Zusätzlich zur Musik wird auf dieser Aufnahme auch gesprochen. Diesen Erzähler-Part übernimmt Daniel Fueter. Wer eine manchmal zum (Kinder-)Hörspiel neigende Darbietung der Regieanweisungen, gesprochenen und gesungenen Worte mit verschiedentlich verstellter Stimme schätzt, wird sich an Fueter Erzählfassung erfreuen können. Was allerdings wirklich ein Ärgernis darstellt, ist der Umstand, dass die Erzählstimme oftmals Musiknummern unterbricht (so die Ouvertüre nach den ersten Takten, die die berühmten Fanfaren enthalten) oder dass gar während der erklingenden Musik, der ansonsten gesungene Text rezitiert wird. Das mindert den Genuss dieser Aufnahme doch sehr.

Abschließend bleibt die Frage, für wen eigentlich diese Einspielung gedacht ist. Sicherlich haben Sammler und Raritätenjäger Freude daran, mit der Einspielung eine Rezeptionsform der Vergangenheit hörbar zu erfahren, aber was diesen Personenkreis abschrecken könnte, ist die aus den oben erläuterten Gründen störende Erzählfassung. Für Einsteiger hingegen, für die eine erzählte 'Zauberflöte' einen Reiz ausüben kann, ist allerdings eine Bearbeitung für Flötenquartett wohl nicht der rechte Zugang.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Simon Haasis Kritik von Simon Haasis,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Zauberflöte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
2
22.03.2011
Medium:
EAN:

CD
9004629314969


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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