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Montag, 27. September 2021

Liszt, Franz - Annees de Pelerinage

Wahnfrieds vergessene Klänge


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tomas Dratva spielt Liszts 'Wanderjahre' auf einem historischen Flügel. Das Ergebnis hat seine Reize, ist aber letztlich nicht vollauf überzeugend.

Es ist ein berühmtes Bild, das der Maler Georg Papperitz aus Bayreuth überlassen hat: Ein in die Jahre gekommener Franz Liszt sitzt am Flügel und spielt aus einem Klavierauszug. Um ihn herum sieht man Freunde, Kollegen, Bewunderer. Tochter Cosima ist auch da und natürlich – Richard Wagner, die ikonische Mütze auf dem Kopf, ein aufgeschlagenes Buch in den Händen. Gut möglich, dass hier auch der Steinway-Flügel abgebildet ist, auf dem der Schweizer Pianist Tomas Dratva nun für Oehms Classics den ersten Band von Liszts 'Années de Pèlerinage' eingespielt hat. 1876, sieben Jahre vor Wagners Tod, gelangte das Instrument anlässlich der ersten Bayreuther Festspiele in die Villa Wahnfried und der Meister zeigte sich sichtlich hingerissen: ‚Ein so schönes Ertönen, wie das Ihres Instruments, schmeichelt meinen harmonisch-melodischen Sinnen die angenehmsten Tonbilder ab. … Es ist ein edles Kunstwerk!’, schrieb Wagner 1879 an Steinway. Der Flügel wurde 1979 generalüberholt und bietet laut CD-Begleitheft große Möglichkeiten in der Nuancierung von Tonstärke und Klang.

Heroische Hymnen und karge Täler

Im Gegensatz zur oben beschriebenen Szene zeigt der erste Band der 'Wanderjahre' einen jungen, dynamischen Liszt. Einen angehenden Künstler mit dem Wunsch, Eindrücke und Erfahrungen in der Musik festzuhalten. Auf Liszt, der 1835 gerade mit seiner Geliebten Marie d’Agoult nach Genf gezogen war, muss die neue Umgebung großen Eindruck gemacht haben. Viele Stücke der ‚Première Année – Suisse’ sind tönende Naturgemälde. So beispielsweise die zweite Nummer des Zyklus, 'Au lac de Wallenstadt'. Hier schlägt Dratva ein gemächlicheres Tempo an als andere Interpreten, was dem Stück allerdings sehr zugute kommt. Durch dynamisch und agogisch fein differenzierte Behandlung der Begleitfigur sowie eine durchweg abwechslungsreiche und stimmige Phrasierung der Melodie lässt er den Hörer eintauchen in die friedliche Stimmung am Ufer des Sees.

Etwas blasser fällt hingegen das thematisch verwandte 'Au bord d’une source' aus. Die Aufnahme ist hier zwar sehr klangschön und die tönenden Läufe der Quelle perlen elegant dahin, doch es fehlt gelegentlich an Abwechslungsreichtum in der großformatigen Gestaltung. Den in 'Orage' heraufbeschworenen Sturm entfesselt Dratva hingegen mit Bravour. In den unterschiedlichsten dynamischen Abstufungen, vom kleinen Crescendo des aufkommenden Windes bis hin zur alles hinwegfegenden Oktavkaskade lässt er das Unwetter über den Hörer hereinbrechen. Dabei kommt der raue Klang des Wagner-Steinways dem Pianisten durchaus zupass – ein Effekt, der auch gerade die Eröffnung dieser CD zu einem besonderen Ereignis macht. Selten hat man Liszts Hommage an den Schweizer Freiheitskämpfer, 'La Chapelle de Guillaume Tell', so drängend und intensiv erlebt. Die erhebende C-Dur-Hymne klingt durch die klanglichen Eigenheiten des Bayreuther Instruments noch mitreißender. Umgekehrt verhält es sich mit der 'Vallée d’Obermann'. Hier wird deutlich, was das historische Instrument im Vergleich zu modernen Flügel nicht leisten kann. Dabei macht Dratva pianistisch und musikalisch eigentlich alles richtig. Dennoch fehlt dem gesamten Stück die Fülle, die im Begleitheft angepriesene Reichhaltigkeit des Tones bleibt aus.

Zu Besuch bei Wagner

Auch wenn die neue CD aus dem Hause Oehms tatsächlich auch einige pianistische Highlights aufweist, beruht der Charme dieser Aufnahme vor allem darauf, dass hier Geschichte zum Leben erwacht. Lauscht man Dratvas Klängen, so steigen wie von selbst Bilder aus diesem spannenden Kapitel europäischer Musikgeschichte vor dem inneren Auge auf: Ein alternder Franz Liszt, wie er nach einem langen, von Abenteuern und Umwegen geprägten Leben in der Villa seines alten Freundes einkehrt und aus seinen 'Wanderjahren' spielt – umgeben von Freunden und Weggefährten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Cornelius Rauch Kritik von Cornelius Rauch,


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    Liszt, Franz: Annees de Pelerinage

Label:
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OehmsClassics
1
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CD


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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