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Sonntag, 14. August 2022

Zebeljan, Isidora - Orchesterwerke

Zwischen Moderne und Vergangenheit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Werk der serbischen Komponistin Isidora Zebeljan zeichnet sich durch Elemente der Folklore und starke Kontraste des Affekts aus. Hier liegt erstmals eine Aufnahme mehrerer orchestraler Werke vor.

Ein ausführliches Booklet ist für den Besitzer einer CD erfreulich, für den Rezensenten kann es manchmal sogar eine große Hilfe sein, gerade bei Werken, die weitestgehend unbekannt sind. Ein bisschen ärgerlich wird es aber, wenn das im Booklet zu Lesende schon beim ersten Hören und Lesen zweifelhaft erscheint – so auch im Zusammenhang mit 'The horses of Saint Mark' mit Werken von Isidora Zebeljan (geb.1967), erschienen bei cpo. Werden ihre Kompositionen doch als direkte Fortsetzung der Gedanken von György Ligetis Spätwerk bezeichnet, welches natürlich weniger radikal ist als seine Kompositionen der sechziger Jahre – dennoch bleibt der Vergleich nur teilweise nachvollziehbar, denn Zebeljans Tonsprache liegt Strawinskys Expressionismus erheblich näher, klingt vereinzelt sogar eher impressionistisch. Zudem verwirrend, dass einerseits behauptet wird, die Musik habe keine außermusikalischen Programme, alle Werke aber in einen außermusikalischen Kontext gestellt werden.

Affekt und Kontrast

Da diese Fragwürdigkeiten Isidora Zebeljan nicht zu Last gelegt werden sollen zunächst zum Werk der zeitgenössischen Komponistin: In Serbien und im Banat aufgewachsen, ist der Einfluss osteuropäischer Folklore auf ihre Musik, der sich in Melodielinien, Rhythmik und Klangfarben widerspiegelt, offensichtlich (deswegen wohl auch der Vergleich mit Ligeti). Auch die außermusikalischen Themen, die ihren Werken zugrunde liegen, spiegeln die serbische und europäische Kultur der Vergangenheit, die in Bezug mit der Gegenwart gesetzt wird, ein Prinzip, das in ihrer Musik nachvollziehbar ist. Dass Zebeljan sich im Verlauf ihrer Karriere unter anderem und teilweise besonders stark mit Opern, Theatermusiken sowie Filmmusik profiliert hat, erscheint angesichts ihres expressionistischen, abbildend wirkenden Stils naheliegend. Auch jazzige Einflüsse sind hier und da zu bemerken.

Auf der vorliegenden CD findet sich neben den reinen Orchesterwerken ein Zyklus aus Orchesterliedern. Eröffnet wird die Aufnahme mit dem titelgebenden 'The horses of Saint Mark' (Die Pferde des Sankt Markus), sich beziehend auf eine byzantinische Legendet. Das dramatische Stück spielt auf beeindruckende Weise mit den klanglichen Möglichkeiten des Orchesters und strebt stets, an das Galoppieren von Pferden erinnernd, vorwärts. Es folgt der Liederzyklus 'Rukoveti', dessen Textgrundlagen serbische Volkslieder und Gedichte sind, die Zebeljan für die Vertonung jedoch bearbeitete. Das Schlaflied zu Anfang des Zyklus, das lyrisch beginnt, um sich in immer dramatischere Düsternis zu steigern, stellt einen scharfen Kontrast zu dem vorgegangenen Stück dar. Auch die folgenden Lieder und Intermezzi des Zyklus zeichnen sich durch ihre Affekte und starken Kontraste aus. 'The Minstrel‘s dance' ist das vielleicht interessanteste Werk der Aufnahme. Den hier gewählten Melodielinien liegen offensichtlich osteuropäische Tänze zugrunde, denen Elemente des Jazz zugefügt werden. Das Stück ist mittelalterlichen Spielleuten gewidmet, was zu den komplexen, dominanten Rhythmen und den tänzerischen Melodien sicherlich passen mag. Etwas stärker als die anderen Stücke mutet das folgende Stück 'Seliste' wie Filmmusik an, was einerseits aus den anderen Werken auf der CD besonders hervorsticht, andererseits aber etwas konservativ wirkt. Die abschließenden 'Escenas Picaras' wurden laut Zebeljan von spanischen Schelmenromanen des 16./17. Jahrhunderts inspiriert. Solide interpretiert

Was die orchestrale Interpretation angeht, so gibt es an der Performance des Janacek Philharmonic Orchestra unter der Leitung David Porcelijn, das eine gewohnt solide Leistung erbringt, und des Zebeljan Ensembles ('The minstrel‘s dance'), das naheliegenderweise den folkloristischen Charakter der Musik besonders gut erfasst, wenig auszusetzen. Mag die Stimme der Sopranistin Aile Asszonyi in 'Rukoveti' zunächst etwas schrill erscheinen, begreift man bei genauem Hinhören, wie gut sich eben dieser schrille Klang in die Komposition Zebeljans fügt.

'The horses of Saint Mark' ist eine musikalisch ansprechend gestaltete Platte, die das Werk einer selten gehörten, zeitgenössischen Komponistin vorstellt – bereits ein lobenswertes Unterfangen an sich. Sehr unterschiedlich dürfte das Urteil von Musikliebhabern über die Kompositionen Isidora Zebeljans ausfallen, in ihrem Reichtum an Affekten, Kontrasten und Klangfarben dürfte ihr Werk für ein breites Publikum durchaus ansprechend und interessant sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Lisa Otto Kritik von Lisa Otto,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zebeljan, Isidora: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.02.2011
Medium:
EAN:

CD
761203767021


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Zebeljan, Isidora
 - The Horse of Saint Mark - Ilumination for Orchestra
 - Rukoveti - Song One. A Cradle Song
 - Rukoveti - Intermezzo Nr.1
 - Rukoveti - Song Two. Downtown, in Novi Sad a Rose-Tree I Planted
 - Rukoveti - Intermezzo Nr.2
 - Rukoveti - Song Three. All the Yawl Men
 - Rukoveti - Song Four. Whether a True Love or a Jest, a Joke?
 - Rukoveti - Intermezzo Nr.3
 - Rukoveti - Song Five. Oh, My Sweetie
 - The Minstrel's Dance - In the Inn
 - The Minstrel's Dance - Dance for the Dead
 - The Minstrel's Dance - In the Field
 - Seliste - Elegy for Orchestra
 - Escenas picaras - Il Circo e altre storie
 - Escenas picaras - Il Blues, etc.
 - Escenas picaras - Marcia funebre e sviluppo finale


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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