> > > Telemann, Georg Philipp: Trauermusik für Karl VII "Ich hoffete aufs Licht"
Samstag, 15. Dezember 2018

Telemann, Georg Philipp - Trauermusik für Karl VII "Ich hoffete aufs Licht"

Nachruf auf einen Machtlosen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Telemanns Trauermusik für Karl VII. dokumentiert einmal mehr das herausragende Gespür des Komponisten für anlassgemäße Einrichtung von Text und Musik.

So oft Georg Philipp Telemanns Vielseitigkeit schon herausgestellt worden ist, so kommt man doch nicht umhin, ihr immer wieder staunend Respekt zu zollen. Nicht allein die schiere Anzahl und Bandbreite seiner Werke gibt Anlass dazu, auch und gerade der in seiner Person exemplarisch nachzuvollziehende stilistische Umbruch vom Barock zur Frühklassik, den er federführend vorantrieb, macht ihn zu einer der faszinierendsten Gestalten der Musikgeschichte. Seine Hauptwirkungsstätte Hamburg bot ihm hierfür ideale Rahmenbedingungen, verstand sich die Stadt doch seit jeher als repräsentierender und repräsentativer Fokus und Spiegel des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, dessen Herrscher sie als freie Reichsstadt unmittelbar unterstand. So war es für die Stadtoberen Pflicht und Aufgabe, die Wahl, Krönung und das Ableben der deutschen Kaiser aufmerksam zu verfolgen und nicht zuletzt auch musikalisch angemessen begleiten zu lassen. Dementsprechend existieren aus der Feder Telemanns zahlreiche Kompositionen für offizielle politische Anlässe, die alles andere als reine Gelegenheitswerke sind. Ein weiteres Beispiel dafür ist die vorliegende Einspielung der Trauermusik anlässlich des Todes von Kaiser Karl VII. im Frühjahr 1745, die sowohl in musikalischer als auch in textlicher Hinsicht voll auf der Höhe der Zeit steht.

Musikalisch vielfältig

Das Label cpo hat sich in den vergangen Jahren in besonderer Weise um die Wiederentdeckung und die ihm zustehende Aufmerksamkeit des Telemannschen Oeuvres verdient gemacht. Dabei konnten jeweils verschiedene, doch immer führende Ensembles der Historischen Aufführungspraxis gewonnen werden. Michael Schneider und seine Formation La Stagione Frankfurt sind seit mehreren Einspielungen von Vokal- und Instrumentalmusik mit Telemanns Schreibart bestens vertraut. Dementsprechend agieren sie auch in dieser Einspielung mit musikantischem Gespür und einem schlanken Gesamtklang, der der absichtsvoll einfach gehaltenen Tonsprache sehr gut entspricht. Vereinfachung war offenbar das Gebot der Stunde: Denkt man vergleichsweise etwa an Telemanns zwölf Jahre zuvor komponierte üppigst besetzte Trauermusik 'Unsterblicher Nachruhm Friederich Augusts' (fälschlicherweise als ‚Serenata eroica‘ tituliert), so fällt die Besetzung hier lediglich mit Streichern sowie gedämpften Trompeten und Pauken doch eher spärlich aus. Wie für Telemann üblich, versteht er es auch aus diesen begrenzten Mitteln differenzierte und abwechslungsreiche Klangfarben zu evozieren, die Schneider ausdrucksstark umzusetzen versteht. Auch der sich mit zwei Sängern pro Stimme an den Bedingungen der Uraufführung orientierende Chor leistet Hervorragendes und weiß mit klar verständlicher Aussprache und stimmlicher Beweglichkeit vollauf zu überzeugen. Wie bereits in der Musik zum Andenken Augusts des Starken verwendet Telemann auch in diesem Eröffnungschor die Stimmkopplungen Sopran-Tenor und Alt-Bass, die eine ebenso erhabene wie archaische Klangwirkung erzielen. Der gesamte musikalische Duktus orientiert sich bereits am sogenannten ‚galanten Stil‘, der mit seiner Betonung der Oberstimmen und Auflockerung des Satzgefüges prägend für Telemanns Spätwerk sein wird. Entsprechend liegt der Schwerpunkt auf den Arien, unter denen besonders die Alt-Arie mit Chor 'Lasst uns klagen' mit ihrer von Vorhalten geprägten herben Harmonik und die Sopran-Arie 'Wir knieen, o Versöhner, hier' (stimmlich voller Anmut: Annegret Kleindopf) mit einer schlichten, aber sehr innigen Gesangslinie herausragen.

Text im Zeichen des Kriegs

Weiterhin bemerkenswert ist der Text, der sehr konkret die tagesaktuellen Ereignisse widerspiegelt, so etwa der Kampf Preußens gegen Österreich um Schlesien ('Man gehet irre, wie im Dunkeln, und Teutschland fragt, da soviel zwist’ge Waffen in seiner Kinder Händen funkeln, wer Feind, und wer Gehülfe sey?'). Von barocken Allegorien, die die Herrschertugenden besingen, ist hier wenig übrig geblieben; vielmehr wird recht unverblümt deutlich, dass andere als der deutsche Kaiser im Reich ihren Einfluss geltend machten. Insofern handelt es sich nicht nur um eine wertvolle Ergänzung zu Telemanns Diskographie von Werken der 1740er Jahre, sondern auch um ein interessantes Zeitdokument.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann, Georg Philipp: Trauermusik für Karl VII "Ich hoffete aufs Licht"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.02.2011
EAN:

761203760329


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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